Das wäre schön Pferde stehlen mit Helene

Ein Plädoyer für mehr Poesie im Pop

Von Bernhard Blöchl

Es ist zum Verzweifeln. "Mir platzt der Kotzkragen", um Tobias Bamborschke zu zitieren, von dem später noch die Rede sein wird. Zwei Rapper, deren Namen man sich nicht zu merken braucht, reimten dumme Zeilen und bekamen einen Musikpreis, den es nun nicht mehr gibt. Zu stark war das Echo auf den Echo. Und aus Münchner Sicht schallten in der vergangenen Woche auch nicht gerade dylaneske Songtexte durch die Hallen der Stadt. Was man bei der Schlagernacht in der Olympiahalle zu hören bekam, kann sich jeder schreckerfüllt ausmalen, der einmal bei Helene-Fischer-Lyrik versucht hat, nicht auszurasten vor Wut über Kitsch ("Wutkitsch" heißt indes das Debüt der durchaus textbegabten Indie-Rocker Brett). Zu Gast in München waren auch Revolverheld, die sich inzwischen Zeilen trauen wie diese: "In deinem Herz wohnen sieben Seelen, und mit einer würde ich gern Pferde stehlen". Mein lieber Herr Gesangverein!

Was ist eigentlich los mit den singenden Autoren? Machen die meisten nur Musik um der Musik willen, oder geht es jemand auch darum, noch nicht gedachte Gedanken, inspirierende Impulse oder kluge Gesellschaftsminiaturen und feine Gefühlsarchitekturen zu transportieren? Gegenbeispiele gibt es durchaus, man denke an Gisbert zu Knyphausen, Kettcar, Element Of Crime. Ein besonders schönes durfte erleben, wer das Gastspiel der zurecht mit Lob überhäuften Indie-Band Isolation Berlin vor ein paar Tagen im Feierwerk besuchte. Da stand eingangs erwähnter Tobias Bamborschke, bemützt und voller Elan, im Rampenlicht der Bühne, um Sätze herauszuperlen wie diesen: "Ich zerlatsch den Tag stundenlang im Park, fahrig und verwirrt, bis es dunkel wird", und, ebenfalls vom neuen Album: "Ich bin wunschlos unglücklich." Was den Musikfreund, dem Texte eben nicht wurscht sind, wiederum wunschlos glücklich macht. Dass der talentierte Herr Bamborschke ein bisschen auf den Spuren von Charles Bukowski und Peter Doherty wandeln möchte, hat er im Herbst im Literaturhaus gezeigt, wo er schmerzerfüllte Gedichte und schelmische Gedanken aus seinem Buch "Mir platzt der Kotzkragen" vorgetragen hatte, bevor er die Lieder seiner auch vom Goethe-Institut entdeckten Band sang.

Aus dieser mutmachenden Multitalentiade heraus sei abschließend ein Impuls an das Literaturfest München entwickelt: Was im Kleinen exzellent funktionierte, sollte Motivation genug sein für die konsequente Fortsetzung, will heißen: Warum nicht mal einen Festivalschwerpunkt der Poesie im Pop widmen? Das wäre dann nicht zum Verzweifeln, es wäre wunderschön.