SZ: Am Vorabend zählt die Quote gewissermaßen doppelt, da hier Werbeerlöse geholt werden sollen. Die ARD gab sogar dem von Pro Sieben bekannten Modemann Bruce Darnell eine Chance.

An sieben Tagen zu vier verschiedenen Zeiten: Die "Tagesthemen" - hier mit Caren Miosga. (© Foto: dpa)

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Boudgoust: Es geht uns am Vorabend nicht um Werbeerlöse, sondern wir wollen junge Leute in ihrem Lebensumfeld ansprechen. Sicher, es gab bei uns Fehlgriffe. Doch ein verlässliches Erfolgsrezept, den süßen Vogel Jugend zu greifen, gibt es nicht. Die Serie "Türkisch für Anfänger" war ein gutes Programm, das leider nicht so vom Publikum angenommen wurde, wie es die Macher verdient hätten

SZ: Sie erreichte neun Prozent Marktanteil. Das muss für ein interessantes Programm im gebührenfinanzierten Fernsehen doch ausreichen.

Boudgoust: Qualität und Quote sind kein Gegensatzpaar. Das würde ja sonst bedeuten, dass wir umso besser werden, je weniger Leute wir erreichen. Als Faktor der Meinungsbildung sollte die ARD möglichst viele Leute erreichen - im übrigen auch mit Dokumentationen und Reportagen. Quote ist dabei ein objektiver Maßstab, um Erfolg zu messen - auch wenn es nicht der einzige Maßstab sein sollte.

SZ: Die WDR-Intendantin Monika Piel sagt, es mache ihr nichts aus, wenn die ARD nicht mehr Marktführer wäre. Mit dem zweiten oder dritten Platz wäre sie auch zufrieden.

Boudgoust: Quote darf nicht verabsolutiert werden. Aber Qualität muss auch Quote schaffen, sonst machen wir nur noch Oberschichtenfernsehen. Wichtigstes Ziel muss sein, in allen Genres gute Qualität abzuliefern.

SZ: Sie sind stolz, mit dem Ersten Erster zu sein?

Boudgoust: Ich habe einen sportlichen Ehrgeiz. Wenn man beim Skat nicht auf Sieg spielt, führt das ja auch zu Verdruss in der Runde.

SZ: Wo bleiben in Ihrem auf Quoten fixierten System die Lust am Experiment und das redaktionelle Abenteuer? Die Stoffe werden bei Ihnen so ausgesucht, dass sie bestimmte Marktanteile schaffen.Viele klagen in der ARD über einen hohen Erfolgsdruck.

Boudgoust: Wir sind nicht auf Quote fixiert. Man kann Erfolg nicht mit einem mathematischen Modell erreichen. Die Kreativen sind in der ARD frei. Aber auch sie wollen, dass ihre Filme gesehen werden. Jeder Regisseur am Theater möchte doch, dass er das Haus voll bekommt.

SZ: Fragt sich nur, ob es sich um ein Musicaltheater oder eine Off-Bühne handelt.

Boudgoust: In vielen Schauspiel- und Opernhäuser jubelt das Publikum über Aufsehen erregende Produktionen. Das ist kein Boulevard.

SZ: Man nehme ein schwülstiges Thema, einen Termin am Freitagabend und eine als Vollweib charakterisierte Schauspielerin wie Christine Neubauer - fertig ist der Quotenerfolg à la ARD.

Boudgoust: Ich wünschte, es wäre so einfach. Diese Degeto-Filme, von denen Sie reden, zielen auf ein spezielles Publikum, das wiederum Frau Neubauer schätzt. Das ist solides, gut gemachtes Handwerk, davon hat sich die ARD im Jahr 2008 sechs Erstsendungen und vier Wiederholungen geleistet. Nicht zuviel für ein Vollprogramm, wie ich finde.

SZ: Aufgrund der Digitalisierung und immer neuer Sender nehmen die durchschnittlichen Quoten und Marktanteile ohnehin ab. Da könnten Sie den Fetisch Quote doch einfach entsorgen!

Boudgoust: Die konventionell ermittelte Quote hat noch einen Aussagewert. Aber je mehr Leute zeitversetzt - im Internet, über Videorekorder oder Festplatte - ihre Programme schauen, desto schwieriger wird es, das zu messen. Das kann aber nicht dazu führen, dass quantitativer Erfolg unwichtig wird. Wer würde sonst bestimmen, was Qualität ist? Die 20 selbst ernannten Qualitätsgurus der Nation?

SZ: Herr Boudgoust, Sie loben die ARD als Informationsanbieter. Warum behandeln Sie dann journalistische Formate so schlecht? Die "Tagesthemen" laufen an sieben Tagen zu vier verschiedenen Zeiten.

Boudgoust: Das bekümmert mich auch. Es ist aber nicht aus Missachtung gegenüber dem Genre geschehen, sondern das Ergebnis unserer Entscheidung, mit Anne Will und Frank Plasberg gleich zwei gute politische Talkshows zu etablieren.

SZ: Sie wollen das "Tagesthemen"-Problem noch in Ihrer zweijährigen Amtszeit lösen?

Boudgoust: Dafür werde ich mich jedenfalls einsetzen. Wir dürfen aber keine Probleme lösen, indem wir größere schaffen. Es gibt positive Signale für eine Vereinheitlichung.

SZ: Diskutiert wird, den Fernsehfilm von Mittwoch auf den Montag zu verlegen. Dort würde er dann gegen den ZDF-Film der Woche laufen.

Boudgoust:Das ist eine von mehreren Optionen. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang natürlich auch, "Hart aber fair" mit Frank Plasberg nicht zu schwächen.

SZ: Wenn Ihnen Informationen so wichtig sind - warum verstecken Sie gut gemachte Dokumentationen wie das "Schweigen der Quandts" kurz vor Mitternacht im Programm?

Boudgoust: Für solche Dokumentationen haben wir relativ wenig Sendeplätze am Hauptabend. Im komplizierten Gefüge der ARD sind die Programme langfristig verplant. Ich räume ein, wir tun uns mit spontanen Geschichten schwer, da müssen wir flexibler werden.

SZ: Es sei denn, es handelt sich um ein Fußball-Uefa-Cup-Spiel. Da wurde schon mal innerhalb von 72 Stunden die Fläche geräumt.

Boudgoust: Ein Fußballspiel können wir nicht 14 Tage später übertragen. Keine Sorge, das Problem entspannt sich, da wir für längere Zeit UEFA-Cup-Spiele nicht mehr haben.

SZ: Dann könnten Sie die guten Dokumentationen ja um 20.15 Uhr bringen.

Boudgoust: So einfach ist das leider nicht. Die Sendeschemata orientieren sich an Sehgewohnheiten, sind meist auf 90 Minuten ausgerichtet. Im SWR Fernsehen haben wir übrigens gerade unsere Doku-Reihe "betrifft" auf Mittwoch 20.15 Uhr verlegt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der ARD die Bambi-Verleihung wichtiger war als die Terroranschläge in Mumbai.

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