Hilde Spiel (XXXII) Die Intellektuelle

SZ-Serie über große Journalisten (XXXII): Hilde Spiel

Von WOLFGANG R. LANGENBUCHER

(SZ v. 14.07.2003) Der Beginn ist eher zufällig. Im September 1933 hält die 22-jährige Hilde Spiel sich zum zweiten Mal in Paris auf. Der Rückweg führt sie über Zürich, in ihren Erinnerungen notiert sie: "Auf dem Heimweg sich in Zürich ein paar Tage aufzuhalten, lindert den Fall aus dem schäumenden Paris in das dumpfe stagnierende Wien." Sie sieht die von Erika Mann geleitete "Pfeffermühle" und schreibt über dieses politische Kabarett die erste Kritik ihres Lebens. Die Neue Freie Presse in Wien, die seit 1929 regelmäßig Kurzgeschichten und Erzählungen der angehenden Schriftstellerin veröffentlicht hatte, druckt sie in ihrer Ausgabe vom 18./19. 10. Oktober 1933.

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Schon in diesem Text findet sich ein Satz, der den "Ton" der späteren professionellen Kulturkritikerin anklingen lässt: "Dies ist mehr als Zeitvertreib: es ist vielleicht schon Zeitgericht."Damit beginnt für Hilde Spiel eine glanzvolle journalistische Karriere - was freilich niemand weniger wollte als sie selbst. Ihr Berufsziel war Schriftstellerin. Als angehende Literatin verkehrte sie im Café Herrenhof und an anderen Orten, an denen sich nach Wiener Tradition Schriftsteller, Dichter und Journalisten trafen. Im März 1933 war Spiels erster Roman erschienen (Kati auf der Brücke).

Am 24. Oktober 1936 aber verließ Hilde Spiel das Österreich des Ständestaates. Und mit ihrer Emigration endete auch die kaum begonnene Schriftstellerexistenz dieser "frühreife(n) Pflanze des Herrenhof". Noch konnte Spiel von London aus zunächst auch für Wiener und Prager Zeitschriften und Zeitungen schreiben. Aber ihre journalistische Karriere setzt sich nun in England und in englischer Sprache mit Arbeiten für Daily Express, Daily Herold und insbesondere die Wochenzeitung New Statesman fort. Der Herausgeber dieser Wochenzeitung, Kingsley Martin, bittet Hilde Spiel 1946 um eine Akkreditierung als Korrespondentin ("war correspondent") für Wien - und so kehrt sie nun an diesen Ort zurück, den sie vor zehn historisch unendlich langen Jahren unfreiwillig verlassen hatte. Zur Essayistin tritt die Reporterin; viele Jahre später veröffentlichte sie ein Tagebuch dieser "Rückkehr nach Wien".

Peter de Mendelssohn wurde im gleichen Jahr von der alliierten Kontrollkommission nach Berlin geholt; Hilde Spiel folgt ihm und so erlebt das Paar eine höchst interessante Zeit vom Oktober 1946 bis zum August 1948. Hilde Spiel wird für die von ihrem Mann mitbegründete Tageszeitung Die Welt als Theaterkritikerin tätig. In Berlin findet sie nun in die Welt der deutschen Publizistik, der deutschen Literatur, des deutschen Theaters und der deutschen Musik - für Hilde Spiel eine "Qual der Wahl". Von Berlin geht es wieder zurück nach London. Diese Zeit empfindet sie als Jahre der Zerrissenheit. Von der britischen Hauptstadt aus arbeitet als "freelancer" für verschiedene Zeitungen des Kontinents.

Klarheit, Sachlichkeit, Prägnanz und Kürze verbinden sich mit intellektueller Reflexionsfähigkeit und präziser Beobachtung. Ganz selbstverständlich und virtuos bedient sie immer mehr und andere journalistische Genres; dass Karl Kraus und Alfred Polgar zu ihren Vorbildern gehören, wird immer deutlicher. Ihre Berichte - zum Beispiel in der Weltwoche und in der Süddeutschen Zeitung - werden immer prominenter platziert. Zur endgültigen Rückkehr nach Wien entscheidet sich Spiel 1963: Sie wird dort bis 1983 Kulturkorrespondentin für die Frankfurter Allgemeine. Das letzte Jahr ihrer hauptberuflichen journalistischen Tätigkeit verbringt sie dann wieder für die FAZ in London. In fünf Sammlungen ist nachzulesen, was während all dieser Jahre entstand - ein Werk von seltener Kontinuität und Geschlossenheit. Danach kehrt sie wieder nach Wien zurück, wo sie am 30. November 1990 starb, in den Nachrufen zur Doyenne der österreichischen Literatur geadelt.

Hilde Spiel, am 19. Oktober 1911 als Tochter der wohlhabenden jüdischen Familie der Marie Spiel geb. Gutfeld und des Ingenieurs Dr. Hugo Spiel geboren, war zu einer der profiliertesten Figuren des österreichischen Journalismus geworden. In ihrem Wienbuch schreibt sie: Es wäre mir lieber gewesen, in diesem Bericht über eine große Kulturepoche nicht in jedem einzelnen Falle hinzufügen zu müssen, welche der Männer und Frauen, die sie mitbewirkt hatten, jüdischer Herkunft waren. Sie selbst hätten vorgezogen, ganz einfach als österreichische Dichter, Maler, Komponisten oder Wissenschaftler angesehen zu werden. Das war und ist immer noch ein utopischer Wunsch. Deshalb mag es nötig sein, der kollektiven Erinnerung aufzuhelfen und ausdrücklich hervorzuheben, dass Wiens Glanzzeit einem einzigartigen Augenblick der Geschichte, einer unwiederholbaren Symbiose zu verdanken war.

Hilde Spiel selbst hätte eine solche Einordnung und Bewertung mit Vehemenz abgelehnt. Typisches Dokument ist ein Brief an Hermann Kesten. Sie hatte diesen kurzfristig um einen Geburtstagsartikel über einen gemeinsamen Freund gebeten. Kesten aber empfand dies als eine Zumutung an einen "langsamen Romancier". Darauf antwortete sie ihm: Sie müssen mir wirklich verzeihen, dass ich Sie in eine solche Situation versetzt habe. Bitte verfluchen Sie mich nicht. Das ganze ist nur aus der Psychologie der Blitzjournalisten und Feuilletonisten zu verstehen, die der Peter (de Mendelssohn) und ich nun einmal sind - nur mit größter Anspannung meiner Kräfte - so dass man uns schon nachts aufwecken kann und uns befehlen: 'Schreiben sie drei Seiten über Anthony Edens Einstellung zu Indien oder drei Seiten über Goethes Einfluss auf die Englische Literatur und schon arbeitet das verfluchte Gehirn, schon melden sich die Clischés, und von ganz selbst tippen die beiden Mittelfinger etwas hin, was gerade noch angeht und ohnehin nur einen Tag dauert, wonach es manchmal gleich mit der ganzen Zeitung, in den \'ashcan\' gerät.

Die Hierarchie der literarischen Formen war Hilde Spiel zur fixen Idee geworden. Immerhin gestand sie ihrem "Tagesgestammel" aber zu, dass es in Sammelbänden liebevoll ausgewählt und komponiert zum Buch geadelt werden durfte: Und von der englischen Tradition beeinflusst, akzeptierte sie auch, dass dem Essay, als dessen Meisterin sie heute anerkannt ist, eine Sonderrolle zwischen Journalistik und Literatur zukommt.

Ihre Texte führten aus der Arena des gewöhnlichen Journalismus hinaus. Sie war als Journalistin eine hellsichtige Intellektuelle, die sich offensichtlich allzu leicht diese Rolle vergällen ließ - durch all die Finsternis, Oberflächlichkeit und Unbildung, die in der Arena Journalismus auch festzustellen sind. Ihr leidiger "Brotberuf" hat aus Hilde Spiel eine Intellektuelle gemacht, deren Leistungen nicht dem Zufall, sondern der Routine zu verdanken sind.