Gericht stoppt Radio-Satire über DFB-Präsidenten Lull und lall

Die Juristen nennen es "Wortfindungsstörungen" - gemeint ist Vergiftungs-Lallen nach überreichem Alkohol-Genuss. So etwas darf der SWR fortan nicht mehr ausstrahlen. Jedenfalls nicht, wenn es satirisch um den DFB-Chef Mayer-Vorfelder geht. Auch wenn der Sender ihn dabei "M-Blau" statt "MV" nennt.

Von KLAUS OTT

Der Präsident lallte hörbar, bei manchen Worten machte die Zunge schon nicht mehr mit. Das seien doch alles wilde "Spaku . . .Speku . . .Spak . . .Gerüchte."

In der einstweiligen Verfügung wird auch die Ausstrahlungen folgender Geräusche verboten: "Einschenken eines Glases, Trinken, Umfallen einer Flasche."

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Und er schenkte kräftig nach. Mal ein Weißbier, mal einen Riesling, und Schnaps sowieso: "Ein paar Kurze gehen immer mit rein." Es war ein Jammer, wie sich Gerhard Mayer-Vorfelder, der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), dem Alkohol hingab. MV, wie er auch genannt wurde, hatte den Rücktritt von Rudi Völler als Teamchef der Nationalmannschaft nach der Pleite bei der Europameisterschaft in diesem Jahr in Portugal offenbar nicht verkraftet. In Verhandlungen mit Völlers Nachfolger Jürgen Klinsmann schien es eigentlich nur um die nächste Flasche zu gehen. Und die Fans bekamen alles mit. Ausgerechnet der Südwestrundfunk, aus dessen Sendegebiet der Schwabe Mayer-Vorfelder stammt, blieb im Radioprogramm SWR 3 am Thema, 23 Folgen lang.

Allerdings: Es war eine Comedy-Serie und auch gar nicht der echte DFB-Präsident, der da mit dem echten Klinsmann telefonierte. Vielmehr machten sich zwei Stimmen-Imitatoren über das -- allerdings echte -- Chaos in der Verbandsspitze lustig. Und griffen dabei auch auf, was in der Fußball-Branche seit Jahren gemunkelt wurde: Mayer-Vorfelder neige dem Alkohol zu. Der echte MV wollte das auf die Dauer nicht mehr hören. Er wehrte sich mit Hilfe einer Münchner Anwaltskanzlei bei der Berliner Justiz gegen den Stuttgarter Sender. Beim Landgericht scheiterte der Verbandschef, doch das Kammergericht gab ihm in zweiter Instanz weitgehend Recht, jetzt liegt der Beschluss schriftlich vor.

Der SWR darf nun neun einzeln aufgelistete "Wortfindungsstörungen" und 26 im Detail beschriebene Dialoge mit Klinsmann nicht mehr verbreiten, weder im Radio noch im Internet. Wortfindungsstörungen? Der juristische Ausdruck für Lallen. In der einstweiligen Verfügung wird auch die Ausstrahlungen folgender Geräusche verboten: "Einschenken eines Glases, Trinken, Umfallens einer Flasche."

Das Kammergericht musste abwägen, was mehr zählt: Die Freiheit der Kunst, Artikel fünf Grundgesetz, oder der Schutz der Persönlichkeit, Artikel zwei der Verfassung. Die Berliner Justiz entschied sich, unter Hinweis auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes, im Kern für Artikel zwei. Die Richter notierten, der SWR behaupte mit seiner Comedy-Serie, Mayer-Vorfelder sei "stets und ständig angetrunken" und spreche auch "bei Ausübung seiner Amtsgeschäfte als DFB-Präsident" ständig dem Alkohol zu. Dies sei falsch, wandte Mayer-Vorfelder ein, und der neunte Zivilsenat des Kammergerichtes folgte ihm: "Dass die aufgestellte Tatsachenbehauptung unwahr ist, hat der Antragsteller glaubhaft gemacht."

Der SWR sieht die Sache anders. Die öffentlich-rechtliche Anstalt betrachtet die Verfügung als schweren Eingriff in die Kunstfreiheit und will den Gerichtsbeschluss anfechten. Der Grundsatz-Streit über die Grenzen der Satire geht also weiter. Das Berliner Kammergericht befand, natürlich dürften tatsächliche Ereignisse übertrieben und überspitzt dargestellt werden. Die Satire dürfe aber nicht "ohne realen Anlass in eine falsche Richtung zielen". Der Vorwurf der Trunkenheit sei geeignet, MV "in den öffentlichen Meinung herabzuwürdigen".

Dass Satiriker dem DFB-Chef eine Neigung zum Alkohol unterstellen, ist nicht neu. Schon der scharfzüngige Schwabe Harald Schmidt hatte, als er noch bei Sat 1 wirkte, seinen Landsmann als trunkenen Fußball-Präsidenten aufs Korn genommen. Allerdings war das ein einmaliger Spott gewesen, den Mayer-Vorfelder sich gefallen ließ. Dass der SWR nun gleich eine Comedy-Serie daraus machte, war dem Verbandschef zu viel. Bei Gericht unterlegen ist Mayer-Vorfelder aber mit dem Antrag, auch eine "Verballhornung" seines Namens zu unterbinden. Das sei kein schwerwiegender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht, entschieden die Richter; mit einer Ausnahme: M-Blau statt MV ist unzulässig.

Der SWR hat die Sketche mit dem Alkohol aus dem Programm und aus dem Internet genommen. Der Sender setzt die Comedy nach Angaben nun in anderer Form fort: Mayer-Vorfelder trinkt jetzt nur noch Mineralwasser.