"Focus": Markwort setzt auf "Projekt Z" Das Zucken der Zugmieze

Es geht um alles: Chefredakteur Helmut Markwort sorgt sich um die Zukunft des Focus und ruft den redaktionsinternen Kreativ-Wettbewerb "Projekt Z" ins Leben.

Von Hans-Jürgen Jakobs

An großen Gesten mangelt es Helmut Markwort, 72, selten. Doch am Montag dieser Woche, in der Redaktionskonferenz seines Focus, ging es um ganz Großes. Es ging um "Z". So stellte der Gründer, Chefredakteur, Herausgeber, Geschäftsführer, Vorstand und überhaupt "Erste Journalist" des Verlages von Hubert Burda ein neues Projekt der Redaktion vor.

Der große Kater des modernen Journalismus: Helmut Markwort.

(Foto: Foto: dpa)

"Z" bedeutet im Griechischen "Er lebt", wie man seit dem großartigen Polit-Thriller "Z" des Regisseurs Constantin Costa-Gavras weiß, in dem 1969 die Ermordung eines griechischen Oppositionsführers thematisiert wurde. Bei Burda steht "Z" natürlich für nichts Geringeres als "Zukunft" - oder für "Zugmieze", wie der Focus vor dem Start im Januar 1993 aus Geheimhaltungsgründen intern einmal hieß.

Damals stand Markwort nicht zuletzt bei seinem Verleger im Verdacht, so etwas wie der große Kater des modernen deutschen Journalismus zu sein. Focus kam als buntes Nachrichtenmagazin und münchnerisch geföhnter Anti-Spiegel daher; er zog Anzeigen an und mutierte mit der Zeit immer stärker zum Nutzwert-Lebensberater-Journal, das den Deutschen die richtige Kaffeezubereitung oder Schlankheitskur lehrt.

Irgendwie reicht das - 16 Jahre später - nicht mehr. Drei Teams mit Focus-Journalisten sollen sich nun bis Herbst in einer Art Kreativ-Wettbewerb - "ergebnisoffen" - Gedanken um das verdächtig schnell gealterte Blatt machen. Markwort mischt mit. Es geht um alles: das veränderte Nutzungsverhalten, die Aufbereitung der Themen, neue Schwerpunkte, überhaupt um Ideen. Die Projektgruppen wurden "Alpha", "Omega" und "Ypsilon" genannt, so ein Sprecher.

Gute Rezepte für Alpha-Journalismus

Am Ende könnten, hoffen sie im Verlag, ein paar gute Rezepte für Alpha-Journalismus und gegen die Krise entstehen, die viele Medien erfasst hat. Es fehlen Werbeerlöse. Bei Focus kommt hinzu, dass die Auflage schon seit einiger Zeit nicht gerade die Qualität schwedischen Stahls hat. Sie wurde beispielsweise mit Bordexemplaren, also in Jets verteilten Heften, in der Luft gehalten.

Geschäftsführer Frank-Michael Müller macht mit den alten Praktiken Schluss. Er redet von "strategischer Konsolidierung" und verkündet in der Fachpresse: "Wir beenden den Wettlauf der Abo-Prämien-Schnäppchenjäger." Resultat: Erstmals seit 1995 bleibt Focus unter der Auflagengrenze von 700.000. Im ersten Quartal 2009 wurden nur noch rund 683.000 Exemplare verkauft. "Focus läst die Luft raus", titelte Horizont. Es gibt einen eisernen Sparkurs, der Personalstand geht zurück. Markwort selbst sieht das Positive und verweist öffentlich darauf, Focus sei der umsatzstärkste Titel bei Hubert Burda Media.

Doch anders als Mitte der neunziger Jahre kann der Focus der Burda-Bilanz nicht mehr stark zu schönen Gewinnen verhelfen. Darüber war vor allem Ex-Majordomus Jürgen Todenhöfer unglücklich. Für nicht wenige Kenner des Hauses ist ausgemacht, dass er bei Focus mit größer werdender Enttäuschung auf journalistische Reformen wartete.

Schluss nach der Wahl?

Doch Focus ist Markwort, und Markwort ist eine Macht im Verlag. Der Mann, der mit Radiobeteiligungen reich wurde und als Aufsichtsratsmitglied des FC Bayern redselig im Fernsehen auftritt, hat bereits eng mit Eigentümer Hubert Burda, 69, zusammengearbeitet, als die Beatles ihre besten Alben noch nicht produziert hatten. Damals kümmerte sich die beiden um Bild + Funk.

Im Herbst 2008 ging Todenhöfer, 68. Sein Ausstieg wurde als Zeichen eines Generationenwechsels gewertet. Der drei Jahre ältere Markwort durfte weitermachen. Offenbar will es der in Darmstadt geborene Hobby-Schauspieler, der so gern den "Datterich" gibt, im Superwahljahr noch einmal so richtig wissen. Im aktuellen Focus fühlte er sich berufen, das sittliche Deutschland vor seinem gegen Steueroasen ankämpfenden Finanzminister zu retten. Und er rechnete mit den Plakaten der SPD ("Finanzhaie würden FDP wählen") ab, die einen Krawattenträger mit Raubtier-Maul und großen Zähnen zeigten. O-Ton Markwort im Editorial ("Tagebuch"): "Die Symbolik und der Tiervergleich erinnern an Goebbels-Kampagnen im Dritten Reich." Da haben sich wohl auch bei Burda einige erschrocken - weniger über die SPD, als vielmehr über den Goebbels-Vergleich.

Freidemokrat Markwort gab seiner FDP denn auch gleich den Rat, "nicht auf dieses Niveau" der SPD-Werbung hinabzusteigen. Womöglich sieht er eine Mission, seinen Beitrag für eine "bürgerliche" Bundesregierung aus Union und FDP zu leisten. Und es gibt Hinweise, dass nach der Bundestagswahl Schluss sein könnte mit den treuen Diensten als Blattmacher. Ein Sprecher erklärt dazu: "Herr Markwort wird seinen Vertrag bis Ende 2010 erfüllen."

Mal sehen, was das "Projekt Z" so alles erbringt.