Eduard Zimmermann ist tot Der Wohnzimmerfahnder

Zimmermann nutzte erstmals das Massenmedium Fernsehen zur Lösung unaufgeklärter Kriminal-Fälle. Er war damit ungemein erfolgreich.

Ein Nachruf von Bernd Graff

Nach dem Krieg arbeitete Eduard Zimmermann als Zeltarbeiter für den Hamburger Zirkus Hagenbeck und als Garderobier des Schauspielers Willy Fritsch.

Mehrmals versuchte er, als blinder Passagier nach Schweden zu kommen. Als es ihm schließlich gelang, sprach er dort bei einer Stockholmer Zeitung vor und wurde tatsächlich als Journalist eingestellt. Im Herbst 1949 wurde er wegen eines Berichtes über die Sowjetzone verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Bautzen verurteilt. 1954 wurde er vorzeitig aus der Haft in Bautzen entlassen. Nach der Entlassung schrieb er unter einem Pseudonym den Roman "Robert kehrt zurück".

Eduard Zimmermann, Ganoven-Ede, wie er später aus ganz anderem Grund genannt wurde, hatte es in seiner Jugend faustdick hinter den Ohren. Jetzt ist er im Alter von 80 Jahren gestorben.

Er, der jugendliche Abenteurer, war dem deutschen Fernsehpublikum vor allem als biederer Fahnder bekannt. Die Sendungen "Aktenzeichen XY .... ungelöst" und "Vorsicht Falle" waren seine Erfindung. Ab dem 20. Oktober 1967 wurde "Aktenzeichen" als Serie ausgestrahlt, der sich schon bald auch das schweizerische und österreichische Fernsehen anschlossen.

Darin ging es immer um "reale", indes unaufgeklärte Kriminal-Fälle, die Zimmermann unter Zuhilfenahme des gerade entstehenden Massenmediums Fernsehen an die Öffentlichkeit - und damit oft genug auch zur Lösung brachte.

Denn der spektakuläre Versuch, das Fernsehen systematisch in den Dienst der Verbrechensbekämpfung zu stellen, wurde nicht nur mit hohen Einschaltquoten belohnt, auch als Fahndungshilfe erwies sich die Sendung als ungemein erfolgreich. Bis zur 300. Sendung, die im Oktober 1997 ausgestrahlt wurde, führte "XY" zur Festnahme von 568 Mördern, 579 Räubern, 459 Betrügern und 142 Einbrechern.

Bei den Fernsehzuschauern - vor allem den jugendlichen - sorgte indes die Tatsache, dass hier mit jeder neuen Folge zuhauf ungeklärte Verbrechen verhandelt und nachgestellt werden mussten, für das unbehagliche Gefühl, der deutschsprachige Teil der Welt sei ein Hort für Kleinst- und Schwerstverbrecher und Betrüger, von denen alle wussten - nur man selber nicht.

Klar, dass man "Aktenzeichen" darum fiebernder schaute als etwa "Derrick", der ja zudem kaum in der Wirklichkeit fahndete, sondern in den der dünnen, wohl auch parfümierten Luft der Besserverdienenden Münchens.

Zimmermann dagegen verfolgte das Verbrechen auf Straßenniveau: Es konnte jedem passieren - das machte es so mulmig. Dagegen aber wuchs seit 1962 ebenfalls ein Zimmermann-Kraut im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Die Fernsehserie "Vorsicht Falle" warnte vor "Neppern, Schleppern, Bauerfängern", wobei der jugendliche Zuschauer sich allenfalls auf den "Bauernfänger" einen Reim machen konnte, weil er die anderen Begriffe nicht kannte.

Zimmermanns ausgestrahlter Spürsinn und sein Ansinnen, den Bürgern klarzumachen, dass Sicherheit und Ordnung nicht nur Aufgabe der Polizei, sondern in bestimmten Grenzen auch Aufgabe jedes Einzelnen sei, stießen von Anfang an auch auf Kritik. Die Befürchtungen, die Sendung werde eine Welle der Denunziation auslösen, bestätigten sich jedoch nicht. Unter Zimmermanns Ägide mussten lediglich drei Schadensprozesse geführt werden, die allesamt vom verantwortlichen Sender ZDF gewonnen wurden. Als Rechenschaftsbericht über Erfahrungen und Erfolge der Bildschirmfahndung erschien 1969 seine Dokumentation "Das unsichtbare Netz".

Neben der Sendung schrieb Zimmermann auch bis Anfang der 80er Jahre Kriminalkolumnen für deutsche Provinzzeitungen und Illustrierte. Er war ferner Autor des Buches "... der Ganoven Wunderland" (1966). 1976 gründete er den "Weißen Ring", einen gemeinnützigen Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten, dessen Vorsitzender er bis 1994 war.

Aus dem "Weißen Ring" wurde im Verlauf der folgenden Jahre eine beachtenswerte Hilfsorganisation, die in der Bundesrepublik 300 Außenstellen unterhält, und Anfang 1996 rund 65.000 Mitglieder zählte. Der Verein setzt sich auch im Bereich der Kriminal- und Sozialpolitik für eine Verbesserung der Situation der Kriminalitätsopfer ein. Zimmermanns "Deutsche Kriminal-Fachredaktion" beschäftigt mehr als zehn Redaktionsangestellte.

Für äußerst kritische Kommentare sorgte Zimmermann in den 90er Jahren als Berater und Gesamtleiter der SAT.1-Sendereihe "K - Verbrechen im Fadenkreuz". So wurde nicht nur bemängelt, dass die Sendung ganz im Geiste der "Reality-TV"-Welle das Thema Kriminalität in sensationslüsterner und voyeuristischer Weise aufbereite, sondern auch, dass Zimmermann dabei seine ehrenamtliche Tätigkeit beim "Weißen Ring" mit seinen geschäftlichen Interessen als Fernsehjournalist verquicke.

Der in der ARD-Sendung "Kontraste" erhobene Vorwurf, Zimmermann würde Verbrechensopfer für sein SAT.1-Magazin instrumentalisieren, wurde allerdings vom Vorstand des "Weißen Ringes" als unbegründet zurückgewiesen. 1994 gab er den Vorsitz ab, blieb aber Ehrenvorsitzender.

Nur wenige Tage vor Ausstrahlung seiner letzten Sendung wurde er bei der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises mit dem undotierten Ehrenpreis des Ministerpräsidenten ausgezeichnet, da er mit "Aktenzeichen XY - ungelöst" in einem besonders schwierigen Programmfeld Fernsehgeschichte geschrieben habe.

Für negative Schlagzeilen sorgten im Oktober 2000 Auseinandersetzungen innerhalb des "Weißen Rings", die den Charakter einer Schlammschlacht annahmen. Zimmermann und "Weißer Ring"-Mitbegründer Alfred Stümper hatten den seit 1994 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Max Herberg in einem Focus-Beitrag in die Nähe des Spendenmissbrauchs gerückt und seine Abwahl betrieben. In der Tat scheiterte Herberts Versuch der Wiederwahl bei der anschließenden Delegiertenkonferenz eine Woche später, ohne dass ihm Fehlverhalten angelastet werden konnte. In einem Akt der Selbstreinigung schlossen die Delegierten jedoch auch Zimmermann und Stümper wegen vereinsschädigendem Verhalten aus dem Vorstand aus und wählten Zimmermann als Ehrenvorsitzenden ab. Der trat daraufhin aus Verein aus.

Eduard Zimmermann, der Filou und Fahnder, starb am Samstag in einer Münchner Seniorenresidenz im Alter von 80 Jahren, wie seine Tochter Sabine mitteilte. "Mein Vater hat immer selbstbestimmt gelebt und in den letzten Stunden deutlich gezeigt, dass es jetzt gut und der richtige Zeitpunkt gekommen ist", sagte sie. Bis kurz vor seinem Tod sei er "zu jeder Minute mit seinem Leben zufrieden" gewesen.