Von Abscheu über ihren Gelderwerb als Brokerin geplagt, wirft Anne T. ihren hochbezahlten Job hin und schreibt ein Buch darüber, wie sich die Finanzwelt verdummen ließ. Sehr aufschlussreich.
Als Nicolas Rolin, der wegen seiner Härte und Habgier verhasste Kanzler von Philipp dem Guten im Burgund des 15. Jahrhunderts, von Reue gepackt sein Gewissen erleichtern wollte, stiftete er das Hospice de Beaune, das bis heute wegen seiner großartigen burgundischen Architektur berühmte Krankenhaus zur Pflege der Armen.
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Börsianerin zu Karneval in Frankfurt. (© Foto: ap)
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Als Anne T. von Selbstvorwürfen und Abscheu über ihren zynischen Gelderwerb als Brokerin geplagt, ihr Gewissen erleichtern wollte, warf sie ihren hochbezahlten Job hin und schrieb ein Buch. Von einer Spende für den Wiederaufbau der durch so viele Broker wie sie ruinierten Wirtschaft ist nichts bekannt. Was im Spätmittelalter die religiöse Buße war, ist im 21. Jahrhundert das publizistische Bekenntnis.
Den abgestürzten Unternehmen nützt die späte Einsicht nichts mehr, sie bedient nur die verbreitete Verachtung der Investmentbanken und gibt dem Affen Zucker. Trotzdem ist es ein aufschlussreiches Buch, selbst seine enormen Schwächen einkalkuliert.
Der Drang zum öffentlichen Bekenntnis macht aus "Anne T." - die nur unter diesem Pseudonym "auspacken" möchte, da sie auch die auftretenden Broker, Fondsmanager und Kunden anonymisieren muss - noch lange keine Schriftstellerin. Ihre Sprache bleibt, bis auf die schließlich durchbrechenden Skrupel, so grobschlächtig und auftrumpfend, wie sie im "Frontoffice" der Investmentbanken gesprochen wird, in dem die Broker ihr Geschäft betreiben. Deshalb passt der forsche Ton zu der Geschichte, die die Ich-Erzählerin zu berichten hat. Mit schneller Auffassungsgabe, Mut, Ehrgeiz und Geldgier (und wohl auch mit weiblichen Reizen, die ihr zu Hilfe kommen) ausgestattet, steigt sie in dem bulligen Milieu des Investmentbankings auf, kehrt ihm mitten im Erfolg den Rücken und gibt es der Entlarvung preis.
Fat Tails, Volas, Smiles
Im Unterschied zu den fiktiven Brokern wie Sherman McCoy in Tom Wolfes "Fegefeuer der Eitelkeiten" oder auch Patrick Bateman in Bret Easton Ellis' "American Psycho", deren literarisches Leben sich bei allem Glanz von Geld und Cleverness über menschlichen Abgründen bewegt, verläuft Anne T.'s Werdegang geradlinig, oberflächlich und undramatisch wie eine simple physikalische Kippschaltung: Steil und stetig geht es aufwärts, mit einem Mal bricht die Motivation weg, und aus ist es mit dem ihr unheimlich gewordenen Gelderwerb. Am Ende bleibt keine gebrochene Figur, vielmehr eine befreite junge Frau, die die Nase voll hatte. Keine Existenznot, keine ungelösten Konflikte.
Dafür liefert sie den seltenen Einblick in ein Geschäftsgebaren, das nicht nur wegen der komplizierten Finanztechniken für Laien schwer zugänglich ist. Schwer zugänglich ist es vor allem deshalb, weil zu seinem Erfolgsmodell gehört, dass man ein Geheimnis darum macht. Nicht diskret, sondern rätselhaft. Vor allem den innersten und heißesten Kern des Kapitalmarkts der letzten zwanzig Jahre, das Erzeugen und Handeln mit Derivaten und "strukturierten Produkten", umgab selbst in den Augen der übrigen Bankenwelt eine enigmatische Aura.
Hierhin hatte es die ehrgeizige Anne T. geschafft, hier war das alchemistische Labor, in dem noch aus riskantesten Krediten und Termingeschäften ertragreiche Wertpapiere erfunden und in Umlauf gebracht wurden. Hier wurde mit mathematischer Finesse und Phantasie das große Geld geschöpft, das in Milliardensummen täglich um die Welt flutete und dessen Struktur außer diesen Experten keiner begriff - und auch nicht zu begreifen hatte.
Geld ist in diesem Labor weit davon entfernt, bloßes Tausch-, Kredit- oder Liquiditätsmittel zu sein. Die Essenz des Laborgeldes ist es, Risiken in Handelsgut zu verwandeln. Das geschieht, indem man die Risiken kalkulierbar und damit Wetten zugänglich macht: strukturierte Produkte sind strukturierte Wetten. Das hier erzeugte Geld wird folglich nur vermehrt, in dem man die Risiken vermehrt. Deshalb sind die allermeisten Risiken, die gehandelt werden, künstlich definierte Risiken. Einfaches Beispiel: Welchen Preisabstand werden zwei beliebig ausgewählte Aktien in sechs Monaten haben?
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Entspannter Vierbeiner
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