SZ: Sie hatten eine Schlagerphase.
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Schamoni: Ja, aber als ich den Schlager touchiert habe, gab es noch kein Schlager-Revival. Mein damaliger Produzent Dirk Felsenheimer (Bela B. von den Ärzten) hat Michael Holm angerufen und wir haben mit ihm "Mendocino" aufgenommen. Seit sechs Jahren hatte Holm nichts mehr gemacht. Schlager war tot damals, aber es war noch ein Britzeln in der Luft, man konnte damit noch provozieren. Es hat aber überhaupt nicht funktioniert. Es wurde nur die Originalversion wieder gespielt. Und Dieter Thomas Heck rief angeblich Michael Holm an und fragte ihn, was für einen Quatsch er da mit diesem Idioten Schamoni mache. Das gehöre sich nicht. Zwei, drei Jahre später ging das Revival los. Beim riesigen Schlagermove in Hamburg stand ich an der Straße und habe mich mitschuldig gefühlt.
SZ: Da waren Sie aber schon nicht mehr im Schlagergeschäft?
Schamoni: Ich war draußen, möchte aber nicht alle Schuld von mir weisen.
SZ: Wie weit kommt man im Pop heute noch mit Provokationen?
Schamoni: Die Provokation, mit der ich aufgewachsen bin und die von den Sex Pistols ausging, ist so heute nicht mehr transportierbar. Darüber regt sich keiner mehr auf. Heute braucht es Leute wie Dieter Bohlen. Die provozieren, indem sie Gebäude einrennen, die bis dahin zu Recht unbegehbare Zonen waren. Es wird dann menschenverachtend. Ansonsten gibt es in unseren Breitengraden nicht mehr viel zu holen. In Amerika kann man mit Sexualität noch weit kommen und in der ganzen muslimischen Welt sowieso. Ich würde mich da persönlich jetzt nicht vorwagen, aber ich würde mich freuen, wenn einer damit anfangen würde.
SZ: Halten Sie die allgemeine Abgeklärtheit in Bezug auf Provokationen für einen Fortschritt oder einen Rückschritt?
Schamoni: Sowohl als auch. Die Polizisten zum Beispiel, die ich noch erlebt habe, waren ganz harte Nachkriegstypen. Die haben uns Punks noch richtig verachtet. Die Polizisten, mit denen ich heute wegen unseres Pudel Clubs auf der Reeperbahn zu tun habe, haben eine Pop-Vorbildung. Ich saß mal vor zwei Polizisten, die kannten sogar Studio Braun. Gleichzeitig verschwimmen so auch Grenzen, die erkennbar bleiben sollten. Die Mächtigen haben in den letzten zwanzig Jahren gut aufgepasst und gelernt, wie man sich am besten maskiert.
SZ: Was halten Sie von dem Tarnnamen "Angela Merkel"?
Schamoni: Ich vermute, dass sie ... - also ich weiß nicht, wie sie sonst heißt, aber ich halte ihn für einen sehr guten Tarnnamen. Er wirkt, alle glauben daran. Keine Ahnung, wer dahintersteckt.
Der Sänger, Schauspieler, Entertainer, Schriftsteller, Musiker, Komiker und Clubbetreiber Rocko Schamoni wurde unter dem Namen Tobias Albrecht 1966 in Lütjenburg / Schleswig-Holstein geboren. Karrieren als Post-Punk-Musiker und Schlagersänger begannen Ende der 80er Jahre in Hamburg und scheiterten. Mehr Erfolg hatte er als Mitgründer und Besitzer des Nachtlokals Pudel Club auf der Reeperbahn und seit Ende der 90er - neben Heinz Strunk und Jacques Palminger - als Teil des famosen Telefonstreich-Trios "Studio Braun". "Risiko des Ruhms" (Rowohlt) war 2000 sein erster, "Sternstunden der Bedeutungslosigkeit" 2007 sein dritter und vorerst letzter Roman. 2004 erschien der Bestseller "Dorfpunks", die Erinnerungen an seine Zeit als holsteinischer Punk Roddy Dangerblood. Am Hamburger Schauspielhaus feierte die von "Studio Braun" inszenierte Theaterfassung 2008 Premiere. Die Verfilmung des Buches von Lars Jessen startet am Donnerstag im Kino.
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(SZaW vom 18./19.04.2009/irup)
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