Franca Magnani (XLIX) Die Mutige

SZ-Serie über große Journalisten (XLIX): Franca Magnani erklärte den Deutschen Italien

Von CHRISTIANE KOHL

Bildfetzen tauchen in der Erinnerung auf. Eine schlanke, elegant gekleidete Frau steht in altrömischer Kulisse und erklärt, wie Scheidung auf italienisch vonstatten geht. Man sieht dieselbe Dame vor der Spanischen Treppe über Mode plaudern oder zwischen den Ruinen eines Erdbebendorfes die Überlebenden befragen: Franca Magnani, unsere Fernseh-Frau in Rom und zugleich das Gesicht jenes Italiens, das deutsche TV-Zuschauer so liebten. Dolce vita, Vespa fahren und Espresso trinken in der Bar - sie hat uns das Leben dort erklärt und die Sehnsüchte nach dem Süden genährt. Und dazu eine Nähe ausgestrahlt, die nur von echter Herzenswärme kommt.

Dabei war ihr Leben im ARD-Studio Rom keineswegs leicht. Einmal, so wurde erzählt, hatte sich jener bayerische Fernsehfunktionär, der ihr Vorgesetzter war, vor ihr aufgebaut und geschrieen: "Sie werden noch auf den Knien vor mir liegen!" Franca Magnani aber lächelte den Mann nur ruhig an und sagte: "Ich werde, außer vor Gott, niemals vor irgend jemandem auf den Knien liegen".

So war sie. Ganz Italienerin, geschmeidig, charmant und bei aller laizistischen Gesinnung gottgläubig - aber zugleich konnte sie eine nachgerade teutonische Unnachgiebigkeit entwickeln. Beinahe zwei Jahrzehnte lang prozessierte sie mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) über ihre Position im ARD-Studio Rom. Davon, dass die Gerichte ihr letztlich Recht gaben, hatte die streitbare Journalistin aber nicht viel. Erst Jahre nach dem Urteil gelang es, einen Vergleich mit dem BR auszuhandeln, doch wurde dieser nicht mehr umgesetzt - Franca Magnani war mittlerweile krank geworden und starb im Oktober 1996 an Krebs.

Journalismus, das war ihr Leben gewesen. Den Beruf habe sie sich nicht ausgesucht, sagte Franca Magnani: "Ich wurde hinein geboren." Auch das Interesse an der Politik, ihren klaren analytischen Blick für Italiens Gesellschaft und ihren Instinkt für die Bewertung von Politpersönlichkeiten hatte sie nicht erlernen müssen, derlei Fähigkeiten entwickelten sich aus ihrer Biografie. Ihr Vater Fernando Schiavetti, Mitglied der Republikanischen Partei und Chefredakteur der Parteizeitung Voce Repubblicana, hatte 1926 Italien verlassen, nachdem er von faschistischen Banden überfallen worden war. Er ging nach Marseille, wo er sich als Drucker und Lastwagenfahrer durchschlug; seine Frau folgte ihm heimlich mit der älteren Tochter. Franca, die jüngere, 1925 geboren, aber war zu klein für die Flucht: So lebte sie zunächst beim Großvater in Todi. Auf dessen Gesuch hin erlaubte Diktator Benito Mussolini 1928, dass Franca zu den Eltern gebracht wurde. Als der Großvater mit ihr in Marseille auftauchte, sagte Francas Vater vorwurfsvoll: "Das verzeihe ich Ihnen nie, dass Sie dem Duce Gelegenheit gegeben haben, sich großzügig zu zeigen."

Im Exil lernte Franca bereits als Kind Politiker kennen, die im demokratischen Nachkriegsitalien bedeutend sein sollten. So kam Sandro Pertini, der spätere Staatspräsident, öfters bei den Schiavettis vorbei. Der Anwalt, erinnerte sich Franca Magnani später, habe ihre Mutter stets um ein Bügeleisen gebeten, "um die Falte seiner Hose nachzuziehen". Als Frankreich von den Nazis besetzt wurde, zog die Familie nach Zürich. Nun lernte Franca Schwyzerdütsch - und so wichtige Tugenden wie Präzision und Pünktlichkeit, Ordnung und "das Tragen von Filzpantoffeln in der guten Stube".

Das Schweizer Exil war ein Kulturschock, wie Franca fand: "Eine derart geordnete Welt kannte niemand von uns." Trotzdem heiratete sie 19-jährig einen Schweizer Zeitungsredakteur und ging nach dem Krieg mit ihm nach Bonn. Von 1951 an arbeitete sie als Journalistin, zunächst für die Schweizer Illustrierte Annabelle sowie für die Weltwoche. Doch die Ehe war nicht von Dauer, Franca fühlte sich stets "unter Kuratel" - sie war ja, wie sie später in ihrer Autobiografie (Eine italienische Familie, 1990) erklärte, "aus der Obhut meines Vaters direkt in die meines Mannes übergegangen".

Mittlerweile hatte Franca einen italienischen Kommunisten kennen gelernt, der während des Krieges im Untergrund gekämpft hatte: Valdo Magnani, ihre große Liebe. Freilich war auch mit ihm das Leben nicht nur Sonnenschein. Magnani, ein widerborstiger Denker, legte sich zur offiziellen Parteillinie quer. Lange bevor der Eurokommunismus aufkam, jener italienische, etwas undogmatischere Weg, prangerte Magnani den Stalinismus an und wurde prompt ausgeschlossen aus der Partei. So begann für Franca "die Emigration im eigenen Land", denn nicht nur die KPI stellte sich gegen ihren Mann, auch ihre Familie. Der unerbittliche Vater, inzwischen bei den Sozialisten engagiert und Leitartikler in der Zeitung Progresso d'Italia, schrieb Brandkommentare gegen den Schwiegersohn.

Unterdessen brachte Franca Magnani zwei Kinder zur Welt. Ihr Mann, der später Parlamentsabgeordneter wurde, las ihr seine politischen Texte vor; bald begann Franca selbst zu schreiben, zunächst für die SPD-Zeitung Vorwärts sowie das Schweizer Wochenblatt Die Tat. Ab 1964 war sie dann im ARD-Studio Rom engagiert. Sie war die erste Auslandskorrespondentin im deutschen Fernsehen werden und gleichzeitig "die einzige Ausländerin, die über ihr eigenes Land berichtete", wie sie selbst sagte.

Im Nu entwickelte sich die schlanke Italienerin mit dem schwarzen Haarschopf und der Perlenkette, der kehligen, manchmal singenden Stimme und dem charmant rollenden R, zum Publikumsliebling in Deutschland. Sie verkörperte dieses quirlige, sympathische Land - egal, ob sie das Rollenspiel der italienischen Frauen zwischen Madonna, Mutter und Geliebter erklärte oder vom "latin lover" erzählte, der seine Gattin "mit ebenso viel Phantasie betrügt wie er sie liebt". Oder ob sie über den jüdischen Schriftsteller Primo Levi berichtete, der als Spätfolge von Auschwitz Selbstmord beging, einen Kamera-Flirt mit Marcello Mastroianni führte oder den Kommunistenführer Enrico Berlinguer interviewte.

"Es macht mir Spaß, den Leuten Dinge verständlich zu machen", hat sie ihr journalistisches Credo stets ganz schlicht erklärt. Freilich spielte auch ihr politischer Veränderungswille eine Rolle. Nach einer Reportage über eine neapolitanische Mutter, die ihre Kinder verkauft hatte, erklärte sie ihre Rolle etwa so: "Fragen, was dahinter steht, und dann mit den Leuten reden, dass sie es nicht mehr tun." Sie war nie eine Kommunistin, aber ihr Herz schlug links. Als SPD-Chef Willy Brandt zu Beginn der achtziger Jahre einen direkten Kontakt zu Berlinguer suchte, arrangierte sie ein Treffen in ihrer Wohnung. "Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen", war ihre politische Philosophie.

Couragiert bot sie auch ihrem ARD-Studiochef Wolf Feller Paroli. Der CSU-nahe Journalist war 1977 nach Rom gekommen und hatte sofort begonnen, die erfolgreiche Kollegin vom Bildschirm zu verbannen. Sie aber gewann alle Gerichtsschlachten und wurde darüber zum beliebten Talkshow-Gast; sie erhielt das Bundesverdienstkreuz und den von der SPD gestifteten Fritz-Sänger-Preis. "Keine Ahnung, was das ist", war ihr erster Kommentar: "Vermutlich ein Preis, den schon alle haben und ich bin die Letzte, der sie ihn noch andrehen können." Dabei war die Ehrung für "mutigen Journalismus" ausgelobt worden - und sie wurde als Erste damit ausgezeichnet.