Im Gespräch: Maria Lassnig "Sehr gutes Blatt"

SZ: Viele Malerinnen des 20. Jahrhunderts sind in die Wüste gegangen, Agnes Martin, Georgia O'Keeffe...

Lassnig: Georgia O'Keeffe, die hat den Fotografen und Galeristen Alfred Stieglitz hinter sich gehabt, die konnte sich's leisten. Unsereins muss unter Menschen bleiben, damit man überhaupt bemerkt wird.

SZ: Erst im vergangenen Jahr wurden Sie in London als "Entdeckung des Jahrhunderts" gefeiert!

Lassnig: Man hat mich so lange unterbewertet, dass ich die jetzige Bewertung gar nicht bewerten kann.

SZ: Trotzdem, derlei Lob ist ja nicht unangenehm.

Lassnig: Naa! Im tiefsten Grunde, ganz innen drin, hab' ich immer gewusst, dass ich gut bin. Und ich hab mir gedacht, ich versteh' bloß nicht, warum die anderen das nicht bemerken. Aber ich hab' halt so seltsame Sachen gemacht und ich war nie sehr schlau und clever beim Ausstellen. Ich habe immer alles hineingeschmissen in die Kunsthallen, das darf man nicht. Man muss erst alle roten Krawatten ausstellen, nach zwei Jahren dann die grünen. . .

SZ: Man muss strategischer sein.

Lassnig: Ja, das war ich nie.

SZ: Fühlen Sie sich benachteiligt?

Lassnig: Ich hab' immer das Gefühl gehabt, ich werde nicht akzeptiert. Meine Galeristen, die ganz schön an mir verdient haben, haben mir nie gesagt, dass ich auch Begeisterung hervorrufen kann: Nur ja nicht fördern, damit sie nicht übermütig wird; deshalb bin ich immer getaucht worden. Eine Galeristin hat mit mir geredet wie mit einem Dienstmädchen.

SZ: Nach dem Motto: Der unglückliche Künstler ist kreativer?

Lassnig: Nein, damit ich nicht mehr Geld verlange! Mein heutiger Galerist Iwan Wirth war ja entsetzt über mein Selbstvertrauen. Er sagt mir immer, ich sei die Größte...

SZ: Einmal haben Sie unter eine Ihrer Zeichnungen geschrieben: "Sehr gutes Blatt".

Lassnig: Ich hab' gefürchtet, die anderen werden's nicht finden. Ein Scherz, eigentlich.

SZ: Setzt sich das Gute am Ende durch? In der Kunst, meine ich?

Lassnig: Mein Gott, man soll sich halt nicht verlassen darauf.

SZ: Sie sind mal Motorrad gefahren, ist das richtig?

Lassnig: Das war nötig, für oben, die 1100 Meter. Für da hab ich's gekauft. 1984. Nach einem Jahr bin ich dann in einen Laternenpfahl hineingefahren. Da war's aus.

SZ: Mit 65 die Berge hinaufsausen. Respekt.

Lassnig: Ja, das war mein Supermaxi. In jeder Kurve hab ich mich ein bisserl gefürchtet.

SZ: Denken Sie manchmal an den Tod?

Lassnig: Sie meinen, ob ich ans Sterben denke?

SZ: Na ja...

Lassnig: Sie brauchen sich doch nicht zu schämen! Das möchte doch jeder wissen, aber gleichzeitig will's keiner wissen, weil alle sich fürchten. Ich weiß nur: Wenn ich in einer Wiese liege, möchte ich mich in ihr auflösen. Das wär' ein schöner Tod; die langsame Auflösung.

Maria Lassnig, die in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag feiert, wurde am 8. September 1919 in Kappel am Krappfeld in Kärnten, Österreich, geboren. Sie ist eine der radikalsten und war eine der verkanntesten Künstlerinnen unserer Zeit. Ihre Bilder lassen sich keiner gängigen Strömung zuordnen, beruhen einzig auf ihrem "Körpergefühl". 1943 wäre sie, die Dirndlträgerin vom Lande, fast von der Wiener Akademie geworfen worden. In Paris lernte sie nach dem Krieg Chefsurrealist André Breton kennen - und war enttäuscht. 1968 in New York wurden ihre Bilder als "weird" abgetan. Doch 1980 wurde Lassnig die erste Kunstprofessorin im deutschsprachigen Raum: in Wien. 2008, in London, bejubelte man sie als Jahrhundertkünstlerin. Derzeit zeigen das Wiener Museum Moderner Kunst und das Kölner Museum Ludwig große Retrospektiven ihres Werks.