Drehbuch zu "Valkyrie" Vielleicht ein Meisterwerk

Wie gut wird der umstrittene Stauffenberg-Film "Valkyrie"? Das Drehbuch ist bei der SZ gelandet, und siehe da: Es handelt sich um eine karge Charakterstudie, aus der ein großer Tom-Cruise-Film werden könnte.

Von Tobias Kniebe

Die Dreharbeiten für Bryan Singers Filmprojekt "Valkyrie", in dem Tom Cruise den Hitlerattentäter Stauffenberg spielt, gehen gerade in die vierte Woche. Neue Erkenntnisse sind wegen der strengen Sicherheitsvorkehrungen beim Dreh nicht nach außen gedrungen.

Tom Cruise verkörpert in Bryan Singers "Valkyrie" Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Ein nun aufgetauchtes Drehbuch gibt erste Einblicke in den möglichen fertigen Film.

(Foto: Foto: dpa)

Die Fragen aber, die vor Drehbeginn die Schlagzeilen beherrscht haben, bleiben offen: Muss man das Schlimmste fürchten, wenn Hollywood sich eines würdigen Kapitels der deutschen Geschichte annimmt und die Ereignisse des 20. Juli 1944 erzählt? Darf ein amerikanischer Star wie Tom Cruise einen Mann wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg verkörpern, die Symbolfigur des Widerstands gegen Hitler? Wird Cruises Funktion bei Scientology die Integrität des Projekts gefährden? Und was genau meinte der Marketingchef des Studios United Artists, als er das Unternehmen als Mischung aus "Mission Impossible" und "Gesprengte Ketten" ankündigte?

Schon bald war klar, dass Spekulationen nicht weiterführen. Antworten kann vorerst höchstens das Drehbuch liefern. Selbstverständlich wird es von der Produktion wie eine geheime Kommandosache gehütet. Doch in Hollywood gibt es ein Netzwerk von Internet-Journalisten, die in allen Studios Informanten haben und große Projekte schon oft in der Drehbuchphase kennen und analysieren. So reichte am Ende eine kurze E-Mail an den richtigen Mann in Los Angeles, um wenig später die entscheidende Datei im eigenen E-Mail-Postfach vorzufinden.

Das Buch hat 114 Seiten und 162 Szenen. Das darf nach gegenwärtigen Standards durchaus als schlank gelten. Es trägt noch den Titel "Valkyrie" und nicht die Bezeichnung "Rubicon", der derzeit von der Produktion verwendet wird. Es enthält die Autorenzeilen "written by Christopher McQuarrie & Nathan Alexander" und das Datum "January 8, 2007". Damit handelt es sich um eine Fassung, auf die sich alle Beteiligten bereits verpflichtet hatten, aber mit Sicherheit nicht um das "Shooting Script", das derzeit beim Dreh verwendet wird. Es bleibt abzuwarten, was noch verändert wird. Dennoch ist die vorliegende Fassung ein fertiges Werk. Wir wagen die Prognose, dass wir hier im Wesentlichen den Film vor uns haben, der im August nächsten Jahres im Kino zu sehen sein wird.

Und es könnte ein großer Film sein. Vielleicht sogar ein Meisterwerk. Die Befürchtungen, die von verschiedenster Seite geäußert wurden, darunter in dieser Zeitung von Berthold Graf von Stauffenberg, dem ältesten Sohn des Hitler-Attentäters, scheinen unbegründet zu sein. Um die Sorge vor grober Geschichtsfälschung geht es dabei ohnehin nicht, der eindeutige Ausgang der "Operation Walküre" dürfte schließlich selbst dem letzten Kinogänger bekannt sein.

Stattdessen lassen sich drei grundsätzliche Fragen an ein Projekt dieser Art stellen: Wie gelingt es den Autoren, aus der Fülle des historisch verbürgten Materials eine Auswahl zu treffen, die den Ansprüchen an eine korrekte Darstellung der tatsächlichen Ereignisse ebenso genügt wie denen einer Kinodramaturgie? Wie schaffen sie es, die Fakten mit Leben zu erfüllen? Und wie aggressiv dringt ihre Vorstellungskraft in Bereiche vor, über die letztlich nur wenig bekannt ist, wie das Verhältnis Stauffenbergs zu seiner Frau?

Auf allen drei Ebenen zeigt "Valkyrie" erzählerische Klarheit und historische Kompetenz. Was an Jo Baiers "Stauffenberg" (2004) vor allem störte, und was Stauffenberg-Sohn Berthold zu Recht in Wut versetzte, waren völlig unnötige Erfindungen wie die Verlobung Claus und Nina Stauffenbergs anlässlich einer Wagner-Aufführung in Anwesenheit Hitlers, oder eine fragwürdige Passage in Stauffenbergs Bamberger Wohnung, in der die Ehefrau mit Unverständnis auf die Entscheidung ihres Mannes reagiert, sich notfalls für Deutschland zu opfern. Dafür gibt es keine historischen Anhaltspunkte.

Nichts dergleichen findet man in "Valkyrie": Die zwei, drei Szenen mit Nina Stauffenberg entsprechen den letzten verbürgten Begegnungen vor dem Attentat, und sie kommen ohne große Worte aus: Da wird eine Schwangerschaft verkündet, ohne dass die Worte "Ich bin schwanger" fallen; da flackern Gefühle wie Einsamkeit, Angst, Stolz und Schicksalergebenheit auf, ohne je wirklich ausgesprochen zu werden. Es ist das exakte Gegenteil dessen, was Berthold Graf Stauffenberg als "grauenvollen Kitsch" prognostiziert hat. Und wenn die Regie von Bryan Singer hält, was gerade diese stillen Drehbuchszenen versprechen, wird man auch den Schauspieler Cruise noch einmal von einer neuen Seite sehen.

Andere Sequenzen, das haben neben Jo Baier auch schon die Spielfilme "Es geschah am 20. Juli" von G. W. Pabst und "Der 20. Juli" von Falk Harnack (beide 1955) gezeigt, gehören zum Pflichtprogramm jeder Stauffenberg-Verfilmung. Sobald der Morgen des 20. Juli einmal angebrochen ist, läuft das Programm unerbittlich ab, nach den minutengenauen Rekonstruktionen, die zunächst die Gestapo und später die Historiker des Widerstands angefertigt haben.

Der Start auf dem Flugplatz Rangsdorf bei Berlin, der Flug zum Führerhauptquartier Wolfschanze in Ostpreußen, der Weg durch drei "Sperrkreise" bis zur Lagerbaracke, das Scharfmachen der Bombe, das von einem Ordonnanzoffizier gestört und fast entdeckt wird, der zweite Sprengsatz, für den keine Zeit mehr bleibt, die Aktentasche, die zu Hitlers Füßen umfällt und dann in letzter Sekunde hinter ein schweres Tischbein gestellt wird... das folgt schon an sich so perfekt der Dramaturgie des Thrillers, dass kein Drehbuchautor hier ändernd eingreifen wird.

Kein Problem mit Komplexität

Es sind nur winzige Details, mit denen McQuarrie und Alexander die Geschehnisse ein wenig mehr auf Hollywood trimmen: Als die Baracke in die Luft geflogen ist und niemand mehr aus dem Sperrbezirk herauskommt, erwirkte der reale Stauffenberg durch einen Anruf beim Adjutanten des Lagerkommandanten freie Fahrt - mehr oder weniger durch Glück und Zufall. Tom Cruises Stauffenberg aber wird diesen Anruf nur vortäuschen, dem Wachtposten den Hörer vor die Nase halten und darauf hoffen, dass der Bluff funktioniert. Solche Freiheiten, die sich in eng begrenztem historischen Rahmen bewegen, sind ein Privileg des Kinos. Wer auf noch mehr Genauigkeit beharrt, landet bei einem Dokumentarfilm mit Spielszenen, den es auch schon gibt: Franz Peter Wirths beispielhafte "Operation Walküre" aus dem Jahr 1971.

Frappierender jedoch ist, dass es andererseits Details gibt, die beinah zu unglaublich sind, um wahr zu sein, und sich doch exakt so zugetragen haben. Da ist zum Beispiel Goebbels, der während des Staatsstreichs in Berlin vom Wachbatallion "Großdeutschland" unter Major Otto Ernst Remer gefangen genommen werden soll. Er hat die Idee, bei dem angeblich toten Hitler anzurufen, und er kommt auch tatsächlich durch. "Erkennen Sie meine Stimme?", fragt Hitler den Major, einen pflichtbewussten Nazi, am Telefon. Und dieser steht stramm wie noch nie in seinem Leben.

Ein Dialog, der den Anfang vom Ende des Umsturzes bedeutet, der natürlich in keiner Verfilmung fehlen darf. Die bisherigen Inszenierungen der Szene sind sich alle so ähnlich, dass es hier nur noch um feinste Nuancen geht: Wird Bryan Singers Goebbels besser sein als Olli Dittrich bei Jo Baier, und sogar besser als Willy Krause bei Pabst, der ewige Goebbels-Darsteller der fünfziger Jahre?

Dann wiederum gibt es Sequenzen, die in "Valkyrie" so zwingend wirken, dass man sich fragt, warum bisherige Verfilmungen sie ignoriert haben. Stauffenbergs ersten Besuch im Führerhauptquartier zum Beispiel hat man im Spielfilm noch nie gesehen, dabei ist schon das Setting phänomenal. Wir schreiben den 7. Juni 1944, den Tag nach dem Beginn der alliierten Invasion in der Normandie, die Hitler im Wesentlichen einfach verschlafen hat - niemand wagte ihn zu wecken. Stauffenberg wird mit seinem Vorgesetzen, Generaloberst Fromm, der hier wie überall als zynischer Opportunist gezeichnet wird, auf Hitlers Berghof bei Berchtesgaden zur Lagebesprechung gerufen. Man sieht den ganzen inneren Zirkel von Himmler bis Speer. Göring trägt sogar Make-up, und niemand ist angesichts der militärischen Lage auch nur ansatzweise beunruhigt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der Film wenig über den Menschen Stauffenberg enthüllt.

Der Grinsemann

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