Kein Wunder, dass auch die Menschen, die diese Mischterrain aus Ort-Name-Verb-Bild-Symbol bewohnen, zu Gefangenen der Konnotationen werden. Sie (wir) gehören nicht gerne dorthin, weshalb wir alles versuchen, nicht zu diesem Balkan zu zählen - "Balkan - das sind die anderen!", wie Rastko Mocnik, ein slowenischer Soziologe, meint.
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Und natürlich orientieren sich die meisten von uns (Slowenen, Kroaten, Serben) stärker gen Osten, wohin sich die symbolische, im Geiste vorgestellte Grenze sowieso hin verschob, erst vom Wiener Südbahnhof nach Triest und Ljubljana, später nach Zagreb und Sarajevo, dann nach Belgrad und sogar noch süd-östlicher, nach Pristina. Keine Grenze der Welt ist so flexibel wie diese.
Nicht immer negativ besetzt
Das Wort "Balkan" wurde im ehemaligen Jugoslawien nicht häufig gebraucht - und wenn, dann war es nicht immer negativ besetzt. Es diente zum einen dazu, ein bestimmtes Verhalten als primitiv zu kennzeichnen - zum Beispiel, wenn ein Mann seine Frau schlug.
Die berühmte Bezeichnung des Schriftstellers Miroslav Krleza für Politik - "balkanska krcma", das balkanische Wirtshaus, in dem, sobald das Licht einmal ausgeschaltet ist, der Faustkampf beginnt - war die andere Weise, in der wir das Wort einsetzten.
Die jungen Leute kannten auch Johnny Stulics Song "Balkane moj" aus den achtziger Jahren, dessen Text sich auf keine der "alten" Bedeutungen bezog. Wenn wir aber heute die negativen Vorstellungen nicht mehr loswerden, dann liegt das offenbar auch daran, dass sie nicht vollständig aus der Luft gegriffen zu sein scheinen. Neue Grenzen sind gezogen worden, keine symbolischen, sondern reale, mit blutroter Farbe.
Was weiß die junge Generation jenseits der Klischees?
Lassen Sie uns kurz nachdenken: In all diesen Jahren - siebzehn sind seit Beginn des Krieges vergangen, dreizehn seit seinem Ende - ist eine ganze Generation junger Menschen erwachsen geworden. Nicht nur im Balkan, sondern auch im Westen. Was wissen sie? Was weiß die junge Generation hier über den Balkan, jenseits der üblichen Klischees?
Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich Probleme mit West-Europäern habe. Ich vermute, dass die Menschen nach so langer Zeit immer noch nicht verstehen wollen, wie alles gekommen ist... Das sei zu kompliziert, sagen sie oft.
Zuerst dachte ich, dass sie vielleicht nur zu faul sind, endlich die wenigen historischen Fakten zu lernen. Aber nachdem mir immer wieder und wieder dieselben Fragen gestellt wurden, glaube ich jetzt, dass die schrecklichen Bilder aus dem Fernsehen, von den Kriegen im Balkan, die beste Entschuldigung dafür sind, uns nicht zu verstehen: Tatsächlich fungieren diese Bilder und Erinnerungen als ein Art Schutzschild.
Angst vor der Ähnlichkeit
Wenn die Europäer sagen würden, sie verstünden die angsteinflößenden Ereignisse, würde das bedeuten, wir wären gleich oder zumindest ähnlich. Es ist natürlich viel sicherer, diese Möglichkeit von sich zu weisen und an der Notwendigkeit der Distanz zu jenen Nachbarn festzuhalten (sich immer daran erinnernd, dass der Balkan das ist, was Europa nicht ist).
Als wäre Europa ein von der Berührung des Teufels verschontes Terrain... Als wären die europäischen Nationalstaaten oder Revolutionen nicht aus Blut geboren... Als hätte es Auschwitz nie gegeben... Ja schon, aber - könnte jemand einwenden - das alles passierte nicht unter unseren Augen! Kein Blut, keine Messer, keine Metzelei, keine sichtbare Brutalität.
Die Bilder von ausgemergelten Körpern? Sie sind zwar nicht vergessen, aber in die tiefsten Schichten des Gedächtnisses gedrängt worden, um Platz zu schaffen für neue Horrorbilder aus Bagdad oder Abu Graib. Letztlich kann man Grausamkeiten nur begrenzt aufnehmen; es muss ein Schreckenspensum geben, nach dessen Überschreitung Gewalt nichts mehr bedeutet.
Wie lange brauchten die Deutschen?
Das erinnert mich daran, wie viel Zeit die Deutschen gebraucht haben, um die ihnen entgegengebrachten Vorurteile loszuwerden, die Vorstellung einer effizienten, völkermordenden Maschinerie, eines autoritären, exessiv bürokratischen deutschen Charakters.
Dieser Gedanke macht mir Hoffnung: Die 13 Jahre nach Kriegsende erscheinen bei diesem Vergleich gar nicht mehr so lang, oder? Andererseits: wenn nach fast neun Jahrzehnten die Bedeutung des Wortes "Balkan" auf die eines transitorischen Verbs reduziert wird, wie lange wird es dauern, das umzukehren?
Die Autorin, geboren 1949 in Rijeka, lebt in Wien und in Istrien. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt der Roman "Frida" (Zsolnay Verlag, Wien 2007).
Deutsch von Eva-Maria Träger
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(SZ vom 06.05.2008/pak)
Endgültiger DFB-Kader für EM
Stimme Ihnen vollkommen zu. Vor allem die einseitige Berichterstattung und auch einseitige Schuldzuweisung. daran hat sich bis heute nichts geaendert. Und der "Tropf", der Ihnen fuer ihren Kommentar einen roten Balken verpasst hat, besttaetigt im uebrigen Ihre Ansage.