Heute erscheint das Buch "Tintentod", der Abschluss von Cornelia Funkes "Tintenwelt"-Trilogie. Doch die Figuren bleiben flach, und der atemlose Roman spuckt den Leser am Ende aus.
Was für eine Erfolgsgeschichte: 500 000 "Tintentod"-Exemplare kommen heute in Deutschland in den Handel! Das "Time Magazine" wählt die Autorin zur wichtigsten Deutschen! Und während dieser letzte Band der Trilogie über die Macht des Lesens parallel in alle marktrelevanten Sprachen übersetzt wird, hat Hollywood gerade die Verfilmung des ersten Buchs abgeschlossen!
Bild vergrößern
Cornelia Funke mit ihrem Buch "Tintenblut", dem zweiten Band der Trilogie. (© Foto: dpa)
Anzeige
Es ist schon merkwürdig, in welch groteskem Gegensatz der Rummel um Cornelia Funkes "Tintenwelt"-Romane zu der darin beschrieben Welt steht, in der es kein Kino gibt, sondern nur Bücher, und diese meist als Unikate, vergessene Folianten, in Leder gebunden, versteckt in dunklen Bibliotheken.
Die reizvolle Grundidee dieses Fantasy-Epos' lag in seiner Selbstbezüglichkeit: Cornelia Funkes Trilogie ist eine Saga über die geradezu fantasmagorische Kraft des Lesens und des Schreibens. Im ersten Band vermag der Buchbinder Mortimer, kurz Mo, seiner Tochter Meggie so suggestiv, so plastisch vorzulesen, dass er, ohne das zu wollen, einige Bösewichter aus einem Buch herausliest; gleichzeitig verschwindet seine Frau im Sog derselben Geschichte um mittelalterliche Mächte und ein Buch im Buch.
Versprengt in den Wäldern
Im zweiten Band werden dann untergründig die Frage des Autors und seiner Autonomie verhandelt: Mo und seine Tochter setzen in "Tintenblut" ebenfalls über in die düstere Tintenwelt, in der nun ohnehin ein reger Grenzverkehr stattfindet: Selbst Fenoglio, der Autor des von Mortimer vorgelesenen Buchs im Buch, ist so fasziniert von den Geschehnissen, dass er sich in seine eigene Geschichte begibt, dort die Handlung fortschreiben will, aber erleben muss, wie sich seine Figuren während des Schreibens verselbständigen.
In "Tintentod" nun, dem dritten Band, (Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2007. 768 Seiten, 22,90 Euro) geht es letzten Endes um eine Schreibblockade: Fenoglio kann nicht mehr, er ist verstummt. Orpheus, sein hässlich dummer Epigone, hat das einzige Exemplar von Fenoglios Buch in seinen Besitz gebracht, aus dem er einzelne Handlungselemente neu zusammensetzt, sodass er die Welt zwar nach seinem Willen aber eben stümperhaft umschreibt, was den machtlosen Autor Fenoglio leiden lässt: "Was für eine blasse Figur! dachte Fenoglio verächtlich, während der Hänfling an ihm vorbeiritt. Offenbar besetzte diese Geschichte inzwischen selbst Hauptrollen mit billigen Nebendarstellern." Spricht da vielleicht auch das Unbehagen der eigentlichen Autorin an ihrem Werk?
"Tintenherz" und "Tintenblut" unterschieden sich insofern kategorisch von "Herr der Ringe" oder "Harry Potter", als es eben keine externe Parallelwelt gab, irgendwo weit hinter dem Horizont des Realitätsprinzips, sondern eine "literarische" Welt. Man musste nur emphatisch genug lesen, dann konnte man aus dem Hier und Jetzt in die grenzenlosen Räume hinter den Buchstaben und Wörtern gelangen. Dauernd kippte die Handlung von der Wirklichkeit in die Welt der Bücher und zurück. Jetzt aber, in "Tintentod", wo sich alle "eingelesen" haben in die Tintenwelt, fällt dieser flirrende Sprung zwischen Text und Wirklichkeit weg, nahezu alles findet nur noch "drüben" statt.
Die Tintenwelt selbst aber ist konventionellstes Fantasy-Setting: blutrünstiges Mittelalter, Ritter, bemooste Bäume, viele Tiere, übersinnliche Schwebeteilchen wie Elfen oder Todesengel. Es gibt einen grausamen Herrscher, Natternkopf, eine Art böser Amfortas, tödlich verwundet, aber zugleich unsterblich, der über die Stadt Ombra herrscht. Es gibt die Guten, versprengt in den Wäldern lebend; sie alle hoffen auf die Figur des Eichelhähers, die Fenoglio ersann. Mortimer, den sie ob seiner Lesegabe auch Zauberzunge nennen, schlüpft in diese erdachte Erlöserfigur, was freilich seinen Charakter so verändert, dass ihn Frau und Tochter nicht wiedererkennen.
Durch 740 Seiten geschoben
Die Namen ähneln dem internationalen Kulturesperanto anderer internationaler Fantasyerfolge: Entweder klingen sie nach Artussage - Mortimer, Elinor, Capricorn - oder nach italienischer Renaissance - Baptista, Jacopo, Cosimo. Dazu kommt einmal mehr die zersplitterte politische Ordnung des Mittelalters, der Herrschaftsbereich umfasst ungefähr einen Nachtritt, was sich enorm aufs Erzähltempo auswirkt, jeder kann schließlich dauernd überall sein.
Sicher, Cornelia Funke beherrscht das Plotting wie ein amerikanischer Thrillerexperte, die verschiedenen Handlungsstränge werden nach Cliffhangermanier ineinander verschoben. Aber man hat schnell Mitleid mit all den Figuren, wie sie am Ende eines jeden Kapitels schon wieder am Cliff hängen und dann zehn, zwanzig Seiten warten müssen, was sich Fenoglio, Orpheus oder Cornelia Funke als Nächstes für sie ausdenken.
Funke scheint diese exzessiv angewandte Technik selbst nicht zu behagen: Als ihr Alter Ego Fenoglio gegen Ende wieder schreiben und wenigstens zu Teilen das Ruder übernehmen kann, brennt es gerade wieder mal an allen Ecken und Enden: Er selbst versteckt sich zusammen mit Mortimers Tochter Meggie und vielen Kindern vor gemeinen Söldnern. Im anderen Handlungsstrang ist Mortimer in Lebensgefahr. Gerade hat Fenoglio angefangen, rettende Sätze für ihn zu Papier zu bringen, da kommen die bösen Häscher und wollen den Kindern ans Leben. "Fenoglio legte ein leeres Blatt auf das Brett. Zum Teufel, er hatte es noch nie gemocht, an zwei Geschichten gleichzeitig zu schreiben! ,Fenoglio! Was ist mit meinem Vater?' Meggie kniete neben ihm. Wie verzweifelt sie aussah! ,Der hat noch Zeit.' Fenoglio tauchte die Feder ein. ,Ich versprech dir, sobald ich das hier fertig habe, mach ich mich wieder an die Worte für den Eichelhäher.'"
Die Worte, die Worte: Da Funke das in den Vorgängerbänden angesammelte Riesenpersonal eigentlich nur vor sich hertreibt, immer straight in Richtung auf den manichäischen Showdown, bleibt keine Zeit, auch nur eine der Figuren tiefer zu beschrieben. So verläuft das eigene Lese-Erlebnis genau gegenläufig zu Mortimers Lektüre-Erlebnis: Während er "den Buchstaben das Atmen beibrachte" und durch die Wörter in die von ihnen evozierte Welt tauchte, spuckt einen dieser atemlose Text regelrecht aus, und man sieht papiernen Figuren dabei zu, wie sie flach und plan durch 740 Seiten geschoben werden.
(SZ vom 28.9.2007)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Ich denke, die Tintenwelt hat mit HP ungefähr soviel zu tun wie Sommer und Winter- also beide gehören schon irgendwie zusammen aber sie sind doch recht verschieden.
Und Frau Funke jetzt damit "abzuqualifizieren", dass man ihr nachsagt, auf der HP-Welle zu schwimmen- ......
Ihre ersten Erfolge hatte sie lange vor HP und die Tintenwelt ist schon "Etwas" anders- gut sind sie aber beide.
Nur eine Bitte: Erst BEIDES selber Lesen, dann urteilen
Da ich derzeit eine Diplomarbeit über Cornelia Funkes Bücher verfasse, behaupte ich mal, mich ganz gut mit ihren Büchern auszukennen. Zwangsweise habe ich auch einen Großteil davon gelesen - im Gegensatz anscheinend zu den Leuten, die den Erfolg von Kinderbuchautoren wie Cornelia Funke immer auf Harry Potter schieben. Sicher: Sie hat von dem Erfolg ihrer englischen "Kollegin" profitiert (bestreitet sie übrigens auch nicht) - aber im Gegensatz zu vielen anderen zu Recht. Im übrigen hat Funke bereits lange vor Rowling Bücher veröffentlicht und die Beliebtheit ihrer Wilden Hühner steht mit Harry Potter definitiv in keinem Zusammenhang.
Ich persönlich freue mich, dass Kinderliteratur dank Autoren wie Rowling, Funke, Colfer, Meyer, etc. endlich die Beachtung erhält, die sie verdient. Ein lesendes Kind ist mir zudem tausendmal lieber als eines das vor dem PC sitzt. Darum: Sei ihnen allen der Erfolg gegönnt! Potter-Welle hin oder her...
Walter Moers' "Die Stadt der traeumenden Buecher"?
Ich habe die Bücher zwar (noch) nicht gelesen, Harry Potter aber schon und ich muss sagen, die Handlung, die die Süddeutsche bei Frau Funke beschreibt klingt so gar nicht nach Harry Potter. Vielleicht hat sie Erfolg durch Harry Potter, aber bloß weil sie Fantasy für Kinder und (junge) Erwachsene schreibt von "reiten auf der Harry-Potter-Welle" zu schreiben...
Wenn es danach geht reiten doch eh alle auf der Tolkien-Welle.
Wir könnten auch noch weiter aussholen und sagen sie reiten alle auf der Romantik, sagen wir z.B. E.T.A.Hoffmann-Welle.
Ist mir zu dünn ...
Ja, das Fernsäh war gestern auch voll davon.
Leider haben all die schlauen Föehtong-Leutchen eins nicht gesagt (oder nicht bemerkt?):
Die reitet auf der Harry Potter-Welle, das ist alles.