Herbert Grönemeyers neues Album "12" Krautrock für alle

Was soll das? - Jeder kann seine Texte singen, doch kaum jemand versteht seine Musik. Ein klärendes Gespräch mit Herbert Grönemeyer.

Von Johannes Waechter

Damals, im Übungsraum in Wattenscheid: Ein paar coole Typen, alle schon 17, 18 Jahre alt, hantieren mit ihren Instrumenten und blicken erwartungsvoll zu dem Jungen aus Bochum hinüber, der vorsingen will. Man einigt sich auf einen Doors-Song, und als die Band anfängt zu spielen, tritt Herbert Grönemeyer, 13, ans Mikrofon. "Ich sprach zwar kein Englisch, aber habe trotzdem da reingeröhrt", erinnert sich Grönemeyer. "Ich sang damals schon so wie heute."

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer bei der Vorstellung seines neuen Albums "12" in Köln.

(Foto: Foto: dpa)

Mit diesem Urschrei begann vor fast vierzig Jahren die Laufbahn von Herbert Grönemeyer. Aus dem blonden Jüngling wurde Deutschlands größter Popstar und die Stimme, die einst die Bandmitglieder in Wattenscheid erschauern ließ, schallte im vergangenen Juni um die Welt, als Grönemeyer als Herold des deutschen Pop bei der Eröffnungsfeier der Fußball-WM auftrat. Heute erscheint nun das neue Album 12, Ende Mai beginnt Grönemeyers Stadiontournee, für die bereits mehr als 800000 Tickets verkauft wurden - eine an Erfolgen reiche Karriere steuert somit auf eine weitere Serie von Höhepunkten zu.

Wenn man nun fragt, was Grönemeyer so weit nach oben gebracht hat, scheint die Antwort auf der Hand zu liegen: Seine Musik wird es wohl gewesen sein, Lieder wie Männer und Mensch, die zur akustischen Grundausstattung der vergangenen Jahrzehnte gehören. Doch obwohl jeder diese Lieder im Ohr hat und Grönemeyers markanten Gesangsstil, die "Mischung aus Sang und Schrei" (FAZ), parodieren kann, fällt bei näherer Betrachtung auf, wie wenig über seine Musik bekannt ist. Wie entsteht sie?

Aus welchen Elementen und Einflüssen ist sie zusammengesetzt? Warum ist Herbert Grönemeyer dauerhaft erfolgreich, während die anderen Deutschrock-Größen der Achtziger inzwischen kleinere Brötchen backen? Was genau will Grönemeyer mit seinen Liedern zum Ausdruck bringen? Es ist auch eine Geringschätzung des Kulturguts Popmusik, dass solchen Fragen trotz Grönemeyers langer Karriere und medialer Allgegenwart kaum nachgegangen wird.

Die kuriose Leerstelle im Zentrum seiner Rezeption bereitet Grönemeyer sichtlichen Verdruss. "Meine Frau hat schon in den Achtzigern beklagt, dass ich immer nur als eine Art Polit-Denker hingestellt werde. Bis heute hat sich wenig geändert. Kein Mensch fragt mich nach meiner Musik." Nun trägt Grönemeyer eine nicht kleine Mitschuld daran, schließlich macht er Lieder mit politischem Inhalt und äußert sich gern zu Themen wie der Wiedervereinigung und der Armut in der Dritten Welt. Das scheint viele vom Kern der Sache abzulenken. "Die Musik ist für mich das absolut Tragende - meine Lieder leben zu mindestens 80 Prozent von der Musik." Und die Texte? "Würzsalz, das ich am Schluss darüber streue."

Um den Musiker Herbert Grönemeyer zu verstehen, muss man in ihm einen Fan erkennen, der sich jene ursprüngliche Leidenschaft für Popmusik bewahrt hat, die einst am Beginn der Karriere stand. Grönemeyer geht in Clubs, pflegt eine Plattensammlung von mehreren tausend Exemplaren und betreibt eine kleine Plattenfirma für interessante Musik aus verschiedenen Stilrichtungen. "Ich beschäftige mich sogar eher noch mehr mit Popmusik, seit ich in London wohne. In England ist Pop, anders als in Deutschland, eine Art kultureller Grundton. Da wirst du zwangsverpflichtet, dich der Musik zu stellen."

Immer wieder hat Grönemeyers Fan-Tum zu Wendungen in seiner Karriere geführt. So versuchte er in den Achtzigern, die urbane Hektik der Berliner NdW-Band Ideal auf seinen im Kohlenpott verwurzelten Liedermacher-Rock zu übertragen. Mitte der Neunziger entdeckte er Acts wie Massive Attack und Tricky und pries Drum & Bass als Musik der Zukunft; Einflüsse, die entscheidend waren für das Album Bleibt alles anders, mit dem Grönemeyer 1998 seinen Sound modernisierte.

Zahlreiche weitere Elemente aus seinem musikalischen Erfahrungsschatz hat Grönemeyer merklich oder unmerklich in seine Lieder eingewoben, und wer wollte, könnte erforschen, welche Bedeutung die Polit-Rocker Floh De Cologne oder der verschmitzte Liedermacher Ulrich Roski für das Werk Herbert Grönemeyers hatten.