Filmkunst Liebe siegt über Gold

Zueinander hingezogen: die Tochter des Glockengießers (Lucie Mannheim) und der neue Geselle (Hans Brausewetter).

(Foto: Kineos GmbH)

Georg Wilhelm Pabst drehte 1923 seinen ersten Film "Der Schatz". Das Orchester Jakobsplatz begleitet ihn live mit der von Max Deutsch komponierten Musik

Von Klaus Kalchschmid

Der Schatz" nennt sich der erste (Stumm-)Film von Georg Wilhelm Pabst, der später neben Fritz Lang und Friedrich Murnau mit der "Freudlosen Gasse" (1925), der "Büchse der Pandora" und "Die weiße Hölle vom Piz Palü" (beide 1929) als expressionistischer Regisseur Filmgeschichte schreiben sollte. Schon in seinem Erstling aus dem Jahr 1923 ist eine sichere Handschrift in Regie, Dramaturgie und Bild erkennbar, die aus der Geschichte um die Suche nach einem im Pfeiler eines Hauses versteckten Schatz ein Drama um jugendliche Liebe, Loyalität, Lüge, Habgier und Korruption macht. Auch vor versuchtem Mord schreckt man nicht zurück.

Der Film ist teilweise sehr ruhig und bedächtig erzählt. Er besticht aber mit beeindruckenden Bauten und kann auf großartige Darsteller setzen wie Werner Krauss als Altgesell, Albert Steinrück - der Woyzeck der Münchner Uraufführung 1913 - als Meister, Lucie Mannheim als geliebte Tochter des Glockengießers und den charismatischen 24-jährigen Hans Brausewetter als Goldschmiedegeselle. Er ist für den "Zierrat" der zu gießenden Glocke verantwortlich und bricht dafür von außen in das Gefüge der Werkstatt ein. Die beiden Letzteren kontrastieren in ihrem natürlichen, psychologisch genauen Spiel beeindruckend mit der expressionistisch überzeichneten Darstellung der Älteren, die in Besitzgier verhaftet sind, dafür auch über Leichen gehen würden - aber am Ende in den Trümmern ihrer Welt untergehen.

Max Deutsch (1892-1982) komponierte 1923 für den Film eine herausragende, manchmal symphonisch-illustrative, dann wieder sehr kammermusikalisch dichte Musik für Orchester, Klavier und Harmonium. Sie ist raffiniert instrumentiert und ebenso phantasievoll eigenständig, wie sie sich gelegentlich an Richard Strauss anlehnt oder für die Liebenden zu fein modellierter Streicher-Zärtlichkeit à la Leoš Janáček findet. Dramaturgisch geschickt ist die Musik oft umso sparsamer und harmonisch kühner, je dramatischer die Handlung wird. Da ist der Schüler Arnold Schönbergs unüberhörbar. Vor allem aber findet Deutsch auch sehnsuchtsvoll emphatische Töne für die Utopie, dass über aller Suche nach Gold und Geld die Liebe stehe, weshalb am Ende die Tochter des Meisters zugunsten des jungen Gesellen auf den Schatz verzichtet.

Mit dem Pfeiler der Behausung, in dem der gewaltige Schatz mit Münzen und wertvollen Trinkbechern von 1683 verborgen war, bricht über Meister-Paar und Altgesell, der auf der panischen Suche nach weiteren Preziosen die Statik des Pfeilers untergräbt, auch symbolisch die überkommene Welt und expressionistisch verkantete Architektur brennend in sich zusammen. Das Liebespaar aber geht in freier Natur - auf das Gold verzichtend - über eine Brücke der Sonne entgegen.

"Der Schatz", Stummfilm (80') mit Live-Musik, gespielt vom Orchester Jakobsplatz, Daniel Grossmann (Ltg.); Di, 15. März, 20 Uhr, Hubert-Burda-Saal, Jüdisches Zentrum, St.-Jakobs-Platz