Ein Preis für nicht angepasste Literatur - wie schön, wenn so viel Widerstand und Überdruss auf einhellige Zustimmung stößt. Prosa und Drama - die zwei Seiten im Werk von Elfriede Jelinek.
Als Horace Engdahl, der Sekretär der Schwedischen Akademie, gestern Mittag vor die Mikrophone trat und sagte: "Der Nobelpreis für Literatur 2004 geht an die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek" - da war es, zum ersten Mal seit Menschengedenken, vor dem großen Saal in "Börsen" für einen Augenblick ganz still.
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Auch der fast schon obligatorische Ruf "endlich" war nicht zu hören.
Vielleicht, weil keiner mit dieser Entscheidung gerechnet hatte. Wahrscheinlich aber auch, weil den wenigen Menschen im schwedischen Publikum, die mit dem Werk von Elfriede Jelinek vertraut sind, sofort klar gewesen sein dürfte, dass dies ein schwieriger Entschluss ist.
Schwierig muss dabei im doppelten Sinne verstanden werden: Als Entscheidung gegen den breiten Strom des realistischen Erzählens wie als Entscheidung für eine Repräsentantin einer kleinen Literatur.
Denn zur großen, weltweit gelesenen Dichtung wird das Werk von Elfriede Jelinek nicht gehören. So sehr man sich darüber freuen mag, dass wieder eine deutschsprachige Autorin den höchsten aller literarischen Preise erhalten wird, so offensichtlich ist auch, dass der Weltausschnitt, der in den Werken von Elfriede Jelinek in oft pathetischen, schrillen, spitzen Worten dargestellt wird, ein sehr kleiner, sehr österreichischer, sehr nach innen gewendeter ist.
Von "wir sind lockvögel baby!" (1970) bis zu "Gier. Ein Unterhaltungsroman" (1999): Immer war die Welt, durch die sich Elfriede Jelinek in ihren Büchern schlug, eng, schäbig, niederträchtig. Und je älter sie wurde, desto enger und schäbiger wurde auch, was es aus diesem Ausschnitt zu berichten gab.
Aus Prinzip gegen das Klischee
In der Begründung, die Horace Engdahl für die Entscheidung lieferte, heißt es, dass Elfriede Jelinek "mit einzigartiger Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht sozialer Klischees" entlarve. Das ist nicht falsch, aber es ist nur die eine Seite der Wahrheit. Zur anderen Seite gehört, dass Elfriede Jelinek selbst zu Klischees neigt, dass sie Ressentiments kultiviert und inszeniert.
Selbst Elfriede Jelineks Feminismus hat wenig mit dem zu tun, was die Frauenbewegung an emanzipatorischem Gedankengut in die Gesellschaft tragen wollte - wenn sie ihren Roman "Lust" einen "Antiporno, allerdings in obszönem Idiom" nennt, dann beschreibt sie diesen Feminismus als Schlüssel zur mentalen Erregung, und es ist keineswegs eindeutig, was hier worauf folgt: die Erregung auf die Zumutung oder die Zumutung auf die Erregung.
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65. Filmfestspiele Cannes