Herbie Hancock über Erleuchtung Ein einziges Wunder

Der Musiker Herbie Hancock prägt seit 45 Jahren die Jazz-Musik. Er spricht über seinen ersten Auftritt, über musikalisches Talent und darüber, was Musik und Religion gemeinsam haben.

Interview: Willi Winkler

Herbie Hancock scheint sich in der Suite im Berliner Adlon ganz wohl zu fühlen, obwohl er in den exzessreichen Fünfzigern mit Förderer Miles Davis auch andere Hotels kennengelernt hat. Auf dem Beistelltischchen liegt ein kleiner Laptop, den er zwischendurch in die Hand nimmt, wenn er einen Satz besonders betonen will. Seine Tochter sorgt dafür, dass ihr Vater nicht gar zu lang von der Arbeit abgehalten wird, sie ist, und er sagt es auf Deutsch, "meine Polizei". Der Mann ist ein einziges Wunder.

Herbie Hancock stand bereits mit elf Jahren auf der Bühne. Seither hat er mit Größen wie Miles Davis gespielt und so ziemlich jede erdenkliche Stilrichtung ausprobiert.

(Foto: Foto: afp)

SZaW: Mr. Hancock, können wir statt über Ihre neue Platte einfach über Musik sprechen?

Herbie Hancock: Gern.

SZaW: Erinnern Sie sich noch an das erste Mal, an den ersten Auftritt mit elf?

Hancock: Ich habe eine vage Erinnerung. Ich glaube, ich trug kurze Hosen.

SZaW: Im Konzertsaal?

Hancock: Das war 1952, ich bitte Sie. Ich erinnere mich noch, wie ich durch das ganze Orchester zur Bühne hochging. Ich sah nach oben, und dort stauten sich übereinander drei Ränge. Es war ungeheuer, und ich war so was von eingeschüchtert. Aber ich habe mich hingesetzt und gespielt. Danach verschwimmt die Erinnerung. Ich weiß nur, dass ich alles andere als entspannt war. Ich hatte Angst, dass ich vielleicht die Noten vergessen hätte.

SZaW: Muss man nicht diese Art Lampenfieber haben, um wirklich gut zu sein?

Hancock: Das stimmt, wenn man zu locker ist, wird es nichts. Ein gewisser Druck ist schon nötig. Und ich hatte mehr, es war nackte Angst. In gewisser Weise gilt das bis heute.

SZaW: Sie müssen doch heute keine Angst mehr haben!

Hancock: Aber ich mache mir jedes Mal Gedanken über meinen Auftritt, denn ich möchte anderen Leuten nicht die Zeit stehlen. Ich will sie allerdings auch nicht einfach verwöhnen, sondern ihnen etwas bieten, das sie bewegt. Auch wenn es sie verwirrt, sogar verstört, bitte gerne. Wenn sie verstört werden müssen, dann sollen sie es haben. Manchmal sind sie überfordert, aber warum nicht? In der Musik gilt nur ein Gebot: Hör auf dein Herz.

SZaW: Wann haben Sie das herausgefunden? Doch nicht etwa schon mit elf?

Hancock: Da bin ich erst viel später draufgekommen. Mit elf damals wollte ich nur eins: diesen Auftritt überstehen.

SZaW: Der doch eine große Ehre für ein Kind war.

Hancock: Natürlich. Anschließend habe ich gleich mein erstes Autogramm gegeben. Ein kleines Mädchen kam zu mir und bat um das Autogramm.

SZaW: Aber einen Heiratsantrag hat das Mädchen nicht gemacht und gesagt: "Warte, bis ich achtzehn bin"?

Hancock: Nein, ich habe sie wohl aus den Augen verloren und dann eine andere Frau geheiratet, mit der ich immer noch zusammen bin. Nächstes Jahr feiern wir unser Vierzigjähriges.

SZaW: Gratuliere. Das ist doch eher ungewöhnlich in diesem Gewerbe.

Hancock: Kann schon sein. Meine Frau stammt übrigens aus Deutschland. Sie ist in Stendal bei Magdeburg geboren.

SZaW: Glauben Sie, dass alle Menschen musikalisch sind?

Hancock: Bis zu einem gewissen Grad sicher. Es braucht allerdings eine grundsätzliche Neigung oder sagen wir einfach: Talent. Man kann sich sehr viel erarbeiten, aber eine gewisse Anlage ist die Voraussetzung. Es muss ja nicht jeder Musik machen. Jeder kann etwas, jeder hat im Leben eine Aufgabe, die er zu erfüllen hat.

SZaW: Der elfjährige Knabe, der mit dem Chicago Symphony Orchestra auftrat, wusste von alledem noch nichts...

Hancock: Natürlich nicht. Ich denke heute an viele Dinge, von denen ich damals nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

SZaW: Aber genau das würde mich interessieren: Wie bewusst arbeiten Sie als Musiker? Fliegt es Ihnen beim Spielen zu oder kommt alles aus dem Kopf?

Hancock: Ich bin mein Leben lang neugierig gewesen. Ich wollte immer wissen, wie alles funktioniert und warum. Deshalb habe ich auch keine Angst vor etwas Neuem, vor Dingen, die ich nicht kenne, die mir sogar fremd sind. Ich will es dann einfach wissen. Es ist sogar so, dass ich grade das, was ich nicht kenne, ergründen will. Das ist nicht bloß in der Musik so, sondern auch beim Essen. Wenn ich etwas noch nicht kenne, will ich es essen. Wenn ich was sehe, was ich nicht kenne, probiere ich es und frage erst dann, was es ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Herbie Hancock tun würde, wenn er eines Morgens ohne Hände aufwachen würde.