Heiliger Rock in Trier Gottes letztes Hemd

Bis zum 13. Mai ist das (angeblich) letzte Kleidungsstück Jesu in Trier zu sehen. Eine halbe Millionen Pilger werden im Bistum erwartet. Einst empörte sich Luther über solch einen "Reliquienkram". Doch heute geht auch die evangelische Kirche mit auf Wallfahrt.

Von Matthias Drobinski

Helena soll es gewesen sein, die fromme Mutter des römischen Kaisers Konstantin, die das gute Stück ins römische Trier brachte. Jenes Untergewand Jesu, das die Soldaten einst dem Gekreuzigten wegnahmen und um das sie losten, weil es ohne Naht von oben bis unten gewebt war, wie es der Evangelist Johannes überliefert hat.

"Und führe zusammen, was getrennt ist": Eröffnungsgottesdienstes der Heilig-Rock-Wallfahrt am Freitag

(Foto: dapd)

Wie alt die ältesten Fäden des bräunlichen Kleides wirklich sind, kann heute niemand mehr genau sagen. Man weiß, dass 1196 die Reliquie in den Hochaltar des Trierer Doms eingeschlossen wurde und dass vor 500 Jahren Kaiser Maximilian I. den Heiligen Rock zu sehen wünschte, als er 1512 anlässlich des Reichstags nach Trier kam. Daraufhin verlangten die Bürger der Stadt lauthals, die angebliche Hinterlassenschaft Jesu ebenso anschauen zu dürfen. Das war die Geburt der Heilig-Rock-Wallfahrt.

An diesem Freitag hat Bischof Stephan Ackermann die 18. Heilig-Rock-Wallfahrt mit einem feierlichen Gottesdienst in Trier eröffnet; bis zum 13. Mai, ist die Reliquie für die Gläubigen zu sehen. Für einen Monat ragt also in Trier das Mittelalter in die Moderne. Die Anbetung von Reliquien ist die früheste Form der Heiligenverehrung.

Sie hat etwas Magisches: Berührung, Anblick, Anwesenheit eines Körperteils des Heiligen sollte dem Gläubigen Heil und Erlösung bringen und Wunder bewirken. Beliebte Reliquien brachten einer Kirche Ansehen und Reichtum, wichtige Kirchen versuchten, wichtige Zeugnisse der Heiligen zu ergattern. Entsprechend schwunghaft war der Handel mit Reliquien, verbreitet ihr Raub, naheliegend die Inflation des Heiligen. So sind allein 57 angebliche Röcke Jesu bekannt. Die Abtei Prüm in der Nähe von Trier bewahrt die angeblichen Sandalen Christi auf.

Entsprechend heftig war die Kritik von Martin Luther an dem "Reliquienkram". Und als 1844 mehr als eine Million Pilger den Heiligen Rock sehen wollten, war das antikatholisch aufgeklärte Deutschland voll des Spottes über die angeblich so dumpfen Gläubigen. Allerdings klagten auch Pfarrer über den Aberglauben des pilgernden Volkes, das das Spektakel mehr schätze als die fromme Übung.

"Und führe zusammen, was getrennt ist"

1933 geriet die Wallfahrt zur Demonstration des katholischen Milieus: Mehr als zwei Millionen Gläubige machten sich auf zum Heiligen Rock, wenige Monate nach der "Machtergreifung" der Nazis, kurz nach dem Abschluss des Reichskonkordats zwischen Kirche und NS-Staat.

In diesem Jahr erwartet das Bistum ungefähr 500.000 Pilger - vielleicht werden es gar wieder 700.000, wie 1996 bei der bisher letzten Heilig-Rock-Wallfahrt. Das Gewand Christi hat seine Anziehungskraft nicht verloren: Es kommen die Menschen, weil sie für sich Segen und Heil erhoffen, weil sich für sie der Glaube nicht im Abstrakten erschöpft, weil sie die Gemeinschaft der Wallfahrt schätzen, sich verbunden fühlen mit den Menschen, die vor 500 Jahren Heil und Segen suchten. Und weil Pilgern und Wallfahren ziemlich in Mode gekommen ist.

"Und führe zusammen, was getrennt ist", heißt das Leitwort dieser Wallfahrt - der ungeteilte Rock soll im Jahr 2012 Zeichen dafür sein, dass trotz aller Kirchenspaltungen die Christenheit in Jesus eins ist. Denn in diesem Jahr geht auch die evangelische Kirche mit auf Wallfahrt - auch wenn sie das Reliquien-Verständnis der Katholiken nicht teilt. Der Trierer Heilige Rock als Zeichen der Ökumene - das hätten sich weder Kaiser Maximilian noch Martin Luther träumen lassen.