Trotz seiner wütenden Proteste gegen den Bau eines islamischen Gotteshauses in Köln ist Ralph Giordanos kein Rechtsradikaler. Seine Kritik steht vielmehr für das Erschrecken vor dem sichtbar werdenden Islam - und weist Denkfehler in der Argumentation auf.
Ralph Giordano, der 84-jährige jüdische Publizist, der mit knapper Not den Nazis entkam, hat dazu aufgerufen, den Bau einer Moschee für bis zu 4000 Beter in Köln-Ehrenfeld zu stoppen, weil die Integration der Muslime in Deutschland gescheitert sei. Er hat dann muslimischen Funktionären totalitäre Absichten unterstellt, eine verhüllte Frau einen "menschlichen Pinguin" genannt, die Linken als "gnadenlose Verneiner berechtigter Eigeninteressen" gescholten.
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Das macht ihn nicht zum Rechtsradikalen, auch wenn er sich sagen lassen muss, dass in seinen Äußerungen derzeit die Wut regelmäßig den Verstand besiegt. Damit aber ist Giordano Exponent jenes Unbehagens, das sich überall einstellt, wo der Islam umzieht: vom Hinterhof in die neue Moschee, vom Industriegebiet in die Innenstadt, in München, Berlin, Köln.
Dabei ist die geplante Moschee des staatlich-türkischen Moscheeverbandes Ditib gar kein Musterbeispiel für die Abgrenzungstendenzen, die es tatsächlich bei einer Minderheit der Muslime in Deutschland gibt. Es gibt auf dem Gelände bereits eine Moschee, es entsteht also keine neue Gemeinde. Die Ditib gilt zudem nicht als Hort radikaler Islamisten.
Der Entwurf der bekannten Kölner Architekten Paul und Gottfried Böhm mit seiner aufgebrochenen, lichtdurchlässigen Kuppel ist darüber hinaus ansprechend; alles in allem gibt es gute Gründe, weshalb bis auf eine populistische Splittergruppe alle im Stadtrat vertretenen Parteien für das Bauvorhaben sind.
Giordanos Wut ist exemplarisch
Was nicht heißt, dass es keine kritischen Fragen gäbe. Die Sorgen der Anwohner über den Autoverkehr und die fehlenden Parkplätze sind berechtigt, die Furcht vor dem sinkenden Wert des eigenen Grundstücks oder der Adresse ist menschlich und sollte nicht als ausländerfeindlich abqualifiziert werden.
Viel spannender als Giordanos wütende Attacken wäre die Frage an die Ditib, warum sie nach all den Jahren der Abschottung den Dialog mit der deutsch-christlichen Mehrheit erst jetzt sucht, wo die Türkei dringend in die EU will - und ob der Moscheebau in Deutschland nicht doch auch der Versuch der Regierung Erdogan ist, den Zugriff auf die Landsleute und Ex-Landsleute im fernen Almanya zu erhalten.
Aber Ralph Giordano geht es gar nicht um solche Details, auch das macht seine Wut exemplarisch. Sie steht für die Unheimlichkeitserfahrung angesichts einer neuen, sichtbar werdenden Religion. Dem unsichtbaren Islam konnte die Mehrheitsgesellschaft noch aus dem Weg gehen; der unsichtbare Islam der Hinterhofmoscheen wiederum konnte tatsächlich weitgehend unbehelligt nach eigenen Wertvorstellungen und Maßstäben vor sich hin werkeln. Beides geht nun nicht mehr.
Für die muslimische Seite bedeutet das, dass sie sich viel stärker unangenehmen Fragen stellen muss - nach undurchsichtigen Moscheevereinen oder den mangelnden Frauenrechten im Islam. Es reicht nicht mehr, darauf zu verweisen, dass die große Mehrzahl der Muslime doch friedlich und integriert im Land lebt. Diese Erfahrung gehört allerdings dazu, wenn man ernst genommen werden will im Land: Kritik ist der Lebenssaft einer freien Gesellschaft.
Es geht um das Grundrecht auf Glaubensfreiheit
Doch kann die Mehrheit der Minderheit zur Auflage machen, die Probleme mit der Religion zu lösen, ehe sie ein prächtiges Gebetshaus bauen darf? Sie kann es nicht, und das ist der Denkfehler in der Argumentation Giordanos und der fundamentalen Moscheebau-Gegner.
Die Freiheit, ein Gebäude zu errichten, um darin zum Gott seines Glaubens zu beten, ist kein Gnadenrecht, kein Zuckerstückchen, das die Minderheit bekommt, wenn sie sich der Mehrheit wohlgefällig verhält. Die Freiheit zum Bau eines Gebetshauses leitet sich vom Grundrecht auf Glaubensfreiheit ab, und es müssen schon sehr gewichtige Gründe sein, diese Freiheit einzuschränken. Dass eine Moschee irgendwie nicht ins Bild der Bürger passt, reicht da nicht.
(SZ vom 2.6.2007)
"Die Freiheit zum Bau eines Gebetshauses leitet sich vom Grundrecht auf Glaubensfreiheit ab, und es müssen schon sehr gewichtige Gründe sein, diese Freiheit einzuschränken. Dass eine Moschee irgendwie nicht ins Bild der Bürger passt, reicht da nicht."
In der Theorie, in der Theorie, praktisch aber stellen diese Bürger sämtliche Verwaltungsorgane des Staates.
Der Lebenssaft einer freien Gesellschaft ist also Kritik. Das stimmt wohl sogar, allerdings nur, wenn sie konstruktiv sein kann. Die Grenzen des gesellschaftlich Machbaren mögen weit enger gefaßt sein als es in diesen Worten durchscheint. Wenn man größere Verschiedenartigkeit erlaubt, muß man auf ein rudimentäreres gesellschaftliches Regelwerk zurückfallen. Das ist die Kernregel in dieser Angelegenheit, der allgemeine Umgang mit einander wird sich ändern müssen, weniger Vertrauen, mehr Vorsicht.
Die Vorstellung, daß eine Art pädagogischer Prozeß zur Weiterentwicklung der Gesellschaft führen wird, ist in diesem Falle wenig glaubhaft, freilich ist das die bequemste Annahme, also die mit den geringsten Folgen, aber so wird es wohl nicht sein.
Deutschland ist traditionell kein Einwanderungsland und hat keine entsprechende Mentalität. Ich sehe aber nicht, wie Deutschland an einem Mentalitätswandel vorbei kommt. Erziehung der Zugewanderten wird's nicht reißen.
(...) Diese Moscheen sind Keimzellen einer Gegengesellschaft. (Quelle: FAZ, vom 6.06.07/ Kirche und Religion)
Schönen Tag....
Und Sie wissen, daß 'Plänkler' eine Art Vorhut der antiken Schlachtordnung sind???,-))
Nur kurz:
Sehr wohl ist es so, daß die Kuppel in der römischen Baukunst eine vielfältige Rolle spielte. Der Bogen war ja das einzige Eigenständige, was die Römer außer Adaptionen in die Baukunst eingebracht haben. Nur können Sie das eben nicht auf den Innenraum reduzieren. In der Tat können Sie in der äußeren Form einen globalen Herrschaftsanspruch ablesen, gerade der, der die Baukunst kennt. Aber auf dieser entwurflichen Ebene müssen Sie das eben auch diskutieren. Böhm hantiert mit diesen Symbolen relativ grob. Ich kann mir schon vorstellen, dass das Büro völlig andere Varianten in der Wahl hatte. Aber das ist eben das klassische Bild der Moschee, was diffus und nur eine Traditionslinie ist, aber wohl auch von Auftraggeberseite erwartet wurde.
Daß die Hagia Sophia konstruktiv differenzierter funktioniert, ist ja richtig. Das ist aber nicht wesentlich. Es geht hier um plakative Symbolik. All diese sind Zentralräume, eine Tradition, die es ja auch im romanischen Kirchenbau gibt. Den Zusammenhang zwischen Bauform und Selbstverständnis können Sie aber nicht einfach abstreiten. Die Peterskirche verwendet aus demselben Motiv eine Kuppel und die wurde leicht verändert in den Berliner Dom als Hauptkirche des Protestantismus transportiert, aus naheliegenden Gründen. Es geht immer um einen religiös-kulturellen Herrschaftsanspruch. Das ist eben der bauhistorisch-kulturelle Hintergrund.
Diese baulichen und städtebaulichen Bezüge, auf die ich vor einigen Tagen hingewiesen hatte, sind im Kern ja selbst Frau Kelek aufgefallen, obwohl sie nicht vom Fach ist:
Diese Moscheen entwickeln sich zu Zentren, in denen wie in einer kleinen Stadt alle Bedürfnisse abgedeckt werden. So finden sich meist in unmittelbarer Nähe, oft in örtlicher Einheit, die Koranschule, koschere Lebensmittelläden, Reisebüros, der Friseur, das Beerdigungsinstitut, Restaurants, Teestuben und anderes mehr - eben alles, was ein Muslim außerhalb seiner Wohnung braucht, wenn er nicht nur beten, sondern auch nichts mit der deutschen Gesellschaft zu tun haben will. Das ist eben der Prozess der stadträumlichen und kulturellen Segregation. Und ihr Fazit: Dienen sie der Integration? Hier sind Zweifel angebracht. So wie in vielen Moscheen in Deutschland der Islam praktiziert wird, erweist er sich als ein Hindernis für die Integration. Diese
Also, zuallererst, ich hätte mich auch gefreut, wenn da in Köln etwas anderes herausgekommen wäre als eine - gähn - Kuppel. Allerdings war ich stutzig geworden bei der Vorstellung, die Kuppel einer Moschee verbildliche die Umnutzung einer christlichen Kirche. So konnte man den Kommentar auch verstehen, und das träfe nicht zu. Neben den Beispielen in Rom (und natürlich den christlichen Beispielen in der Türkei) ist das Kuppelmotiv ja auch durchaus in vorosmanischer Zeit schon bemüht worden, wenn auch meist nicht als die hier vorgefundene eine, große Kuppel, sondern additiv. Die Idee, eine Kuppel auf eine Kiste zu bauen, ist nicht sehr innovativ, das besondere an der Hagia Sophia war ja eben, daß sie so ganz anders funktioniert als z.B. der Entwurf über den wir sprechen. Und die Ansprüche, die man ableiten will, spielen in der Tradition auch noch eine andere Rolle, die Kuppel wird da zuerst nicht (von außen betrachtet) als Erdkugel, sondern (von innen betrachtet) als Universum, sozusagen wie ein Himmel, gesehen, wohl noch gemischt mit ein bißchen Geometrie, Philosophie und wissenschaftlich abgeleitetem Herrschaftsanspruch, wenn ich mich nicht gewaltig irre - das mit der Erdkugel mag sich ein Speer gedacht haben, nicht der Erbauer der Hagia Sophia. Ich schreibe das alles nur, weil bestimmt ein paar Leute sonst in dem Bau sofort ein Symbol für die vermeintliche Eroberung Europas durch den Islam sehen ;-)
Nun habe ich den Eindruck, daß da jemand dachte, es sei sehr originell, wenn man die "typische osmanische Moschee" nimmt und dann darin herumschnitzt (wobei ich wie gesagt nicht sehe, daß die Annäherung an die osmanische Baukunst weit gekommen ist) - zeichenhaft als "öffnung" und Tradition. Es gibt wohl schon Beispiele, wo mit der Bauaufgabe mutiger umgegangen wurde. Aber vielleicht ist genau das die Bauaufgabe - für eine noch recht unsicher Gemeinde, die dementsprechend auch noch sehr defensiv mit ihren Traditionen umgeht, eineg Weg zu finden, sich gleichzeitig zu etablieren und zu verändern. Ich weiß nicht, ob die Gemeinde in Deutschland einen Bau ohne Kuppel akzeptiert hätte, das wäre z.B. in der Türkei wohl einfacher, weil das Selbstbewußtsein größer wäre.
@Igrobe Also kurz:
Es geht um Symbol der Kuppel, die schon seit dem römischen Pantheon, Ort aller Götter, immer ein Symbol des Globalen und Allumfassenden war. Dies ist auch in die Architektur der Renaissance, der klassischen Wiedergeburt, und des Barock bis zur Revolutionsarchitektur und in der Folge zur Klassik in dieser Bedeutung transportiert worden. Bei der Großen Halle in Berlin erscheint es eben in der ersten überarbeitungsstufe als Doppelmetapher des Globalen: Kuppelbau auf rechteckigem Quader und in der Kuppellaterne die Weltkugel, was selbstverständlich auch einen globalen Anspruch kommunizieren sollte. Diese Doppelmetapher steckt auch in diesem Kuppelentwurf. Die Interpretation ist immer auch eine Frage der Wahrnehmung, der Codes im Kontext von Kultur- und Baugeschichte, die sich verselbständigen unabhängig vom Entwurfsgedanken des Entwerfers.
Das Andere verweist auf die Bau- und Nutzungsgeschichte der Hagia Sophia, die als christliche Hauptkirche des oströmischen Reiches erbaut und durch Minarette ergänzt bis zur Umwidmung durch Atatürk als Moschee genutzt wurde. In dieser steckt der Urtyp der Freitagsmoschee. Dass der Moscheebau in der Form gar nicht unbedingt islamtypisch ist, ist eine andere Kuriosität. Es gibt ja auch eine Vielzahl von Moscheen, die von anderen Nutzungsmischungen ummantelt sind. Im Gegensatz hierzu gibt es mehr die Tradition des einfachen Gemeindehauses. Das folgte ursprünglich ja so gar nicht der christlichen Tradition, womit sich Böhm auch hätte beschäftigen können als den Typ der Hagia Sophia zu transformieren. Insofern steckt hier auch eine Reaktion auf den Kirchenbau und damit auch eine Art Bedeutungskampf im politisch-kulturellen Kontext. Und bei der Bemerkung zur Kultur des Multi-Kulti ging es daum, daß keine authentischen Ausdrucksformen, besondere in der Architektur hervorgracht wurden. Es gibt nur ein Konvolut der Vulgär-Moderne
@drmartin
Sie geben erst polemisches Gas und ziehen jetzt wieder larmoyant die Handbremse. Irgendwie müssen Sie sich mal entscheiden, welches Tempo es denn von Ihrer Seite sein soll.
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