Ob Oasis oder Red Hot Chili Peppers: Die Popmusik hat die Unterschiede zwischen laut und leise aufgegeben. Was bleibt, sind Aufnahmen an der Grenze zum Lärm.
Eigentlich geht es nur um populäre Musik. Wenn man es ganz genau nimmt, sogar nur um deren Klangqualität. Die Fronten allerdings sind längst so verhärtet, dass in Amerika von einem Krieg gesprochen wird. Dem Lautheits-Krieg. Geführt wird er ziemlich still hinter den Kulissen der Musikindustrie - und wenn man den pessimistischeren Beobachtern glaubt, dann ist der "War of Loudness" jetzt verloren.
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Die Graphik zeigt in Rot die früheren nuancenreichen, in Blau die heutigen, gegen null tendierenden Ausschläge der musikalischen Dynamik. (© Illustration: Melissa Wolf)
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"Der Tod von High-Fidelity - Im mp3-Zeitalter ist die Soundqualität schlechter als je zuvor" titelte das amerikanische Musikmagazin Rolling Stone in seiner Ausgabe zum Jahreswechsel. Die Verlierer sind die Toningenieure, die Musikproduzenten und die klanglich anspruchsvollen Hörer, gewonnen haben, vielleicht, vorerst die Plattenfirmen und gar nicht wenige, vor allem jüngere Pop-Künstler und Bands.
Im Zentrum des Streits steht die kompromisslos auf die Spitze getriebene sogenannte "Kompression", also die akustische Verdichtung von zeitgenössischer Popmusik. Diese hat meist eine eklatante Pegelanhebung der leisen und eine rigorose Pegelsenkung der lauten Passagen eines Songs zur Folge. Leise Töne werden lauter geregelt, laute abgedämpft. Die Folge: Es geht verloren, was seit jeher neben der Tonhöhenveränderung eines der wichtigsten Gestaltungsmittel von Musik ist, die unterschiedliche Stärke, mit der die Töne gespielt werden können.
"Es gibt keine Linie mehr, keine Stimme, nichts."
All das also, woraus die "Dynamik" eines Stücks entsteht und wofür die notierte Musik ein festes Repertoire an Stärkegraden (von fortissimo bis pianissimo) und Ausdrucksbezeichnungen (von amabile/liebenswürdig bis zu tremolando/zitternd) besitzt. Das Ergebnis der jüngsten Entwicklungen brachte im Verlauf der amerikanischen Diskussion Bob Dylan mit den Worten auf den Punkt: "Moderne Produktionen klingen grauenhaft, weil sie nur noch aus Sound bestehen. Es gibt keine Linie mehr, keine Stimme, nichts. Alles ist statisch."
Und Donald Fagen von Steely Dan, denen einige der am besten klingenden Alben der Popmusik-Geschichte zugeschrieben werden, sagte: "God is in the details. But there are no details anymore." - Gott steckt in den Details. Aber es gibt keine musikalischen Details mehr.
Der erste Höreindruck allerdings, der bei stark komprimierten Songs entsteht, wenn sie im Radio, Fernsehen, über Ohrhörer oder kleine Computer-Lautsprecher gespielt werden, ist einer von äußerst verblüffender Präsenz und Wucht. Die Branche spricht etwas salopper vom "Druck", den ein so bearbeitetes Stück vom ersten Ton an erzeugt.
Diesen Effekt macht man sich etwa im Fernsehen zunutze, um die Werbung deutlich vom Programm abzuheben. Unter "Loudness" ist also zunächst weniger die Gesamtlautstärke zu verstehen, die jeder Nutzer selbst am Volumenregler seines jeweiligen Abspielgeräts einstellen kann, als vielmehr die psychoakustische Lautheit von Musik. Also jene Mischung von lauten und leisen - oder vielmehr inzwischen: nur noch etwas weniger lauten Tönen - eines Songs, die zu Hause nicht mehr verändert werden kann.
Das Problem ist unübersehbar
Dass die aktuellen Pop-Produktionen lauter sind als je eine Musik zuvor und dass die Dynamikverluste mittlerweile gravierend sind, kann man leicht hören. Das ganze Ausmaß der Entwicklung zeigt sich indessen erst, wenn man einen Blick auf - als Graph in Wellenform-Struktur - visualisierte neuere Songs wirft und sie mit graphischen Darstellungen älterer Aufnahmen vergleicht.
Wo diese starke Signalschwankungen offenbaren, also hohe Dynamik, ist bei neueren Songs nur mehr ein breiter Balken zu sehen, der oben und unten geringfügig ausfranst. Die Dynamik tendiert entsprechend gegen null. Ein einmal unüberhörbar heftiger Schlag auf ein Schlagzeug etwa geht schließlich fast völlig unter. Zu Hause zuckt die LED-Anzeige der Stereoanlage nicht mehr nervös hin und her, sondern parkt vom ersten Moment an im roten Bereich.
Besonders eklatant fallen Vergleiche zwischen alten Popsongs aus, wenn diese für Wiederveröffentlichungen "ge-remastered", also klanglich den neuen Produktionsstandards angeglichen werden. Vergleicht man etwa die 1981 eingespielte Originalaufnahme des Stücks "One of Us" von Abba mit der 2005 "ge-remasterten" Version, ist das Problem unübersehbar.
Von Abba bis Oasis: Erfahren Sie auf Seite 2, welche Bands an ihrer Dynamik pfuschen.
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Als erstes freue ich mich zu hören, dass PHOENIX ihr drittes Album wieder in Berlin aufgenommen habe, ich gebe zu schon ihr letztes Album war ziemlich laut - aber trotzdem eine geniale Platte.
Ich glaube Broken Social Scene und Umgebung und Notwost sind etwas subtiler, was die Lautstärke angeht. Kings of Convenience oder I Am Kloot natürlich auch, aber vielleicht li9egt das generell an der Musikrichtung, die diese Musiker spielen - wenn man das überhaupt in Namen fassen kann oder möchte.
Letztendlich glaube ich eher an die Indie Bands, bei denen ich glaube sie stehen mit mehr Herzblut im Studio und kennen aus ihren freundschaftlichen Netzwerken bessere Soundingenieure als die meißten Mitwirkenden aus der ganzen Major Mainstream Schiene.
Und ist das neue alte Zauberwort in dieser ganzen wundersamen Musikwelt sowieso nicht Lo-Fi?
Wo fand man 2007 gute Platten? Ein Geheimtip ist die Playlist und Sendung von Klaus Fiehe auf einslive.de. Hat noch jemand geheime Quellen für gute Musik jenseits der Charts?
Ich zitiere nochmals Jens-Christian Rabe:
"ein eklatanter Mangel an musikalischer Variation und ... an Emotion"
"Es höre sich bei den Labels auch kein Verantwortlicher mehr ein ganzes Album an"
Die Plattenkonzerne vermarkten ihre Produkte unfassbar dilettantisch und oberflächlich. Viele interessante Künstler erhalten überhaupt keine Chance. Die Plattenindustrie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das Internet als optimales Medium, um zumindest über Hörproben ein Publikum auch für die interessante Musik zu finden, die nicht in die Stromlinien-Schablonen der Charts passt.
Außerhalb der Charts findet praktisch kein Marketing statt. Perlen wie z.B. Emiliana Torrini (Lifesaver), Richard Ashcroft (Check The Meaning), Ian Brown (My Star) lernt die Öffentlichkeit nicht wirklich kennen.
Ein weiterer Aspekt: Die Plattenkonzerne schotten die nationalen Märkte ab. Warum eigentlich? Z.B. Frankreich hat so viel gute Musik zu bieten (Mylene Farmer, Le Rita Mitsouko, Etienne Daho, ) davon kriegt man hier aber nichts mit.
Auch MTV und Viva waren noch nie so langweilig und irrelevant.
@ der Fragende und hoerbarium:
Vielleicht wurde ich ein wenig missverstanden. Mir ging es z.B. nicht nur um die klangliche, sondern vor allem die musikalische Qualität von Platten wie Bloc Party (So Here We Are), Franz Ferdinand (Take Me Out) und den anderen Beispielen (wobei man beim Beispiel Take Me Out schon ins Jahr 2004 zurückgehen muß). Mit den Beispielen wollte ich auch veranschaulichen, daß sich die gruselige Drohung meines Vaters, der zu meinen Teenager-Zeiten meinte, mein Musikgeschmack würde sich in seinem Alter seinem angleichen (Andrea Berg, Roger Whitaker & Co.), glücklicherweise nicht erfüllt hat Puh!
Ich erinnere auch an Dieter Nuhr, der in einem seiner ersten Programme meinte: Die Musik heutzutage ist ja nur noch Bummbumm. Das Blöde ist nur, daß mein Vater das damals über meine Musik auch gesagt hat.
Bei mir darf es auch heute noch gern gepflegtes Bummbumm und Geschrammel sein (z.B. The Prodigy, Ministry, Nine Inch Nails, Radiohead). Gab es übrigens seit Guns n Roses Use Your Illusion (immerhin 17 Jahre her) ein vergleichbar gutes Rock-Album? Nein? Welchen Anteil hat die Plattenindustrie an der von ihr angebotenen künstlerischen Qualität?
Das ist ein interessanter Aspekt, den Sie da im letzten Absatz ansprechen. Ich ziehe diese Parallelen auch immer gerne mal als Ü30er. Tatsächlich höre ich einges aus den Charts recht gerne und halte unsere Generation für deutlich toleranter als die unserer Eltern, jedenfalls wenn es um Musik geht.
Aber generell ging es ja nicht so sehr um die *musikalische* Qualität, sondern vielmehr um die *technische* Qualität. (Das beides wiederrum rückbezüglich gegenseitig Einfluss ausübt, lasse ich hier unerwähnt)
Also um die erstaunliche Diskrepanz zwischen dem mittlerweile technisch Machbaren und dem, was tatsächlich nur verlangt- und demzufolge nur geliefert wird, ging es hier.
Herr Gastmann,
Grundsätzlich teile ich Ihre Ansichten bezüglich der Lautheit aktueller Musikproduktionen. Erstaunt bin ich allerdings über ihre Favoritenliste es Jahres 2007. Zumindest die mir bekannten Bloc Party, Amy Winehouse und Franz Ferdinand sind, was den Grad der Dynamikreduktion angeht sicherlich keine glorreichen Beispiele, sprich einen kompakteren Sound als Amy Winehouse oder Franz Ferdinand wird man nur schwer erreichen können. Gerade die erste Bloc Party Scheibe fällt zudem durch deutlich hörbare digitale Verzerrungen auf. Was diese Platten aber dennoch zu sehr empfehlenswerten Produktionen werden lässt, ist ihre musikalische Qualität.
Wie in eigentlichen allen Bereichen des menschlichen Lebens, macht die Dosis das Gift. Gerade harte Rockproduktion brauchen eine Strake Kompression, diese sollte aber von Fall zu Fall optimal auf die jeweilige Produktion abgestimmt werden, Wo es kesseln muss, soll es kesseln, wo es um leise Töne geht, sollten diese auch möglich sein...
Eine Bemerkung zum Schluss, kann ich mir leider nicht verkneifen: Auch ich bin sicher kein Freund aktueller Chartmusik, ich vermute aber das Über-30-Jährige in den 70ern ähnliche Äusserungen bezüglich der musikalischen Qualitäten von Zappa, Pink Floyd und Co. gemacht haben. Es ist Teil des Pop-Buisness, die älteren Semester durch neue, vermeintlich "schlechte" Musik zu verschrecken. Man denke nur an die Anfänge der Beatles, als die Altvorderen den Untergang des Abendlandes heraufziehen sahen...
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