Designpreis der BRD Der Preis, den man zahlen muss

Stellen Sie sich vor, man will Ihnen einen Preis verleihen! Toll. Dumm nur, dass man Sie bittet, diesen Preis selber zu bezahlen. Genau das widerfährt den Nominierten des staatlichen "Designpreis der BRD".

Von Tobias Timm

Die Gestalterin Juli Gudehus hat einen erfreulichen Brief erhalten. Darin steht, dass sie für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2007 nominiert wurde. Für diesen ¸¸Preis der Preise" kann man sich nicht selbst bewerben, man wird von den Wirtschaftsministerien der Länder (oder vom Bundeswirtschaftsministerium) auserwählt. ¸¸Kein anderer Designpreis", so die Auslober stolz, ¸¸stellt ein derart strenges Kriterium an die Teilnehmer."

Als die Grafikdesignerin Gudehus jedoch die Teilnahmebedingungen für den Designpreis las, verwandelte sich ihre Freude in Wut. Denn für die endgültige Teilnahme am Wettbewerb um die Auszeichnungen in Gold und Silber müsste Gudehus trotz Nominierung erst einmal 210 Euro an die Ausrichter überweisen. Und falls sie dann tatsächlich eine der 25 Auszeichnungen gewinnen sollte, wären sogar 2900 Euro fällig. Der Designpreis als ¸¸offizielle Design-Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland" ist also kein Preis, den man erhält - sondern nur der Preis, den man bezahlt. Die ¸¸zentrale Maßnahme der Designförderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit" scheint also eher eine zentrale Maßnahme zur Geldbeschaffung zu sein. Wenn man grob überschlägt, was die mehr als 800 Nominierten und die 25 Sieger im letzten Jahr bezahlt haben, kommt man auf eine stattliche Summe: auf eine Viertelmillion.

Allerdings subventioniert auch das Ministerium den Preis. Im Haushalt 2006 wurden 154 000 Euro für die Vergabe des Preises zur Verfügung gestellt. Das Geld des Bundes und die Zahlungen der nominierten Gestalter gehen an den ¸¸Rat für Formgebung" in Frankfurt. Der wurde schon 1953 gegründet, um ¸¸dem wachsenden Informationsbedarf der Wirtschaft zum Thema Design zu entsprechen". Seither richtet der Rat im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums den Designpreis aus, der früher unter dem Namen ¸¸Die gute Form" bekannt war.

Fragt man beim Rat für Formgebung nach, wieso die Gewinner für den Designpreis zahlen müssen, dann heißt es, dass die Jury-Sitzungen teuer sind und dass die Sieger-Produkte in einer Ausstellung gezeigt und mit zwei Doppelseiten in einem Katalog gewürdigt werden. In den Katalog können sich aber auch die streng selektierten Hundertschaften der Nominierungsrunde mit 580 Euro pro Seite einkaufen. So tummeln sich in den Jahrbüchern auch Fernbedienungen für Deckenventilatoren oder medizinische Hilfsmittel zur periodischen Blasenentleerung. Der Designpreis sei ein hervorragendes ¸¸Marketingtool", heißt es.

Nun ist im Bereich der Design-Wettbewerbe hierzulande sowieso nicht alles eine Frage der Ehre. Beim ¸¸Red Dot"-Wettbewerb und den ¸¸IF Awards" müssen ebenfalls Anmelde-, Publikations- und Ausstellungsgebühren entrichtet werden, so auch beim gerade unter Werbeagenturen renommierten Wettbewerb des Art Directors Club (ADC). Doch der ADC, der jährlich Dutzende von Goldenen Nägeln im Rahmen einer Gala verleiht, ist ein privat finanzierter Verein und kein Ministerium. Wer sich am ADC-Wettbewerb beteiligt, weiß das. So ist es auch nicht verwunderlich, dass hier fast ausschließlich etablierte und kommerziell erfolgreiche Agenturen und Verlage um die Preise konkurrieren.

¸¸Aber ein Staatspreis sollte doch den Ehrgeiz haben, die kreative Elite eines Landes finanziell zu fördern und nicht zu schröpfen", hat Gudehus dem Wirtschaftsminister Michael Glos auf das Nominierungsschreiben hin geantwortet. Nominiert wurde sie übrigens für eine Umzugsanzeige: Sie hatte all die fehlerhaft adressierten Kuverts fotografiert, die im Laufe der Jahre an ihre bisherige Adresse geschickt worden waren, und dieser Sammlung mit einem ¸¸Es wird nicht einfacher" ihre neue Adresse hinzugefügt. Konzeptionelle Arbeiten und Grafik-Design werden bei dem Designpreis eher selten ausgezeichnet, was einerseits wohl der Produktdesign-Tradition der Ehrung geschuldet ist - und andererseits vielleicht daran liegt, dass sich mit Grafikdesign nicht so viel Wert schöpfen lässt wie mit Autos und Seitenkanal-Vakuumpumpen.

Nun stellt sich die Frage: Braucht Deutschland überhaupt einen Designpreis? Ja, möchte man antworten, schon allein deshalb, weil es im deutschen Alltag noch immer so viel Hässliches und Unfunktionales gibt. Und der Designpreis prämiert ja durchaus Beispielhaftes, wie etwa im vergangenen Jahr den Porsche 911 Carrera, eine Ausstellungsarchitektur in der Neuen Sammlung München oder den ¸¸Chair_One" von Konstantin Grcic. Ein Bundes-Designpreis sollte aber finanziell so ausgestattet sein, dass er die Gestalter fördert und nicht zur Kasse bittet. Und die Jury sollte so wagemutig sein, nicht nur kommerziell erfolgreiche Entwürfe auszuzeichnen - vielleicht könnten ihre Entscheidungen dann sogar öffentliche Debatten über gute Gestaltung anzetteln. Wenn das Bundesministerium Geld sparen möchte, dann doch einfach so: Eine kompetente Jury könnte jährlich eine handvoll Designer mit einem Orden oder Titel auszeichnen, mit einer Art Bundesverdienstkreuz der Gestaltung. Einen offiziellen Designpreis der Bundesrepublik Deutschland, der einigen Unternehmen als Marketingtool dient und alljährlich den Rat für Formgebung fördert, braucht das Land allerdings nicht.