Frauenrechtlerin Adrienne Rich gestorben Poesie als Tabubruch

Frau, Lesbe und Jüdin: All diese Persönlichkeiten vereinten sich in der feministischen Autorin Adrienne Rich. Zeit ihres Lebens versuchte die US-Amerikanerin das Tabu gleichgeschlechtlicher Liebe durch Poesie zu durchbrechen. Am Dienstag verstarb die 82-Jährige in Santa Cruz.

Die Schaffung einer Gesellschaft ohne Herrschaft: So lautete das Ziel einer der größten Feministinnen unserer Zeit. Ihr Mittel: Die Poesie. In den 60 Jahren ihres Schaffens untersuchte Rich die Entwicklung von Frauen in der modernen Gesellschaft, Entwicklungen, die sie auch selbst durchlebte. Dabei legte sie einen besonderen Fokus auf die traditionelle Rolle der Mutter und Hausfrau in der Gesellschaft. Dutzende Werke schrieb Adrienne Cecile Rich, immer bemüht, auf Ungleichheit hinzuweisen. Die US-Amerikanerin, die an renommierten US-amerikanischen Universitäten wie Stanford oder Columbia lehrte und zahlreiche Preise gewann, darunter den "National Book Award" 1974, verstarb bereits am Dienstag im Alter von 82 Jahren in Santa Cruz, Kalifornien.

Zu einer Zeit, in der der amerikanische Traum von einem Haus im Vorort für viele Wirklichkeit wurde und Frauen die für sie vorgesehene Rolle der sich aufopfernden Hausfrau im Petticoat ausfüllten, brachte Adrienne Rich ihr erstes Buch heraus: "A Change of World". 1951 veröffentlicht, gewann der Band auf Anhieb den angesehenen Wettbewerb "Yale Series of Younger Poets Competition". Im Gegensatz zu ihren feministischen Mitstreiterinnen, wie Betty Friedan, schrieb Rich nicht in Prosa, sondern verfasste Gedichte, in denen sie das Ende der Entrechtung der Frauen forderte.

1953 heiratete Rich den Harvard-Ökonomen Alfred H. Conrad, mit dem sie drei Söhne hatte. Die Familie zog bald nach New York, wo ihr Mann einen Job am City College annahm. Dort kam Rich mit dem Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung in Kontakt und wurde aktiv - bis zu ihrem Tod sollte sie es bleiben. Die Ehe mit ihrem Mann endete tragisch. Nachdem sich Rich und ihr Mann immer weiter entfremdet hatten, setzte er seinem Leben 1970 durch einen Schuss in den Kopf ein Ende. Ein Ereignis, über das sie bis zum Ende ihres Lebens nur selten sprach.

Frau, Lesbe und Jüdin - Rich vereinte alles zusammen in ihrer Person. Daraus rührte auch ihr Einsatz für Menschen am Rand der amerikanischen Gesellschaft. Mit 30 war Rich bereits Mutter von drei Söhnen und verkörperte das klassische Frauenbild. Verheiratet und zugunsten der beruflichen Karriere ihres Mannes in eine andere Stadt gezogen.

Doch in den 70ern entdeckte sie ihre Liebe zu Frauen. 1973 erschien "Diving Into The Wreck", ein Gedichtband, der bis heute als Meisterwerk der feministischen Literatur gilt. Ihr Outing folgte 1976, erneut in lyrischer Form, in "Twenty-One Love Poems". Die Gedichte handelten von der sexuellen Liebe zwischen Frauen, ein Thema, das zu dieser Zeit ein großes Tabu darstellte. Von 1976 bis zu ihrem Tod lebte sie in einer Partnerschaft mit der jamaikanischen Autorin Michelle Cliff.

Holocaust und jüdisches Erbe

In den späteren Jahren galt Richs Interesse vor allem ihrer jüdischen Abstammung. Ihr Vater war Jude, ihre Mutter Katholikin. Ihre späteren Werke widmeten sich der Aufarbeitung des Holocaust.

1997 sollte die Autorin mit der "National Medal of Arts", der höchsten Auszeichnung, die durch den Kongress der Vereinigten Staaten an Künstler und Förderer der Künste verliehen wird, ausgezeichnet werden. Doch Rich weigerte sich den Preis anzunehmen: "Ich kann keinen Preis von Präsident Clinton oder dem Weißen Haus annehmen, denn das, wofür Kunst steht, wie ich sie verstehe, ist mit der zynischen Politik dieser Regierung unvereinbar", so Rich.

In der deutschen Übersetzung erschienen unter anderem Richs Gedichtband "Der Traum einer gemeinsamen Sprache" und die Bücher "Von Frauen geboren. Mutterschaft als Erfahrung und Institution" und "Um die Freiheit schreiben. Beiträge zur Frauenbewegung".

Dass Poesie allein nicht ausreichen würde, um etablierte soziale Strukturen zu stürzen, dessen war sich die erfahrene Aktivistin stets bewusst: "Poesie ist keine Reinigungslotion, keine gefühlvolle Massage, keine Art von linguistischer Aromatherapie".