Historikerstreit Wie es sich zugetragen hat

Falsches Bild: Auf diesem Graffito des anonymen Künstlers Banksy in Bethlehem möchte ein Soldat sogar von einem Esel die Ausweispapiere sehen. Unter israelischen Geschichtswissenschaftlern herrscht seit Jahrzehnten Uneinigkeit über die Darstellung wichtiger historischer Ereignisse.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

In den Achtzigern begann eine Gruppe Historiker, sich kritisch mit der Staatsgründung und der Geschichte Israels zu beschäftigen. Bis heute wird über ihre Thesen gestritten.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Den Begriff hat Benny Morris geprägt. In einem 1988 in der amerikanisch-jüdischen Zeitschrift Tikkun erschienen Artikel schrieb er erstmals von den "neuen Historikern" und der "neuen Geschichtsschreibung", die den Blick auf Israel verändern würden. Die bis dahin vorherrschende Darstellung der "alten Historiker" sei die klassische zionistische Sichtweise gewesen. Die Umstände der Staatsgründung am 14. Mai 1948, die sich zum nunmehr 70. Mal jährte, und die Zeit davor und danach sind bis in die Achtzigerjahre als eine Art Heldengeschichte wiedergegeben worden, bei der das palästinensische Flüchtlingsproblem ausgeblendet worden ist. Die von Morris als solche titulierten neuen Historiker wurden später auch Postzionisten oder Revisionisten genannt, deren Arbeiten die Historiografie bis heute beeinflussen.

In ihren Publikationen wurden bisherige Darstellungen kritisiert oder widerlegt. So wurde stets die These vom Kampf des kleinen jüdischen David gegen den übermächtigen arabischen Goliath vertreten. Nach Darstellung dieser Historiker war Israel hinsichtlich der verfügbaren Kräfte wie auch im Hinblick auf die Bewaffnung den Arabern jedoch überlegen. Erschüttert wurde auch die Behauptung, dass die Araber einen abgestimmten Plan zur Vernichtung Israels verfolgt hätten.

Keiner der Autoren hat zu dieser Zeit an einer israelischen Universität gelehrt

Morris bezog sich in seinem Artikel auf Bücher, die in den Achtzigerjahren entstanden sind: Werke von Tom Segev "1949 - The First Israelis", Avi Shlaim "Collusion Across the Jordan", Simha Flapan "The Birth of Israel" und Ilan Pappe "Britain and the Arab-Israeli Conflict". Er selbst hatte mit dem 1988 erschienen Buch "The Birth of the Palestinian Refugee Problem. 1947-1949" ebenfalls einen viel zitierten Beitrag geleistet.

Alle Bücher wurden in englischer Sprache veröffentlicht, die Werke von Shlaim, Flapan und Pappe wurden nie ins Hebräische übersetzt. Mit Ausnahme von Pappe lehrte keiner der von Morris als "neue Historiker" titulierten Autoren an einer israelischen Universität, Segev war damals Journalist bei der Tageszeitung Haaretz, Morris Redakteur bei der Jerusalem Post.

Am heftigsten - auch politisch - diskutiert wurde die Frage, warum 750 000 Palästinenser zwischen 1947 und 1949 Palästina beziehungsweise Israel verlassen haben. Seit 1948 hat das offizielle Israel die These vertreten, die Flüchtlinge hätten ihrer Heimat auf Geheiß palästinensischer und anderer arabischer Führer den Rücken gekehrt - auf jeden Fall freiwillig. Dem widersprachen die neuen Historiker deutlich. Morris zeigte in seiner Studie detailliert auf, dass bereits in den sechs Monaten vor dem Abzug der Briten aus Palästina 300 000 bis 400 000 Palästinenser emigrierten, flohen oder vertrieben wurden. Nicht gestützt wurden Thesen arabischer Historiker, dass es einen lang gehegten, systematischen Plan der Zionisten zur Vertreibung der Palästinenser gegeben habe.

Die Arbeiten haben einen Prozess in Gang gesetzt, der nicht nur Methoden und Forschungsergebnisse ihrer Fächer einer radikalen Neubewertung unterwarf, sondern tief in das israelische Selbstverständnis und nicht zuletzt auch in die Politik hineinwirkte. Die ausgelösten Debatten waren heftig. Die "neuen Historiker" wurden nicht nur zu einem viel benutzten Begriff, sondern auch das Ziel von persönlichen Angriffen. Shlaim sprach von einem "Krieg der Historiker", andere nannten es weniger martialisch "israelischer Historikerstreit".

Ihnen wurde unterstellt, nicht nur die israelische Historiografie einer Revision unterziehen zu wollen, sondern als Gruppe Politik zu betreiben. "Das war keine Bewegung, das war ein Etikett. Man hat uns immer vorgehalten, wir hätten eine antizionistische Agenda. So war es überhaupt nicht", sagt Tom Segev. Es sei schlicht so gewesen, dass Anfang der Achtzigerjahre viele Dokumente erstmals zugänglich waren. "Wir konnten ins Archiv gehen, Dokumente anschauen und sagen: Wow, so habe ich das nicht in der Schule gelernt. Wir, die wir am Anfang unserer Karriere als Journalisten, als Historiker standen, haben uns vor einem Schatz von unbekannten Dokumenten befunden. Sehr viele von den Dokumenten haben etwas anderes bewiesen als das, was wir bis dahin gelernt hatten."

Diese Unterlagen waren zugänglich geworden, weil in vielen Ländern der westlichen Demokratien die Regel gilt, dass staatliche und andere Dokumente nach 30 Jahren deklassifiziert werden. Das betraf in diesem Fall das Public Record Office im Britischen Nationalarchiv, das amerikanische Nationalarchiv, aber vor allem die israelischen Institutionen, darunter das Staatsarchiv und das Zentralarchiv der zionistischen Bewegung, die Archive Dutzender politischer Parteien sowie lokale und persönliche Nachlässe.

Die als neu titulierten Historiker befanden sich damals zumeist in ihren Dreißigern, manche von ihnen wie Segev hatten an amerikanischen oder britischen Universitäten studiert. Sie setzten sich kritisch mit der Geschichte des Zionismus, des Staates Israel und des jüdisch-arabischen Konflikts auseinander. Die vorhergehende Generation israelischer Historiker, von denen viele eher Chronisten waren, war durch ihre eigene Lebenserfahrung eng mit der Verwirklichung des zionistischen Projekts der Staatsgründung verbunden gewesen. Einige hatten im ersten arabisch-israelischen Krieg, von den Israelis Unabhängigkeitskrieg genannt, mitgekämpft.

Es habe keine wirkliche Geschichtsschreibung gegeben, meint Segev. "Wir hatten Ideologie. Wir hatten Mythologie und sehr viel Indoktrination." Plötzlich habe man Protokolle und Briefe einsehen können und sei zu anderen Einsichten gelangt.

Die Geschichtsschreibung, die damals entstand, sei sehr viel komplexer, nuancenreicher, differenzierter und ausgewogener geworden, sagen die einen. Kritiker wie der lange Zeit am Londoner King's College lehrende Efraim Karsh werfen diesen Historikern vor, Geschichte zu "fabrizieren" und Quellenmaterial bewusst falsch zu interpretieren.

Deutliche Worte findet auch Alon Klibanov, der an verschiedenen israelischen Instituten Vorlesungen hält und zur Gruppe der "rechten" Historiker gezählt wird: "Was diese Leute machen, ist: sie nehmen nur das, was ihnen passt und mit ihrer Theorie übereinstimmt. Das ist Lüge, das ist unredlich. Man kann nicht aus dem großen Meer an Fakten einfach das herausnehmen, was einem gefällt. Das ist populistischer Mist." Was die neuen israelischen Historiker gemacht hätten sei "ein Trend" gewesen. "Es gibt Leute, die wollen katholischer als der Papst sein, wie man auf Hebräisch sagt. Die behaupten, mein Land ist schlecht, Israel ist schlecht. Das ist das Stockholm-Syndrom, wenn man sich mit dem Entführer identifiziert."

Die Angriffe seien sehr heftig gewesen, erinnert sich Segev an die Zeit vor dreißig Jahren. "Aber es war nicht so, dass wir uns bedroht fühlten, etwas nicht schreiben zu können. Wir haben keine Salman Rushdies in Israel. Wir können schreiben, was wir wollen. Wir wurden sehr viel gelesen und auch deshalb viel angegriffen." Einige Historiker seien dadurch sehr berühmt geworden, meint auch Klibanov. "Aber der Berühmteste von ihnen, einer der Fahnenträger hat eingesehen, dass er falsch lag: Benny Morris."

Auch heute noch sind viele historische Dokumente unter Verschluss

Morris, der bis Juni in den USA lehrt und sich derzeit in Deutschland aufhält, hat tatsächlich seine Position revidiert. In seinem 2008 erschienen Werk "1948" verabschiedete er sich auf nicht ganz nachvollziehbare Weise von seinen früher getroffenen Schlussfolgerungen. Obwohl es Vertreibungen gegeben habe (die er im Buch reichlich dokumentiert) und obwohl, wie er schreibt, eine "Atmosphäre von ethnischer Säuberung in kritischen Monaten vorherrschte", sei Vertreibung oder Transfer niemals offizielle Politik gewesen. Er räumt sogar ein, dass eine dreiviertel Million Palästinenser ihre Häuser verlassen hätten und damit mehr, als er in seinem 1988 erschienen Buch beschrieben hat. Seinen Positionswechsel begründet er damit, dass ihm neue Dokumente diese Einsicht verschafft hätten: Er habe davor nicht registriert, dass ein weitaus größerer Anteil der 700 000 Palästinenser damals den Befehl oder Ratschlag bekommen habe, ihre Häuser zu verlassen - dass sie also nicht vertrieben wurden. Segev bleibt jedoch dabei, dass die Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung gezwungen wurden zu fliehen.

In einem sind sich alle Historiker einig: Dass die sogenannten neuen Historiker nie eine geschlossene Gruppe gewesen seien, sich manche nur entfernt gekannt hätten. Wie Morris betont, ist es auch keine "Schule" gewesen, wie oftmals behauptet wurde. Segev hätte ohnehin den Begriff "erste Historiker" als treffender gefunden, weil damals neue Dokumente erstmals eingesehen werden konnten. "Wir haben nicht etwas revidiert, was als Geschichte beschrieben wurde."

Auch jetzt sind noch viele Dokumente unter Verschluss, vor allem solche, die militärische Aspekte beschreiben. Das betrifft sogar Briefe, die Staatsgründer David Ben Gurion mit Frauen, die ihm sehr nahe standen, ausgetauscht hat und die im Militärarchiv von Rivka lagern. Segev hat diese Dokumente für seine gerade auf Deutsch bei Siedler erschienene Biografie über Ben Gurion nicht einsehen dürfen, aber durch eine Nichte zumindest einen Teil des Briefwechsels.

Aber auch Klibanov gesteht zu, dass sich die Geschichtsschreibung verändert hat, auch wenn er das nicht nur den neuen Historikern zuschreibt. "Jetzt gibt es eine viel realistischere Annäherung an Ben Gurion, nicht mehr diese idealistische. Es gibt plötzlich auch Berichte über seine Beziehungen. Er ist nicht mehr der Engel. Er war ein Mensch mit Schwächen, wie jeder andere auch." Und auch er zieht ein versöhnliches Fazit dreißig Jahre nach dem Beginn des Historikerstreits in Israel: "Geschichte ist keine exakte Wissenschaft wie Mathematik. Aber das ist auch das Schöne an der Geschichtsschreibung, dass man verschiedene Sichtweisen hat."