Interview: Jonathan Fischer

Der Mann, der die Beilagen weglässt, um Fleisch zu servieren: Grandmaster Flash feilt an seinem Comeback.

Er war der erste DJ, der es zu Weltruhm brachte. Als "Grandmaster Flash & The Furious Five" erschloss er Hip-Hop seit 1979 einem weltweiten Publikum und zeichnete für eine Serie klassischer Hits verantwortlich.1958 auf Barbados geboren, begann Joseph Saddler Mitte der Siebziger in der New Yorker Bronx Platten aufzulegen. Seine Technik, zwischen zwei laufenden Platten zu jonglieren, wurde zur Grundlage des Hip-Hop. 1983 trennten sich "Grandmaster Flash & the Furious Five", nach einigen Solo-Platten tauchte der DJ in den neunziger Jahren ab. Nun hat er seine Autobiographie "The Adventures Of Grandmaster Flash" geschrieben - und plant mit dem Album "The Bridge" ein Comeback.

Bild vergrößern

Einer der großen Hip-Hop-Pioniere: Grandmaster Flash. (© Screenshot: www.grandmasterflash.com)

Anzeige

SZ: Als Mitte der Siebziger die Discowelle rollte, kamen Sie unzufrieden von jeder Party zurück...

Flash: Ich hörte damals vielen berühmten DJs zu. Sie reihten einfach eine Platte an die andere. Dabei fiel mir auf, dass die instrumentalen Rhythmussektionen eines Songs, die sogenannten Breaks, die Tänzer verrückt machten. Warum das ganze Sandwich servieren, dachte ich, wenn die Leute doch nur auf das Fleisch scharf waren, also die fünf bis zehn Sekunden langen Breaks?

SZ: Stimmt es, dass Sie im Keller Ihrer Sozialsiedlung in der Bronx monatelang auf zwei Plattenspielern übten?

Flash: Meine Kumpels verfluchten mich, weil ich ohne Tageslicht in meiner Musikgruft rumwerkelte, anstatt mit ihnen Basketball zu spielen. Aber ich war viel zu berauscht von meiner Erfindung. Ich legte zwei gleiche Platten auf die Plattenspieler und ließ die eine laufen, während ich die andere wieder zurückdrehte. So konnte ich den Break von wenigen Sekunden auf eine Minute ausdehnen. Bloß dass das nicht alle Leute beeindruckte: Viele hielten mich für einen Idioten. Weil ich die Platten mit den Fingern anfasste, sie zurückdrehte und komische Geräusche mit der Nadel erzeugte.

SZ: Sie wurden zum Schwachkopf erklärt, weil Sie die DJ-Technik revolutionierten?

Flash: Ich erinnere mich genau, wie wir an einem Sonntagnachmittag unser Soundsystem in einem Park in der Bronx aufbauten, und sich eine neugierige Menge um die Lautsprecher sammelte. Es sollte meine Premiere werden: Erst ein Schlagzeugbreak aus dieser Bluesplatte, dann ansatzlos ein Bongo-Solo von einer Rocknummer, das in ein James-Brown-Bläserriff übergeht. Ich hatte es wochenlang im Keller einstudiert. Und dann: eine schweigende Menge. Warum tanzte niemand? Ich schlich heulend nach Hause und versteckte mich eine Woche in meinem Zimmer. Meine Mutter riet mir, lieber als Elektroniker zu arbeiten.

SZ: Später spannten Sie die Furious Five als Rapper vor Ihren Beat-Teppich, und die Sache funktionierte?

Flash: Ja. Dann kamen Poeten wie Cowboy oder Rakim - in ihren Texten kannst du noch beim tausendsten Anhören etwas Neues finden. Nichts hat die Poesie in den letzten drei Jahrzehnten mehr befördert als Hip-Hop.

SZ: In Ihrer Biographie nennen Sie sich einen "Diener". Ist das kein Widerspruch zum materialistischen Ansatz von Hip-Hop?

Flash: Nein, glauben Sie mir, es fühlt sich gut an, ein Diener zu sein. Diese Demut hat mir vor fünfzehn Jahren aus meiner Drogensucht geholfen: zu sehen, dass mir niemand etwas schuldet. Ich war damals verbittert. Sugar Hill Records hatte die Platten von Grandmaster Flash & The Furious-Five zigmillionenmal verkauft und uns mit neuen Autos und ein paar Geschenken abgespeist. Wir waren unglaublich naiv. Ich fühlte mich vom Leben betrogen. Als ich nun mein Buch schrieb, erinnerte ich mich zum ersten Mal wieder: Ich habe noch nie so viel am Stück geweint. Aber wenn damals jemand fragte, wo Grandmaster Flash geblieben ist, hieß es: Such ihn in einer Crack-Höhle in Harlem.

SZ: Was hat Sie gerettet?

Flash: Eine Freundin und meine Schwester Penny rückten mir den Kopf zurecht: Wenn du das machst, was du wirklich liebst, sagten sie, wird das Leben immer für dich sorgen. Daran glaube ich inzwischen fest. Mein Vater etwa - er war Boxer - hatte mich als Kind übel verprügelt, weil ich mich heimlich an seine Plattensammlung ranmachte, unbedingt erforschen wollte, wie diese drehenden Scheiben so eine wunderbare Musik erzeugen konnten. Als er uns verließ, fühlte ich mich mitschuldig. Zwei Jahrzehnte später besuchte ich ihn: Früher hatten wir uns nichts zu sagen gehabt, aber nun unterhielten wir uns über seine Jazz-Sammlung und welche Teile davon für meinen Hip-Hop taugten. Und dann sah ich, dass er die Flyer von meinen Partys in seiner Vitrine aufbewahrte...

SZ: Auch die Industrie hat den guten Klang Ihres Namens entdeckt.

Flash: Ja, es ist schon merkwürdig, wie aus einem Platten-Verhunzer ein Werbeträger wird: Heute fragen mich Plattenspieler-Hersteller, ob ich sie beraten könne, ob sie meinen Namen für ihre Geräte benutzen dürften.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Grandmaster Flash zu Jay-Z und 50 Cent steht.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Der Sinatra-Song-Verhackstücker
  2. Der Sinatra-Song-Verhackstücker
Leser empfehlen