Im Interview: Chip Kidd "Ich wäre gerne Ian Curtis"

Jedes Buch braucht ein Gesicht: Der Stardesigner Chip Kidd über Buchumschläge und das Bücherkaufen im Zeitalter von Amazon und E-Books.

Interview: Friederike Bothe

Der Grafikdesigner Chip Kidd war dieses Jahr der Stargast auf Europas größter Designkonferenz "Typo Berlin". Kidd arbeitet seit 24 Jahren für den New Yorker Verlag Random House. In den USA gelten seine Buchumschläge als Meilensteine des Designs. Vor vier Jahren erschien eine Monographie mit seinen Arbeiten. (CHIP KIDD, Book One. Mit einer Einleitung von John Updike. Rizzoli, New York, 2005. 400 Seiten, 56,99 Euro)

Süddeutsche Zeitung: Welche Rolle spielen Sie als Designer beim Verkauf eines Buches?

Chip Kidd: Keine große. Vor allem, seit der Buchmarkt mehr und mehr über das Internet läuft. Es ist eben doch etwas ganz anderes, ob man in einem Buchladen stöbert oder im Web nach einem Buch sucht. In einem Buchladen zu stöbern ist ein bisschen wie ein Schaufensterbummel. Wir haben im Englischen diesen Ausdruck "serendipity", das heißt, dass man etwas findet, von dem man gar nicht wusste, dass man es sucht.

SZ: Und im Web gibt es das nicht?

Kidd: Doch, aber das funktioniert nicht mehr auf der visuellen Ebene. Man sucht mit bestimmten Kriterien nach einem Buch. Oder man stößt auf etwas, weil einem der Empfehlungsgenerator auf Amazon sagt, dass man das und das mögen könnte, weil man ja das und das ja schon mag.

SZ: Amazon hat da aber oft recht.

Kidd: Das ist richtig. Aber es geht eben nicht mehr um die Umschläge. Vor ein paar Jahren hat mir ein Autor geschrieben, dass er meinen Entwurf für ihn großartig finde, aber er mache sich Sorgen, wie der aussehen würde, wenn man ihn für die Amazon-Webseite auf Briefmarkengröße verkleinert. Ich habe ihm so höflich wie möglich geantwortet: Das ist vollkommen egal. Wenn die Käufer den Umschlag sehen wollen, können sie ja draufklicken und ihn vergrößern. Aber im Web kauft niemand ein Buch, weil ihm der Umschlag gefällt. Das ist einfach nicht Teil der Netzkultur.

SZ: Haben die Verlage deswegen schon begonnen, an den Umschlägen zu sparen?

Kidd: Ja, wir müssen inzwischen sehr vorsichtig mit Geld sein. Das ist richtig bitter. Auf der anderen Seite lautet eine der Regeln, die ich im Studium gelernt habe: "Beschränkungen sind Möglichkeiten." Das stimmt. Grafikdesign muss nicht teuer sein. Natürlich macht es großen Spaß, einen Umschlag mit durchsichtiger Plastikfolie oder mit Stanzungen zu gestalten. Aber das muss auch wirklich etwas bedeuten. Außerdem wird viel Geld gespart, weil wir vierfarbige Umschläge inzwischen fast immer in China produzieren lassen.

SZ: Gehen Sie dann zum Andruck nach China?

Kidd: Nein. Meistens wissen die schon, was sie da tun. Manchmal bekommen wir zwar Andrucke, die nicht so besonders sind. Aber dann markieren wir die Korrekturen und schicken sie zurück. Das eigentliche Problem ist, dass man deswegen für die Produktion zehn Tage mehr kalkulieren muss.

SZ: Wenn Sie also immer weniger mit dem Verkauf eines Buches zu tun haben, bedeutet das dann, dass Sie mehr künstlerische Freiheit haben?

Kidd: Nicht ganz. Da gibt es manchmal schon einen gewaltigen kommerziellen Druck. Unser Verlag hat zum Beispiel für den Herbst einen neuen Roman von Dan Brown in Arbeit. Damit habe ich zwar nichts zu tun, aber in so einem Fall ist der Druck enorm. Natürlich hat man mehr Freiheiten, wenn man den Umschlag für eine Gedichtsammlung gestaltet. Da kann man, wenn der Autor einverstanden ist, machen, was man will.

SZ: Sie haben selbst zwei Romane geschrieben.

Kidd: Ja, ich habe das zwar nicht gelernt. Aber ich arbeite an rund 75 Büchern pro Jahr. Viele davon lese ich auch. Also nicht gerade eine Promibiographie. So viel Zeit hat man ja gar nicht. Aber ich lese permanent Bücher von richtig guten Autoren. Da konnte ich über die Jahre hinweg studieren, wie Sätze und Handlungen konstruiert sind, wie man ein Buch in Gang und wieder zu Ende bringt. Mehr oder weniger ist das ja wie Designen mit Worten. Da habe ich das einfach mal versucht.

SZ: Ist die geschriebene Sprache nicht etwas ganz anderes als die visuelle Sprache?

Kidd: Ich glaube, jeder Grafiker sollte lernen, zu schreiben und Kreuzworträtsel zu lösen. Als Grafikdesigner setzt man sich andauernd mit Sprache auseinander. Und je besser man die beherrscht, desto besser kann man seine Konzepte formulieren. Das wird allerdings an den wenigsten Schulen unterrichtet. Dabei schreibt man wegen E-Mail und SMS mehr als je zuvor. Ich bekomme Mails von Leuten, die ich kenne, und die lesen sich, als hätte die ein Idiot geschrieben. Dabei weiß ich doch, dass das keine Idioten sind.

SZ: Mit all den neuen Medien liest man aber auch mehr als je zuvor. Was halten Sie denn von den neuen E-Readers wie dem Kindle?

Kidd: Bäh . . .

SZ: Graust es Ihnen, weil es kaum noch Titelbilder gibt?

Kidd: Und wenn es sie gibt, sind sie schwarzweiß und in Pixel verzerrt. Nach allem, was ich bisher gesehen habe, interessiert mich das nicht.

SZ: In Deutschland sind die E-Books noch nicht sehr verbreitet. Setzen sie sich in den USA denn durch?

Kidd: Ich sehe sie inzwischen immer öfter. Auf dem Flug hierher nach Berlin zum Beispiel. Aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass die meisten Leute eigentlich schon einen E-Reader haben. Der nennt sich Laptop. Wozu bitte braucht man denn noch so ein 500-Dollar-Gerät mit einem Bildschirm? Aber Amazon tut alles, um den Leuten diese Dinger aufzudrängen. Das finde ich bedenklich, denn wenn es wirklich dumm kommt, haben die Leute irgendwann keine Wahl mehr. Dann heißt es - Kindle oder nix.

SZ: Aber können die neuen Technologien nicht eigene Formen für Titelgestaltung entwickeln?

Kidd: Das wäre wahrscheinlich ziemlich deprimierend, aber - klar. Jedes Buch braucht buchstäblich ein Gesicht, egal ob es ein elektronisches oder ein traditionelles Papierbuch ist. Alleine fürs Marketing braucht es eine eigenständige visuelle Identität.

SZ: Musik hat die ja schon nicht mehr.

Kidd: Doch, das sind jetzt die Videos. Die haben die Cover der Langspielplatten ersetzt. Das hat mit Youtube nochmal einen richtigen Schub gekriegt.

SZ: Apropos Musik - die Zeitung USA Today nannte Sie einen Mann, der im Grafikdesign "einem Rockstar ziemlich nahekommt".

Kidd: "Ziemlich nahekommt" - das heißt ja nur, dass ich kein Rockstar bin.

SZ: Wären Sie gerne einer? Der Designer Stefan Sagmeister hat einen ähnlichen Status. Wenn Stefan Sagmeister also Madonna wäre, dann wären Sie . . .

Kidd: Oh nein, ich glaube, Stefan Sagmeister wäre Mick Jagger.

SZ: Also ziemlich alt und ein bisschen peinlich?

Kidd: Nein, nein. So war das nicht gemeint. Meine Helden waren immer Joy Division und New Order. Ich glaube, ich wäre gerne Ian Curtis. Ich wäre nur nicht so gerne mit 23 gestorben.

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