"Noch vor zehn Jahren hatten viele Major-Plattenfirmen ein eigenes Mastering-Studio samt den technischen Experten, die die letzte Instanz in allen Recordingfragen waren. Diese Studios wurden im Laufe der Krise der Branche alle dichtgemacht oder verkauft. Heute entscheiden Leute ohne technische Kompetenz meist nur noch rein subjektiv." Höchste klangliche Qualitätsansprüche könne man sich vielleicht noch im Jazz erlauben, im Pop zwinge der Markt zur Soundkonformität.
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Aber selbst im Jazz sind die Probleme mit der Kompression nicht unbekannt. Der Münchner Manfred Eicher, 2002 bei den Grammys, des wichtigsten Musikpreises der Welt, als bester klassischer Musikproduzent des Jahres ausgezeichnet, sieht gar eine ernste Krise der Klangstandards: "Auch im Jazz wird eine Menge Musik längst so produziert, dass sie einen geradezu anspringt. Alles wird bis zum Stehkragen hochgefahren."
Dynamik-Manipulationen in der Klassik
Manfred Eicher fordert deshalb dringend eine Debatte. Das finale Argument manch eines seiner erschöpften Kollegen, dass rein kommerziell orientierte Plattenfirmenmanager mittlerweile unerbittlichen Druck ausüben auf Toningenieure und Produzenten, lässt er nicht gelten. Kein Produzent dürfe seine musikalischen Ideale verraten. "Maßstab bei der Musikaufnahme müssen immer inhaltliche Fragen bleiben, nicht die Forderungen der Plattenindustrie oder Radios." Als sein eigener Chef - er leitet das von ihm selbst 1969 gegründete und international berühmte Jazz-, Neue-Musik und Klassik-Label ECM - ist er freilich in einer weit komfortableren Situation als so manch anderer.
In der klassischen Musik ist das Problem bislang noch nicht annähernd so virulent wie im Pop oder Jazz. Dennoch holt auch der Stuttgarter Tonmeister Andreas Neubronner tief Luft, wenn man ihn nach dem "War of Loudness" fragt - und nach dessen Relevanz in der Produktion klassischer Musik.
Neubronner, der das renommierte Tritonus-Studio mitbetreibt, hat für die Aufnahme von Gustav Mahlers Siebter Symphonie mit dem Symphonie-Orchester San Francisco soeben seinen fünften Grammy erhalten. Dynamik-Manipulationen gehören jedoch selbst für ihn zum Geschäft. Sie liegen sogar in der Natur der Sache.
Ein herausragendes klassisches Symphonie-Orchester bringt Dynamikabstände von 60 bis 70 Dezibel hervor. Technisch sauber auf eine CD übertragen lässt sich allerdings allenfalls eine Dynamik von 60 Dezibel. In einem gewöhnlichen Wohnzimmer herrscht ein Grundgeräusch von circa 40 Dezibel.
Das Kompromiss-Dilemma
Wenn also die gesamte Dynamik einer Klassik-CD ausgespielt werden sollte, müsste der Schwankungsbereich von 60 Dezibel zu diesen 40 Dezibel hinzugerechnet werden. Dann käme man zu Hause auf Lautstärken von 100 Dezibel. Eine Lautstärke von 110 gilt als gesundheitsgefährdend. 120 Dezibel laut ist ein Start eines Kampfflugzeugs aus etwa zehn Metern Entfernung.
Die Frage lautet also auch für Neubronner: "Wo fangen wir an, die Dynamik einzuengen?" Wichtig sei deshalb, sich im Klaren darüber zu sein, für wen die Musik produziert werde: "Für den klassikaffinen Autofahrer, den durchschnittlich anspruchsvollen Hörer zu Hause, den Audiophilen mit einer Zehntausend-Euro-Stereoanlage oder für das Klassik-Radio, das inzwischen nur noch eine Dynamik von gut 15 Dezibel zulässt?" Genau hier beginnt auch in der Klassik das Kompressions-Dilemma.
Es wird jedoch in der Regel noch immer äußerst behutsam vorgegangen. Der Grund dafür sind denkbar unterschiedliche Klangideale. Während es im Pop um die Erfindung neuer, überraschender, möglichst noch nie gehörter Sounds geht, für die jedes Druckmittel recht ist - man denke etwa an Chers bizarr manipulierte Vocoder-Stimme oder an die brutal verzerrten elektronischen Klänge der Pariser Elektro-Hipster Justice -, geht es in der Klassik meistens noch um die naturtreue und so zwangläufig hochdynamische Wiedergabe einer Aufführung.
Andreas Neubronner hofft deshalb, dass sich in der Klassikbranche die Standards der Reproduktionstechnik noch eine Weile hochhalten lassen. Die schleichende Veränderung, genauer gesagt: Verarmung dessen, was man hört und hören kann, mache allerdings auch vor dem Klassikpublikum nicht halt. "Es ist eigentlich grausig", sagt Neubronner, "wir leben in einer Zeit, die immer lauter wird. Die im Vergleich zu früher beinahe unglaubliche Klangqualität, die wir heute anbieten können, wird gar nicht mehr nachgefragt. Längst müssen wir uns auf etwas, das leise ist, wirklich einlassen. Dazu ist kaum noch jemand bereit."
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(SZ vom 18.1.2008/kur)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Als erstes freue ich mich zu hören, dass PHOENIX ihr drittes Album wieder in Berlin aufgenommen habe, ich gebe zu schon ihr letztes Album war ziemlich laut - aber trotzdem eine geniale Platte.
Ich glaube Broken Social Scene und Umgebung und Notwost sind etwas subtiler, was die Lautstärke angeht. Kings of Convenience oder I Am Kloot natürlich auch, aber vielleicht li9egt das generell an der Musikrichtung, die diese Musiker spielen - wenn man das überhaupt in Namen fassen kann oder möchte.
Letztendlich glaube ich eher an die Indie Bands, bei denen ich glaube sie stehen mit mehr Herzblut im Studio und kennen aus ihren freundschaftlichen Netzwerken bessere Soundingenieure als die meißten Mitwirkenden aus der ganzen Major Mainstream Schiene.
Und ist das neue alte Zauberwort in dieser ganzen wundersamen Musikwelt sowieso nicht Lo-Fi?
Wo fand man 2007 gute Platten? Ein Geheimtip ist die Playlist und Sendung von Klaus Fiehe auf einslive.de. Hat noch jemand geheime Quellen für gute Musik jenseits der Charts?
Ich zitiere nochmals Jens-Christian Rabe:
"ein eklatanter Mangel an musikalischer Variation und ... an Emotion"
"Es höre sich bei den Labels auch kein Verantwortlicher mehr ein ganzes Album an"
Die Plattenkonzerne vermarkten ihre Produkte unfassbar dilettantisch und oberflächlich. Viele interessante Künstler erhalten überhaupt keine Chance. Die Plattenindustrie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das Internet als optimales Medium, um zumindest über Hörproben ein Publikum auch für die interessante Musik zu finden, die nicht in die Stromlinien-Schablonen der Charts passt.
Außerhalb der Charts findet praktisch kein Marketing statt. Perlen wie z.B. Emiliana Torrini (Lifesaver), Richard Ashcroft (Check The Meaning), Ian Brown (My Star) lernt die Öffentlichkeit nicht wirklich kennen.
Ein weiterer Aspekt: Die Plattenkonzerne schotten die nationalen Märkte ab. Warum eigentlich? Z.B. Frankreich hat so viel gute Musik zu bieten (Mylene Farmer, Le Rita Mitsouko, Etienne Daho, ) davon kriegt man hier aber nichts mit.
Auch MTV und Viva waren noch nie so langweilig und irrelevant.
@ der Fragende und hoerbarium:
Vielleicht wurde ich ein wenig missverstanden. Mir ging es z.B. nicht nur um die klangliche, sondern vor allem die musikalische Qualität von Platten wie Bloc Party (So Here We Are), Franz Ferdinand (Take Me Out) und den anderen Beispielen (wobei man beim Beispiel Take Me Out schon ins Jahr 2004 zurückgehen muß). Mit den Beispielen wollte ich auch veranschaulichen, daß sich die gruselige Drohung meines Vaters, der zu meinen Teenager-Zeiten meinte, mein Musikgeschmack würde sich in seinem Alter seinem angleichen (Andrea Berg, Roger Whitaker & Co.), glücklicherweise nicht erfüllt hat Puh!
Ich erinnere auch an Dieter Nuhr, der in einem seiner ersten Programme meinte: Die Musik heutzutage ist ja nur noch Bummbumm. Das Blöde ist nur, daß mein Vater das damals über meine Musik auch gesagt hat.
Bei mir darf es auch heute noch gern gepflegtes Bummbumm und Geschrammel sein (z.B. The Prodigy, Ministry, Nine Inch Nails, Radiohead). Gab es übrigens seit Guns n Roses Use Your Illusion (immerhin 17 Jahre her) ein vergleichbar gutes Rock-Album? Nein? Welchen Anteil hat die Plattenindustrie an der von ihr angebotenen künstlerischen Qualität?
Das ist ein interessanter Aspekt, den Sie da im letzten Absatz ansprechen. Ich ziehe diese Parallelen auch immer gerne mal als Ü30er. Tatsächlich höre ich einges aus den Charts recht gerne und halte unsere Generation für deutlich toleranter als die unserer Eltern, jedenfalls wenn es um Musik geht.
Aber generell ging es ja nicht so sehr um die *musikalische* Qualität, sondern vielmehr um die *technische* Qualität. (Das beides wiederrum rückbezüglich gegenseitig Einfluss ausübt, lasse ich hier unerwähnt)
Also um die erstaunliche Diskrepanz zwischen dem mittlerweile technisch Machbaren und dem, was tatsächlich nur verlangt- und demzufolge nur geliefert wird, ging es hier.
Herr Gastmann,
Grundsätzlich teile ich Ihre Ansichten bezüglich der Lautheit aktueller Musikproduktionen. Erstaunt bin ich allerdings über ihre Favoritenliste es Jahres 2007. Zumindest die mir bekannten Bloc Party, Amy Winehouse und Franz Ferdinand sind, was den Grad der Dynamikreduktion angeht sicherlich keine glorreichen Beispiele, sprich einen kompakteren Sound als Amy Winehouse oder Franz Ferdinand wird man nur schwer erreichen können. Gerade die erste Bloc Party Scheibe fällt zudem durch deutlich hörbare digitale Verzerrungen auf. Was diese Platten aber dennoch zu sehr empfehlenswerten Produktionen werden lässt, ist ihre musikalische Qualität.
Wie in eigentlichen allen Bereichen des menschlichen Lebens, macht die Dosis das Gift. Gerade harte Rockproduktion brauchen eine Strake Kompression, diese sollte aber von Fall zu Fall optimal auf die jeweilige Produktion abgestimmt werden, Wo es kesseln muss, soll es kesseln, wo es um leise Töne geht, sollten diese auch möglich sein...
Eine Bemerkung zum Schluss, kann ich mir leider nicht verkneifen: Auch ich bin sicher kein Freund aktueller Chartmusik, ich vermute aber das Über-30-Jährige in den 70ern ähnliche Äusserungen bezüglich der musikalischen Qualitäten von Zappa, Pink Floyd und Co. gemacht haben. Es ist Teil des Pop-Buisness, die älteren Semester durch neue, vermeintlich "schlechte" Musik zu verschrecken. Man denke nur an die Anfänge der Beatles, als die Altvorderen den Untergang des Abendlandes heraufziehen sahen...
Paging