Geistiges Eigentum in der Musik Wie ein Rudel Katzen

Es ist nicht so, dass die Menschen Musik nicht mehr lieben. Es ist die Art, wie sie ihr angeboten wird, die nichts Menschliches mehr hat. Ein Rockstar über den Zustand der Musikindustrie.

Von John Mellencamp

In den vergangenen Jahren haben wir alle den Niedergang des Musikgeschäftes beobachtet, der abwechselnd den Plattenfirmen, den Künstlern und dem Internet in die Schuhe geschoben wurde. Wir haben viel über die "guten alten Zeiten" gehört und gelesen, als Musik noch eine Kunstform war, die gesellschaftliche Bewegungen auslösen konnte. Das scheint nun alles Vergangenheit zu sein. Und nach 35 Jahren als Künstler im Musikgeschäft fühle ich mich eher gezwungen als inspiriert, mich für meine Künstlerkollegen starkzumachen und unsere Seite der Geschichte zu erzählen.

Hätte die Musikindustrie ihre Visionen nicht dem Bilanzwahn der Erbsenzähler geopfert, hätten sich die Musiker sicherlich weiter darauf konzentrieren können, ihre Musik zu machen, statt sie zu vermarkten. Doch während der späten achtziger und frühen neunziger Jahre durchlief die Musikindustrie eine Wandlung, die eine Restrukturierung nach sich zog, die von drei Faktoren bestimmt war. Plattenfirmen betrachteten sich auf einmal nicht mehr als Vermittler von Musik, sondern als Teil der Wall-Street-Manipulationen. Firmen wurden übernommen, fusioniert, verkauft; Börsengänge folgten, Aktionäre tagten.

Gleichzeitig etablierte das Medienforschungsunternehmen Nielsen zwei neue Systeme, um Plattenverkäufe und Radioquoten zu ermitteln - Soundscan und Broadcast Data Systems, BDS. Vor 1991 erstellte man die Hitparaden bei Billboard noch manuell. Man befragte Radiosender und Plattenläden im ganzen Land, um ihre Wiedergabelisten und Bestseller zu ermitteln. So hatte Oklahoma eine ebenso gewichtige Stimme wie Chicago. BDS verfolgt dagegen mittels eines Kodierungssystems, wie oft ein Song abgespielt wird.

Soundscan zählt die Plattenverkäufe wiederum über die Barcodes, die in die Ladenkassen eingegeben werden. Dieses System hat Popularität durch reine Kopfzahl ersetzt. Plötzlich standen Platten auf Platz eins der Hitparaden, von denen wir noch nie gehört hatten. Wir fragten uns noch, ob wir einfach keine Ahnung mehr hatten. Uns war jedenfalls nicht klar, dass sich hier eine Wandel vollzog, der vielleicht nicht das Musikgeschäft, aber doch die Plattenfirmen umbringen sollte.

Ronald Reagans vielgerühmte "Trickle-Down"-Theorie besagte, dass Reichtum von den Eliten zu den Massen heruntersickert. Wir wissen längst, dass das Schwachsinn ist. Das Gleiche gilt für die Musik. Sie sickert nicht zu den Massen herunter. Sie geht von den Musikern aus, verbreitet sich durch Mundpropaganda, sickert von der Straße in die allgemeine Bevölkerung. Doch nun kam die Musik von oben und wurde den Leuten in den Schlund gerammt.

Neue Technologien als Chance

1997 waren Kreativität und die Musiker selbst zweitrangig geworden. Sie hatten sich der Wall Street unterzuordnen, während die Plattenfirmen an die Börse gingen. Die Plattenfirmen betrieben mit ihren Musikern unterdessen einen Ramschverkauf und zwangen sie, ihren neuen Konzernherren in den Arsch zu kriechen. Es ging nur noch darum, die Aktionäre zufrieden zu stellen, um Quartalsbilanzen. Altgediente Mitarbeiter dieser Firmen wurden der Rentabilität geopfert. Eine Kultur der Gier erfasste selbst die leidenschaftlichen Musikliebhaber in der Industrie. Abverkäufe, wer in der jeweiligen Woche die Nummer eins hatte und wer in den Hitparaden aufstieg oder fiel schienen die einzigen Existenzberechtigungen für Musik zu sein.

In der Zwischenzeit machte die Technologie - wie immer - enorme Fortschritte. Für uns Musiker hätte dieser Fortschritt eigentlich nur Vorteile haben sollen - bessere Klangqualität, bessere Zugriffsmöglichkeiten, erhöhte Mobilität. Genau dieser Fortschritt wird nun allerdings für vieles verantwortlich gemacht, das dem Musikgeschäft zusetzt. Es waren allerdings die Industriekapitäne, die unfähig waren, einen langfristigen Blick in die Zukunft zu werfen, was diese neuen Technologien zu bieten hatten. Weil sie aber die Möglichkeit nicht erkannten, brachten sie uns mit ihrer Ahnungslosigkeit in eine albtraumhafte Situation. Der Albtraum war dabei der schlichte Umstand, dass sie nicht wussten, wie sie die neuen Technologien für uns nutzen könnten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Klangqualität ein Mythos war.