Im Gespräch: Klaus Wagenbach "Kann ich mal bei dir pennen?"

Alt-Nazis gegen Wehrdienstverweigerer, das war Westberlin: Verleger Klaus Wagenbach über die sechziger Jahre, den Fall Kurras und die politische Linke.

Interview: Willi Winkler

Klaus Wagenbach, 78, ist Kafka-Forscher und seit 1965 politischer Verleger. Bei ihm erschienen die ersten Bücher Wolf Biermanns, später Texte der RAF, aber auch Erich Frieds Gedichte und die "Freibeuterschriften" Pier Paolo Pasolinis. Weil er die Tötung Benno Ohnesorgs durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras als "Mord" bezeichnete, wurde Wagenbach 1975 zu neun Monaten Gefängnis verurteilt.

SZ: Herr Wagenbach, gehören Sie nicht auch zu diesen '68ern, die jetzt aufgefordert werden, endlich einzusehen, dass alles falsch war.

Klaus Wagenbach: Meine Haupterinnerung an '68 besteht darin, dass wildfremde Leute vor der Tür standen und fragten: "Kann ich mal bei dir pennen?" Die Genossen verbreiteten die Theorie - und die Praxis blieb an uns hängen.

SZ: Sie haben 1965 in Berlin Ihren Verlag gegründet, einen Ost-West-Verlag.

Wagenbach: Ich wollte Autoren aus der Bundesrepublik und aus der DDR veröffentlichen. Diese schöne Zeit währte genau vom 23. März, als die ersten Titel ausgeliefert wurden, bis zum 5. Dezember 1965, als Walter Ulbricht auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED verkündete: Wir dulden keine Anarchisten, wir sind ein sauberer Staat. Was ich natürlich sofort glaubte.

SZ: Er meinte das sozialistische Deutschland?

Wagenbach: Das war das sozialistische Deutschland. Darum ist es frei erfunden, wenn jetzt behauptet wird, dass die Linke in der DDR ein Vorbild gesehen hätte. Wie konnte ich in einem Staat ein Vorbild sehen, in dem meine Bücher verboten wurden?

SZ: Welche Autoren aus der DDR haben Sie verlegt?

Wagenbach: Johannes Bobrowski, Stephan Hermlin, Wolf Biermann. Am letzten Tag des Jahres 1965 bekam ich Besuch von Herrn Höpcke, der später stellvertretender Kulturminister der DDR wurde, also Generalzensor. Er bat mich freundlich, Biermanns "Drahtharfe" nicht mehr nachzudrucken. Das habe ich natürlich nicht gemacht, und dafür bekam ich Ein- und Durchreiseverbot für die DDR - was bedeutete, dass ich nur noch mit dem Flieger rein- und rauskam.

SZ: Wie lange ging das?

Wagenbach: Sieben Jahre, bis zu den Brandt-Verträgen 1972.

SZ: 1965 war es mit der Ruhe hin, da ging das in Berlin los mit den Vietnam-Protesten.

Wagenbach: Ich war da jenseits der dreißig und deshalb für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) schon zu alt. Aber bei den Demonstrationen habe ich erlebt, wie die Leute am Straßenrand tobend vor Wut riefen: "Die müsste man alle vergasen!"

SZ: Das haben Sie selber gehört?

Wagenbach: Mehrfach! Ich bin dann immer hin und gesagt: "Ne, das finde ich falsch. Eigentlich müsste man sie schlachten und zu Wurst machen und dann verkaufen." Da wurden sie bleich und traten zurück. Aber erst kam die Gaskammer.

SZ: Warum geht man dann in den sechziger Jahren nach Berlin? Das ist doch nicht angenehm.

Wagenbach: Doch.

SZ: Weil man sich als was Besonderes fühlt?

Wagenbach: Hören Sie mal, das vergisst man immer gern, aber in Berlin war die Elite der Nation versammelt: die Wehrdienstverweigerer. Die alten Nazis gegen die Wehrdienstverweigerer, das war Westberlin. Die Zwischengeneration fehlte, die war im Westen und machte Karriere. Deswegen war der Zusammenstoß in Berlin besonders heftig, deshalb wurde hier auch am meisten geschossen.

SZ: Es herrschte der Kalte Krieg, und Berlin nannte sich die Frontstadt. Als 1966 Farbeier aufs Amerikahaus geschmissen wurden, hat sich der Regierende Bürgermeister Willy Brandt beim amerikanischen Stadtkommandanten für diese "Elemente und die sie unterstützenden SED-Leute" entschuldigt.

Wagenbach: Ja, das war eine Demutsgeste vor den Amerikanern, die uns mit der Luftbrücke gerettet hatten. Vor dem Amerikahaus hatten sich vielleicht hundert Leute eingefunden. Es flogen die besagten Farbeier. Die Flagge wurde eingezogen, aber ich habe sie wieder hochgezogen, auf Halbmast. Als ich am anderen Tag die Zeitungen aufschlug, dachte ich, die Revolution sei ausgebrochen. Es war ein so lächerliches Missverhältnis zwischen den drei Farbeiern und dem undifferenzierten Gebrüll, das einem da entgegenschlug. Aber Berlin war beherrscht von diesem Gebrüll. Es kam nicht nur aus den Springer-Zeitungen, sondern auch aus dem Rias und dem Sender Freies Berlin (SFB). Dort gab es einen Mann namens Matthias Walden, dessen Kommentare am nächsten Tag in der Welt erschienen. Alles aus einer Hand. Beim SFB machte ich nebenbei eine Schulfunkserie, "Deutsche Literatur im 20. Jahrhundert", und in der Folge wurde ich rausgeschmissen. Verstehen Sie, es gab praktisch nichts, was nicht Springer war.

SZ: Die Berliner Schriftsteller wünschten sich doch in Bonn eine SPD-Regierung und gründeten das Wahlkontor der SPD, litten aber gleichzeitig unter der Berliner SPD.

Wagenbach: Die Berliner SPD war immer ein Sonderfall. Aber wir haben das SPD-Ergebnis bei der Bundestagwahl 1965 wahrscheinlich um 0,02 Prozent verbessert.

SZ: Trotzdem ging die Wahl verloren. Was haben Sie im Wahlkontor gemacht?

Wagenbach: Wir waren verschiedenen Politikern zugeteilt. Ich musste für Helmut Schmidt schreiben, was mir ungeheuer schwer fiel.

SZ: Warum?

Wagenbach: Schmidt war Oberleutnant gewesen, und dieser Ton war unverkennbar in allen seinen Reden. Für mich war diese Tonlage kaum imitierbar.

SZ: Hat Schmidt denn wirklich Ihre Texte vorgetragen?

Wagenbach: Partienweise sicher.

SZ: 1969 gelang endlich der ersehnte Machtwechsel, Willy Brandt wurde Kanzler und wollte mehr Demokratie wagen.

Wagenbach: Brandt ist ein interessanter Fall, denn er war Berliner. Aber die Wende ist nicht mit Brandt gekommen.

SZ: Sondern?

Wagenbach: Die Zeitenwende fing 1964 an, und zwar mit dem Frankfurter Auschwitzprozess. Da wurde auch denen, die sonst gern sagten: "Di Judde warn eigentlich sebä schuld", da wurde selbst denen klar, was das bedeutete. Ich habe doch als Kind meine Landsleute erlebt, wie sie bis zum Kriegsende vom Endsieg faselten und schon am nächsten Tag behaupteten, sie hätten von nichts gewusst. Die Täter verwandelten sich von einem Tag auf den anderen in Opfer. Noch lange nach dem Krieg hat man so geguckt, ob da nicht ein SS-Strolch auf einen zukommt.

SZ: Noch in den sechziger Jahren?

Wagenbach: Wenn ich's Ihnen doch sage! Ich habe immer mein eigenes Volk sortieren müssen. 1954, als sie in Bern Fußballweltmeister wurden, habe ich in Frankfurt gehört, wie nach der Deutschlandhymne wie früher das Horst-Wessel-Lied gebrüllt wurde. Das Gebrüll des "Dritten Reichs" konnten Sie in den Wochenschauen hören, und im Rundfunk wurde noch immer gebellt. Wenn einer mal Gitarre spielte, kam sofort der Polizeiknüppel. Das waren die "Schwabinger Krawalle". Sie machten sich doch damals praktisch schon strafbar, wenn Sie Geschlechtsverkehr hatten, ohne verheiratet zu sein. Wenn Hildegard Knef eine halbe Brust heraushängen ließ, wurde die Aktion "Saubere Leinwand" aktiv. Mit Ohnesorg hatte das überhaupt nichts zu tun.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum die Polizei den Verlag vernichten wollte.