Steven Spielbergs Film ist ein provozierender und enervierender Widerspruch: Wunderbare und schrecklich spekulative Momente, Klischee und Originalität, Weisheit und Anmaßung bilden ein Konglomerat, das am Ende fast so unentwirrbar erscheint wie die Lage im Nahen Osten selbst.
Als erstes muss man, um die einfachen Fragen gleich aus dem Weg zu räumen, dem Mann natürlich zur Seite springen. Spielberg begeht die "Sünde der moralischen Äquivalenz"! Spielberg ist kein Freund Israels! Wir haben Spielberg verloren...
Bild vergrößern
Filmszene aus "Munich": Keine einfachen Fragen. (© Foto: ddp/UIP)
Anzeige
Diese und ähnliche Aufgeregtheiten waren bereits über "Munich" zu lesen, vor allem in politischen Leitartikeln aus Amerika. Der Vorwurf lautet, dass der Film nicht eindeutig Stellung beziehe, gute Mörder nicht genug von schlechten Mördern unterscheide und die Existenz des absolut Bösen unter Palästinensern und Islamisten leugne.
Daraus spricht die Erwartung, auch das Kino möge bitteschön eine Waffe im "War on Terror" sein, die Wehrkraft des eigenen Lagers stärken und die unschöne Komplexität der Welt ein wenig reduzieren. Für jeden Filmemacher, der nur einen Funken künstlerischen Ehrgeizes in sich trägt, kann es darauf nur eine Antwort geben: mit Nichtbeachtung strafen.
Es geht um München 1972, die Olympia-Geiselnahme, den ersten Live-Auftritt des modernen Terrorismus im globalen Fernsehdorf und die darauf folgende Kommandoaktion Israels gegen die Drahtzieher des Attentats; um die Wurzeln des palästinensisch-israelischen Konflikts, Gewalt und Gegengewalt; und implizit natürlich auch um den 11.September und alle aktuellen Antworten darauf.
Völlig klar, dass diese Fragen niemanden kalt lassen, dass jeder, der sich auf dieses Terrain begibt, eine moralische, noch mehr aber eine ästhetische Verantwortung trägt. Und hier hören die einfachen Fragen dann auch schon auf.
Denn so schön und befriedigend es wäre, Spielbergs Gegnern nun die Fackel der Kunst um die Ohren zu hauen - so verlogen wäre es auch. "Munich" ist ein provozierender und enervierender Widerspruch: Wunderbare und schrecklich spekulative Momente, Klischee und Originalität, Weisheit und Anmaßung bilden ein Konglomerat, das am Ende fast so unentwirrbar erscheint wie die Lage im Nahen Osten selbst.
Zunächst sollte man jedoch die Bitte Spielbergs und seiner Autoren Tony Kushner und Eric Roth erhören, in "Munich" eben kein Dokument zu sehen, sondern eine "historische Fiktion". Versuchsweise wenigstens. Schon das ist, ehrlich gesagt, nicht leicht.
Man muss sich dabei gegen die Kraft der alten Fernsehbilder wehren, die reichlich und mit großem Effekt in die Eröffnungssequenz eingeschnitten werden; man muss vom realen München-Schock abstrahieren, der allen, die nicht zu jung dafür sind, noch zutiefst präsent ist; und man muss aus einer historischen Figur wie Golda Meir, die eine sehr bedeutende Szene hat, in Gedanken erst wieder eine Kunstfigur machen, ein Staatsmütterchen-Klischee mit grauem Dutt und rollendem R.
Dann bleibt die Geschichte eines israelischen Killerkommandos auf der Jagd nach den palästinensischen Paten des Terrors, mit der Lizenz zum Töten.
Von höchster Stelle beauftragt und finanziert, aber doch auf sich allein gestellt: Waffen, Bomben, Informationen und gefälschte Papiere müssen sie genauso klandestin organisieren wie die Terroristen selbst.
Die Waffen klemmen
Der stärkste Punkt des Films ist zweifellos, wie sehr sich diese Auftragsmörder von allen Killern unterscheiden, die man zuvor im Kino gesehen hat. Nie wurden größere Amateure mit einer solchen Mission betraut: Die Waffen klemmen im Holster, die Hände am Pistolengriff sind verschwitzt, die Finger am Fernzünder zittern unkontrolliert.
Nichts läuft ganz nach Plan, ständig muss das Gewissen in Diskussionen beruhigt werden und lässt sich doch niemals zum Schweigen bringen. Aber die Zielpersonen sterben dennoch, der Racheplan schreitet voran, über Frankfurt, Rom, Paris, Zypern, Beirut, London - aus Monaten werden Jahre.
Der Preis, den die Jäger für dieses Leben bezahlen müssen, ist hoch: Geistige und moralische Zerrüttung, Paranoia, Selbstmordgedanken - und am Ende werden sie selbst zu Gejagten. Der alte Kinomythos vom kaltblütigen Töten für die gerechte Sache, der tickende Puls der Action-Choreographie, die ganze verschwörungstheoretische Legende von der Allmacht der Geheimdienste - damit räumt Spielberg so gründlich auf, dass darin ganz sicher eine pazifistische Botschaft steckt.
Auch der verzweifelten Erkenntnis der Helden, dass am Ende ihres Wegs kein Sieg und schon gar kein Frieden stehen wird, will man gerne zustimmen.
Zur gleichen Zeit aber, da kann er nicht aus seiner Haut, ist Spielberg selbst wieder dem cineastischen Jagdfieber erlegen. Konspirative Treffen, das Ausspähen der Opfer, das Basteln der Bomben, der Anblick der Beute im Fadenkreuz, jede Sequenz eine neue Metropole - das alles nimmt, mit zunehmendem Wiederholungseffekt, einen ungeheuren Raum in "Munich" ein.
Keine Zeit für die Hauptfiguren
Mehr als siebzig winzige Sprechrollen ziehen vorbei und kämpfen um ihre Sekunde der Aufmerksamkeit, darunter auch heimische Stars wie Moritz Bleibtreu, Meret Becker und Alexander Beyer.
Bei dieser Geschäftigkeit ist kaum noch Zeit für die Hauptfiguren - vier der fünf Männer im Killerteam bleiben Statisten: Daniel Craig empfiehlt sich mit markigen Sprüchen als neuer James Bond, hat aber sonst nichts zu tun; Hanns Zischler wirkt völlig verloren; Ciaran Hinds darf für fünf Sekunden persönlich werden, bevor er stirbt; und Mathieu Kassovitz gehen zweimal die Nerven durch.
Nur Eric Bana in der Rolle des Teamleiters Avner wird ein Leben zugestanden, mit verständnisvoller Mama und gebärfreudiger, sinnlich glühender Mustergattin, aber auch diese sind eher Chiffren als echte Figuren.
Zunehmend unglücklich fallen dann auch die Methoden auf, mit denen die Autoren immer wieder flammende Statements der palästinensischen Sache einbauen. Diese machen den Film erst zu dem nachdenklichen, beide Positionen reflektierenden Thesenstück, das er sein möchte, sind dramaturgisch aber oft haarsträubende Konstruktionen.
Einmal beispielsweise darf ein palästinensischer Dunkelmann, der gleich ermordet werden soll, im Interview über seine politischen Überzeugungen reden. Der Interviewer ist niemand anders als einer der Killer, der offenbar kein Problem damit hat, vor mehreren Zeugen sein Gesicht zu zeigen.
Ein andermal diskutiert Avner mit einem offenbar jordanischen Terroristen, der - welch ein Zufall - gerade im gleichen Geheimquartier absteigt wie er. Mit solchem Hollywood-Humbug dementiert der Film dann schon wieder sein wichtigstes Anliegen: Hinter tausend Agenten-Klischees eine neue Wahrhaftigkeit zu entdecken.
Vampir am Hals
Die Wahrheit ist, dass "Munich", rein als historische Fiktion betrachtet, nur ein mittelguter, ziemlich thesenschwerer Terrorismus-Thriller wäre. Spielberg weiß genau, dass erst das Grauen der Realität ihm die nötige Aufmerksamkeit verschaffen kann - und besonders in einer bizarren Schlussmontage verspielt er dabei fast allen Kredit, den er in zweieinhalb Stunden erworben hat.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite