Debatte: Patientenverfügung Der letzte Kunstfehler

Die Angst vor qualvollen Symptomen in der Sterbephase ist eine der häufigsten Ursachen für die Befürwortung der Tötung auf Verlangen in der Bevölkerung. Zwei der am meisten verbreiteten Ängste, vor allem bei Ärzten und Pflegenden, sind die Angst vor Verdursten und Ersticken in der Terminalphase. Diese Ängste führen dazu, dass Sterbende in Deutschland reflexartig Flüssigkeit und Sauerstoff verabreicht bekommen, um Verdursten und Ersticken zu verhindern. Leider haben diese Maßnahmen zwei große Nachteile.

Erstens bringen sie nichts. Das Durstgefühl in der Sterbephase korreliert nicht mit der Menge der zugeführten Flüssigkeit, sondern mit dem Grad der Trockenheit der Mundschleimhäute. Die Verflachung der Atmung ist ein physiologisches Zeichen der Sterbephase und kein Zeichen der Atemnot, sodass die Sauerstoffgabe keinem vernünftigen Zweck dient.

Die Symptome

Außerdem schaden sie den Patienten. Die Gabe von Sauerstoff über eine Nasenbrille trocknet die Mundschleimhäute aus, sodass dadurch tatsächlich ein qualvolles Durstgefühl entsteht, unabhängig von der Menge der zugeführten Flüssigkeit. Diese wiederum muss über die Niere ausgeschieden werden. Die Niere ist aber das Organ, das im Verlauf der Sterbephase mit als Erstes seine Funktion einstellt. Dadurch kann die zugeführte Flüssigkeit nicht mehr ausgeschieden werden und wird in das Gewebe eingelagert, vor allem in die Lunge, was zu Atemnot führt.

Damit bringen die wohlgemeinten Maßnahmen zur Vermeidung von Verdursten und Ersticken genau die Symptome erst hervor, die sie verhindern sollten.

Ein zweites Beispiel ist die routinemäßige Versorgung mit einer durch die Bauchdecke in den Magen eingeführten Sonde zur künstlichen Ernährung von Patienten mit fortgeschrittener Demenz, die zu einer oralen Nahrungsaufnahme nicht mehr fähig sind.

Routine

Alle vorhandenen Studien haben keine Hinweise dafür ergeben, dass die mit dieser Maßnahme angestrebten Therapieziele erreicht werden können. Es zeigen sich keine Vorteile hinsichtlich Lebensverlängerung, Verbesserung des Ernährungsstatus, der Lebensqualität oder der Wundheilung. Die Sonde kann außerdem schwere Nebenwirkungen haben, wie lokale und systemische Entzündungen, Verlust der Freude am Essen und Verringerung der pflegerischen Zuwendung.

Daher wurde schon vor Jahren von Experten ausgesprochen: "Dieses Missverhältnis zwischen Vorteilen und Nachteilen begründet die Empfehlung, dass künstliche Ernährung bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz nicht angewendet werden sollte." Es fehlt für diese Maßnahme in dieser Patientengruppe schlicht die medizinische Indikation - trotzdem wird sie mehr als 100 000 Mal jährlich in Deutschland anpraktiziert.

In bester Absicht

Kurzum, es wird derzeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen vieles in bester Absicht getan, was die Menschen ungewollt, aber aktiv am friedlichen Sterben hindert.

Dies hat die paradoxe Folge, dass Patientenverfügungen heute vorwiegend dazu dienen, sich vor ärztlichen Kunstfehlern am Lebensende zu schützen - und das auch noch berechtigterweise. Die am weitesten verbreitete Patientenverfügung stammt von den beiden christlichen Kirchen: "An mir sollen keine lebensverlängernden Maßnahmen vorgenommen werden, wenn nach bestem ärztlichen Wissen und Gewissen festgestellt wird, dass jede lebenserhaltende Maßnahme ohne Aussicht auf Besserung ist und mein Sterben nur verlängern würde."

Sterbeverlängerung ist aber an sich kein ärztliches Therapieziel - insofern müssten solche Maßnahmen ärztlicherseits ohnehin unterbleiben, und zwar unabhängig vom Patientenwillen, weil sie nicht indiziert sind.

Dass dies oft nicht geschieht, ist der dramatischen Inkompetenz vieler Ärzte in puncto Palliativmedizin geschuldet, die in vielen Studien dokumentiert ist. Dennoch weigert sich die Politik standhaft, das einzig Richtige zu tun, was die Bevölkerung nachhaltig vor ärztlichen Fehlern am Lebensende schützen könnte, nämlich die Palliativmedizin als Pflichtfach in das Medizinstudium einzuführen.

Bislang ist dies - auf freiwilliger Basis - nur in fünf Universitäten geschehen, erstmals 2004 an der Universität München. So bekommen 90 Prozent der deutschen Medizinstudenten nach wie vor ihre ärztliche Approbation, ohne die geringste Ahnung von Palliativmedizin und Sterbebegleitung zu haben. Damit sind diejenigen Ängste weiterhin berechtigt, welche die Menschen primär zur Abfassung von Patientenverfügungen motivieren.

Diese Ängste wären in einem gut funktionierenden Gesundheitssystem, in welchem alle Ärzte adäquat in Palliativmedizin ausgebildet sind, überflüssig.