Geschlechterdebatte Die Biologisierung des Denkens

In Schwedens Universitäten beginnt man, eine Frauenquote für alles einzuführen, was in Seminaren gelesen wird - nicht nur Sekundär-, sondern auch Primärliteratur. Die Folgen sind aberwitzig.

Von Thomas Steinfeld

Als Erik Ringmar, Dozent am politikwissenschaftlichen Institut der Universität Lund in Schweden, die Literaturliste für sein nächstes Seminar zusammenstellte, ahnte er, dass er Schwierigkeiten bekommen würde. Denn die Veranstaltung in diesem Semester hätte von der konservativen Kritik an den Idealen der bürgerlichen Gesellschaft handeln sollen - von Denkern und Dichtern wie Joseph de Maistre, Gustave Le Bon oder T. S. Eliot zum Beispiel. Frauen kommen in diesen Kreisen nur selten vor, weshalb er für das Seminar, sich über das eigentliche Thema hinwegsetzend, auch den Anarchismus zur "Kritik an der modernen Gesellschaft" rechnete: Denn in dieser Bewegung gab es ja ein paar revolutionäre weibliche Geister, etwa Lucy Parsons oder Emma Goldman, die zu einer angemessenen Verteilung der Geschlechter in der Literaturliste beitragen konnten. Aber das Manöver hatte wenig Erfolg: Nachdem die Leitung des politikwissenschaftlichen Instituts die Liste geprüft hatte, bestand sie darauf, es seien Werke der amerikanischen Feministin Judith Butler darin aufzunehmen. Diese hat zwar weder etwas mit Konservativismus zu tun, noch ist sie Anarchistin. Dafür aber ist sie für die von ihr etablierte Kategorie des "sozialen Geschlechts" berühmt - und die bloße Nennung ihres Namens gilt als Ausweis einer geschlechtspolitisch angemessenen Gesinnung.

Die Universität Lund ist die zweitälteste Hochschule Schwedens und mit über dreißigtausend Studenten auch eine der größten. Sie besitzt, vor allem in den Naturwissenschaften, eine weltweite Reputation und befindet sich im internationalen Ranking ungefähr dort, wo Tübingen, Leipzig oder Freiburg liegen. Und Lund bildet eine Avantgarde in der Gleichstellung der Geschlechter nicht nur im wissenschaftlichen Personal, sondern auch in den Gegenständen der Wissenschaft: Am politologischen Institut gilt nämlich schon seit Jahren die Regel, dass mindestens vierzig Prozent der Seminarliteratur von Frauen verfasst sein sollen - unabhängig vom jeweiligen Thema und unabhängig auch davon, ob es sich um Primär- oder Sekundärliteratur handelt.

"Zertifizierte Norm-Ingenieure" greifen im Namen des Staates die Freiheit der Wissenschaft an

Das bringt zuweilen Probleme mit sich. "Es gibt einfach zu wenige weibliche Faschisten", erklärte dazu der Journalist Ivar Arpi, der das Missgeschick jenes Dozenten vor ein paar Tagen in der Tageszeitung Svenska Dagbladet bekannt machte. Der Fall dürfte aber schwieriger sein: Denn eine rückwirkend beanspruchte Frauenquote bedeutet, dass alle Geschichte eine Spiegelung feministisch geprägter Gegenwart zu sein hat. Sogar die christliche Kirche besaß in der Epoche ihrer absoluten Macht ein Bewusstsein davon, dass es Zeiten gegeben hatte, in der sie noch nicht existierte. Eine Quote selbst für Primärliteratur aber verhält sich zur Geschichte wie die Erfinder der "Familie Feuerstein" zur Urgeschichte der Menschheit, als sie das amerikanische Suburbia der frühen Sechziger in die Steinzeit verlegten.

Das politikwissenschaftliche Institut der Universität Lund mag mit seiner Frauenquote für Seminarliteratur vorläufig noch zu den Einzelfällen gehören. Indessen reagiert es mit dieser Regel auf eine amtliche Forderung, die an alle schwedischen Hochschulen gestellt wird: Jede einzelne dieser Institutionen habe einen Plan vorzulegen, "wie sie die Arbeit mit der Integration der Gleichstellung zu entwickeln" gedenke, heißt es in einem entsprechenden Dekret der schwedischen Regierung vom Dezember 2015, wobei die "Gleichstellung" aller Menschen explizit zu den Aufgaben der Hochschulen gezählt wird - also eine politische Maßregel darstellt, die mit der Freiheit der Wissenschaft nur schlecht zu vereinbaren ist. Eine NGO namens "Academic Rights Watch", die den Fall des politikwissenschaftlichen Instituts an der Universität Lund dokumentiert, verweist denn auch darauf, dass ein Recht auf Freiheit der Forschung und der Lehre, anders als in den meisten europäischen Ländern, in den schwedischen Grundgesetzen nicht verankert ist - und dass das Verhalten jener Institutsleitung einen Verstoß gegen die Empfehlungen der Unesco für die akademische Lehre (Paragraf 28, "Freiheit der Lehre") darstellt.

Gleichwohl: ein "nationales Sekretariat für Genderforschung" erhielt nach jenem Dekret von der schwedischen Regierung den Auftrag, die Hochschulen bei der Arbeit an der "Gleichstellung" zu unterstützen. Bis zum 15. Mai dieses Jahres hatte eine jede Hochschule daraufhin einen Handlungsplan abzuliefern. Alle Institute, von der Universität Uppsala über das Karolinische Institut (die medizinische Universität in Stockholm, die den Nobelpreis für Medizin vergibt) bis zur Hochschule Malmö versprachen darin, in Zukunft noch mehr als bisher die Lehren der Genderforschung zu beherzigen und sich der "Normkritik" zu widmen - also mit den Mitteln von Forschung und Lehre wider eine "Norm" zu kämpfen, in der das männliche Geschlecht, die weiße Haut und die heterosexuelle Orientierung Kennzeichen einer Herrschaft seien, der sich alle anderen Varianten von Mensch und "gender" zu unterwerfen hätten. Im Übrigen gibt es in Schweden seit Kurzem den Beruf des "zertifizierten Normingenieurs", dessen Aufgabe es sein soll, eben diese geschlechtlich bestimmte Herrschaft zu brechen.

Politisch brisant ist das Versprechen der "Normkritik" aus mehreren Gründen. Zum ersten verwechselt es das aus den Idealen der Demokratie hervorgehende Prinzip der "Gleichberechtigung" mit dem Prinzip der "Gleichstellung". Dabei handelt es sich aber nicht um dieselbe Sache. Denn während die "Gleichberechtigung" auf die Voraussetzungen zielt, unter denen ein Mann, eine Frau oder wer auch immer sich in die Wechselfälle des gesellschaftlichen Lebens begibt, verlangt das Prinzip "Gleichstellung", die Dinge umgekehrt, also vom Resultat her, zu betrachten.

"Gleichgestellt" kann eine Gesellschaft erst dann sein, wenn jede ihrer Fraktionen im gesellschaftlichen Leben angemessen repräsentiert ist, weshalb das Prinzip "Gleichstellung" dem Prinzip "Gleichberechtigung" zumindest latent widerspricht: Wenn die Ergebnisse aller Anstrengungen immer die gleichen sein sollen, wird man auf unterschiedliche Voraussetzungen Rücksicht zu nehmen haben. Dann muss man Menschen absichtlich ungleich behandeln, um am Ende Gleichheit erzeugen zu können - irgendwann vielleicht. Weil solche Ungleichbehandlungen aber durchgesetzt werden müssen, immer und überall, setzt das Prinzip der "Gleichstellung" eine permanente Kontrolle aller gesellschaftlichen Aktivitäten voraus. "Gleichstellung" ist deswegen ohne einen autoritären Staat nicht zu haben.

Zum zweiten ist "Gleichstellung" ein unendliches Projekt. Denn es sind ja nicht nur die Frauen einer ihnen fremden "Norm" unterworfen. Die Homosexuellen werden von den Heterosexuellen benachteiligt, die Dunkelhäutigen können sich schlecht gegen die Hellhäutigen durchsetzen. Weil alle entsprechend möglichen Zurücksetzungen der Aufsicht und des Ausgleichs bedürfen, hat das Prinzip "Gleichstellung" eine schnell wachsende Bürokratisierung aller akademischen und intellektuellen Verhältnisse zur Folge: An der Königlich Technischen Hochschule ("KTH") in Stockholm gibt es seit Anfang dieses Jahres eine stellvertretende Rektorin für "Gleichstellung und Wertgründe", die über ein spezielles "Equality Office" verfügt, dessen Zuständigkeit sich über alle Momente von Forschung, Lehre und Verwaltung erstreckt - wobei zu dieser Geschichte gehört, dass die KTH hauptsächlich Ingenieure ausbildet. Man muss sich das "Office" wohl als Institutionalisierung jener Aufpasser-Politik vorstellen, die in Lund für die Revision einer Literaturliste sorgte, in der angeblich die Werke Judith Butlers fehlten, und diese Institutionalisierung verfährt progressiv, bis in den Heizungskeller der Hochschule und noch weiter hinunter.

Der Glaube, das Geschlecht sei eine Konstruktion, verstärkt die Unterschiede, die er kritisiert

Über die Bürokratisierung hinaus entsteht, drittens, ein Beschwerde- und Klagewesen, das von Wissenschaft nichts verstehen muss, um ein Vergehen gegen das Prinzip anzuzeigen. Im Zweifelsfall genügt ein Blick auf Namen, um ein intellektuelles Interesse zu einem unmöglichen Projekt werden zu lassen: Den Kurs zur konservativen Kritik an den Idealen der Demokratie wird es an der Universität Lund in Zukunft nicht mehr geben, wobei sich dann die Frage stellen dürfte, ob sich Themen aus vormodernen Zeiten überhaupt angemessen behandeln lassen. Dabei ist es kein Zufall, dass der Einspruch gegen jene Literaturliste nicht von einer Teilnehmerin des aktuellen Seminars kam, sondern von der Studentenvertreterin in der Institutsleitung. Sie sorgte auch dafür, dass der Name Judith Butler auf die Literaturliste gesetzt wurde - der Name, der für den in Schweden offenbar zur nationalen Ideologie gewordenen Glauben steht, dass Geschlechter gesellschaftliche Konstruktionen sind, geronnene Erfindungen, die es in einer besseren Welt nicht geben sollte.

Dieser Glaube ist eine widersprüchliche Angelegenheit. Denn er verstärkt die Unterschiede, die er zu kritisieren vorgibt. Er tut es, indem er die Menschen nach ihren Geschlechtsmerkmalen - oder nach ihrer Hautfarbe, nach ihren sexuellen Neigungen - sortiert, gründlicher, als es die bestehende Gesellschaft je tat, geschweige denn noch tun würde. Es mag gute Gründe dafür geben, dass Feministen denken, man müsse die Welt dazu zwingen, den Anteil von Frauen am Zustandekommen eben dieser Gesellschaft zu erkennen. Der Glaube, das Geschlecht sei eine soziale Konstruktion, wirkt jedoch weit über ein solches Erkennen hinaus. Er sorgt dafür, dass jeder Mensch zuerst und zuletzt als repräsentatives Geschlechtswesen wahrgenommen wird - im selben Sinn, wie das Geschlecht eines Menschen das ausschließende Kriterium dafür bilden soll, ob er in die Literaturliste einer akademischen Veranstaltung aufgenommen werden kann oder nicht. Gleiches gilt, weniger drängend, aber doch gegenwärtig, für die Hautfarbe und für die sexuellen Neigungen.

Bestünde wirklicher gesellschaftlicher Fortschritt in solchen Verhältnissen nicht darin, sich um die biologische Bestimmtheit des Menschen nicht mehr kümmern zu müssen - und sich in aller Freiheit mit dem Wissen, dem Können und vielleicht sogar mit der Eigenart einzelner Menschen zu beschäftigen? Ohne deswegen stets das Geschlechtswesen im Kopf zu haben? Stattdessen wird man immer wieder und immer tiefer in die Natur zurückgestoßen, und es scheint kaum jemand da zu sein, der dieses Verhalten nicht nur als Rückschritt, sondern auch als Erniedrigung wahrnähme.