Das Münchner Wochenende Wenn die Musen durchmachen

An diesem Wochenende ballen sich viele der wichtigsten kulturellen Großveranstaltungen Münchens - von der "Langen Nacht der Musik" über die "Night Art" bis zum "Kunstareal-Fest". Alle trachten sie nach den Massen. Hoffentlich verlaufen die sich nicht

Warum es zu diesem Mega-Kultur-Wochenende in der Innenstadt kommt, ist nicht ganz klar: Versuchen die Veranstalter der einen Großveranstaltung die Synergien mit andren zu nutzen - setzen also die Verantwortlichen fürs Kunstareal-Fest, auf die Feierwilligen aus der Langen Nacht der Musik? Hofft die Biennale Dance darauf, dass die steif gesessenen Leute vom Dok.fest zu ihnen drängen - sofern sie noch nicht beim Kino-am-Olympiasee-Opening festhängen? Oder haben sie alle nur selten egoistisch geplant, ohne im Terminkalender auf die Sparten und Spalten nebenan zu blicken? Schwer zu sagen, übrig bleibt nur, ein paar Tipps fürs Picken von Rosinen aus dem großen Kuchen zu geben.

Lange Nacht der Musik

Ein Ziel zu verfolgen, das gar nicht erreicht werden kann, entspannt. Denn auch nur annähernd zu hören, was einen interessierte, ist nicht zu schaffen bei der Langen Nacht der Musik. 200 Künstler und Bands an 100 Spielstätten, das ist eine absurd hohe Zahl, hinzu kommt, dass an diesem Samstag auch die Münchner S-Bahn weiterhin vom Bahnstreik betroffen ist. So wird die Anreise zu manchen Veranstaltungsorten wie etwa der Gema oder dem Gasteig am Rosenheimerplatz eher schwierig, vor allem wenn man die Route nach seinem Geschmack selbst organisieren möchte und nicht dem Shuttle-Bus-Fahrplan überlassen will.

Bevor man aber völlig erschöpft an einem Ort hängen bleibt - was sich zum Beispiel im Biergarten der Glockenbachwerkstatt wunderbar anbieten würde - lohnt sich doch ein Blick ins Programm: Etwa dortselbst, wo Oansno und D'aqui Dub spielen, zwei Bands, die Volksmusik mit aufständischer Jugendkultur verbinden und Bouzouki, Bass und Techno, Landler und Dreigesang mit Punk vermischen. Oder gleich nebenan im schwulen Subkultur-Zentrum Sub in der Müllerstraße. Da gibt es die Münchner Surf-Punk-Band Night Shirts, die 2014 mit ihrem Debüt-Album über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erlangen konnten.

Eine Publikums-Bewegung wäre bei einer solchen Vielfalt besonders schön: Wenn etwa die Punk-Fans nach dem Konzert der Night Shirts den Weg zum Lenbachplatz fänden. Dort hat das Künstlerhaus eine Lounge eingerichtet, in der sich das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper präsentiert. Die Akademisten dürften ungefähr das gleiche Alter haben wie die Punk-Bands. Zurück zum überpräsenten Pop: Um die Ecke in der Briennerstraße bekommt man im Hamburger-Laden vom Studentenradio "M 94.5" kuratierten Underground-Pop (auch Sängerin Raffete mit der grandiosen Genre-Bezeichnung "Neuer Deutscher Kummer"), und bei der Gema gibt's mit den Young Chinese Dogs den Münchner Pop, der's schon weiter in den Mainstream geschafft hat.

Lange Nacht der Musik, Sa., 9. Mai, 20-3 Uhr

Kunstareal-Fest

Es ist nicht ganz leicht, aus Einzelkämpfern Teamplayer zu machen. Aber nach und nach entdecken die Museen und Galerien, die Hochschulen und andere Kultureinrichtungen im Kunstareal den Spruch "gemeinsam sind wir stark" für sich. Wenn jetzt auch endlich das lang ersehnte und groß angekündigte Leit- und Orientierungssystem kommt, dann wird es mit dem Selbstverständnis "Kunstareal", das mit dem jüngst eröffneten NS-Dokumentationszentrum einen wichtigen Zuwachs bekommen hat, auch weiter vorangehen. Ein großer Schritt in diese Richtung war das erste Kunstareal-Fest, das vor eineinhalb Jahren stattfand. Mehr als 50 000 Besucher lockte das damals eintägige Fest bei freiem Eintritt zu den Ausstellungen, Führungen, Workshops, Konzerten, Filmscreenings und Mitmachaktionen in die Häuser und auf die zum Teil für den Verkehr gesperrten Straßen. Das zweite Kunstareal-Fest findet nun an gleich zwei Tagen statt: "Kunst x Kultur x Wissen = Erlebnis hoch drei", so lautet die Formel. Wieder haben alle Museen bei freiem Eintritt geöffnet, wieder werden unzählige Aktionen in den Institutionen sowie im Freiraum und auf der am Sonntag für den Verkehr gesperrten Gabelsbergerstraße stattfinden. Mehr als 120 Programmpunkte sind angekündigt.

Ein spielerischer Aspekt der Verbindung von Kunst, Kultur und Wissen bietet die Ausstellung "Archäologie der Zukunft. Kunst und Games", die im Ägyptischen Museum zu sehen ist. Hier haben sich Bildende Künstler mit Computer- und Videospielen auseinander gesetzt, haben analysiert, instrumentalisiert, sich auf künstlerische Details fokussiert. Von interaktiven Spielen, bei denen man mit dem eigenen Körpereinsatz die Bildgestaltung steuert, bis zu kunstvoll gestalteten Bildreisen, in denen man stundenlang versinken oder vor sich hin daddeln kann, wird einiges geboten, das die Grenzen von Spiel und Kunst ignoriert. Dass das Ganze in den dunklen Kammern des Ägyptischen Museums stattfindet, ist irgendwie besonders reizvoll. Jahrtausende alte Hochkultur trifft auf ein zeitgenössisches Unterhaltungsmedium.

400 Konzerte Die Vorstellung ist witzig: Keiner der Veranstalter der "Langen Nacht der Musik" wird je alle Musiker hören, die in der von ihm organisierten Nacht in München spielen. In 100 Spielstätten treten 200 Bands bei 400 Konzerten auf.

Spielerisch, aber durchaus ernst gemeint wirkt, was die Technische Universität München am Sonntag in der Pinakothek der Moderne zeigt: humanoide Roboter. Von 11 Uhr an bis 17 Uhr wird das Institut für Kognitive Systeme der TU jeweils zur vollen Stunde den kleinen menschenähnlichen Roboter Nao vorführen. Im Mittelpunkt steht die Interaktion zwischen Mensch und Roboter. Dabei zeigen die Forscher, was mit Nao alles möglich ist, erklären, warum er eine künstliche Haut braucht und wozu Roboter heute bereits in der Lage sind.

Kunstareal-Fest, Sa/So, 9./10. Mai, 10-18 Uhr. Info-Point Ecke Gabelsberger/Barerstraße ab 9.30 Uhr

Night Art

Wer am Samstagabend, wenn die Museen geschlossen sind, noch (mehr) zeitgenössische Kunst anschauen möchte, hat dazu Gelegenheit bei der Night Art. Wobei man das, was einmal mit großer Beteiligung und Ausstellungszeiten bis Mitternacht begann, im fünften Jahr nur noch als eine Rumpfveranstaltung bezeichnen kann. Weniger als die Hälfte der Galerien sind in diesem Jahr noch dabei. Und von der einst mitternächtlichen Tour, die schon im zweiten Jahr auf 23 Uhr zurückgeschraubt worden war, ist nunmehr nur noch ein abendlicher Rundgang geblieben. Aber immerhin: Anlässlich des Kunstareal-Festes haben viele Galerien im Kunstareal, aber auch einige an der Ludwig- und der Maximilianstraße, im Glockenbachviertel, in Schwabing und Neuhausen am Samstag noch bis 21 Uhr geöffnet.

Frauenpower steht im Mittelpunkt der Ausstellung von Nadja Verena Marcin bei Esther Donatz im Rückgebäude der Amalienstraße 45. In ihren Fotografien, Videos und Performances setzt sich die 1982 in Würzburg geborene, in New York lebende Künstlerin mit selbstbewussten Kämpferinnen, exzentrischen Herrscherinnen und auch hilflos ihrem Schicksal ausgelieferten weiblichen Figuren auseinander. Ein mitunter von Science Fiction geprägter, fulminanter Bilderrausch um die Stellung der Frau.

Night Art, Sa, 9. Mai, 11-21 Uhr

Dok.fest

Um das rohe Leben geht es im Dokumentarfilm, und natürlich geht es immer auch um das Kino, das Spektrum der Gefühle, die überwältigenden Bilder. 140 Regiearbeiten aus aller Welt hat die 30. Ausgabe des Dokfests zu bieten, Finanz-Thriller, menschliche Dramen, Musikfilme. Überforderung an zehn Tagen. Aber in einem Werk kommt alles zusammen: Leben und Tod, Güte und Strenge, Begeisterung für das Kino als solches.

Ein Film über die Liebe zum Film ist Dominik Grafs Was heißt hier Ende?, und die Frage ist, was Michael Althen darüber geschrieben hätte. Der Münchner Kritiker, der vor vier Jahren starb und dessen Wirken die Dokumentation würdigt, hätte wahrscheinlich die Essenz herausgefiltert, ein Detail womöglich, anhand dessen er den ganzen Film erklärt und vielleicht das Leben noch dazu. "Ja, ja, der Michael hat das schon verstanden", sagt Wim Wenders, einer von zahlreichen Regisseuren, die sich im Film Gedanken über ihn machen, "aus Kristallpunkten dann auch den ganzen Überbau herauszustellen". Althens Artikel, die die Feuilletons der Achtziger-, Neunziger- und Nullerjahre schmückten mit ihrer Lässigkeit und Tiefe, drehen sich ja oft um das Kleine, das zum Großen taugt: um das Grinsen von Tom Cruise, den Augenaufschlag (und die Telefonnummer) von Jacqueline Bisset, um die Frau, die vom Himmel fiel (Audrey Hepburn) und um verblüffende Sätze der Filmgeschichte ("Sie können mich doch nicht einfach anpusten!"). Was also sind die Kristallpunkte in Grafs zweistündiger Hommage? Sind es die Interviews mit den Kollegen, die Althens Schreibstil, seine Kritikergeneration und den Blick auf das amerikanische Kino analysieren? Sind es die Erzählungen der Eltern und die seiner Familie? Sind es die Originalaufnahmen und Fotos von Althen selbst, die ihn am Schreibtisch, auf Festivals und mit Freunden zeigen? Oder ist es das, wofür er brannte: das Schreiben und die Texte, die mit markanter Stimme sehr ausführlich präsentiert werden? Vielleicht. Am meisten aber bleibt die Warmherzigkeit in Erinnerung, die Freude seiner Wegbegleiter beim Erinnern. Graf, der mit Althen den Essay München - Geheimnisse einer Stadt (2000) drehte, beginnt sein Porträt mit einer filmischen Kunstrezension, die der Porträtierte seinerzeit selbst vortrug. Darin ein Satz, der auch Michael Althens Lebenswerk hervorragend steht: "Man steht also vor diesem Bild, das ohne Zweifel unvollendet geblieben ist, aber eine Kraft besitzt, die von Vollendung gar nichts wissen will, die gar keine Vollendung braucht."

Wer Althens Texte und die Bücher über seine Texte kennt, wird sich freuen, sie erneut zu hören. Wer nicht, darf auf eine Offenbarung hoffen. Was heißt hier Ende? ermöglicht das entspannte Eintauchen in Althens Welt, dessen Sympathie für das Kino ansteckend ist. Davon wird im Literaturhaus die Rede sein, wo Dominik Grafs Film am Sonntagabend gezeigt wird. Davor, um 18.30 Uhr, gibt es einführendes Gespräch, unter anderen mit Charles Schumann und Tobias Kniebe (Süddeutsche Zeitung).

Was heißt hier Ende? So., 10. Mai, Literaturhaus

Dance 2015

Punktlich um 22.16 Uhr haben die Tänzer der "Dancing Days" das Celibidacheforum am Gasteig nach sechs Stunden Dauertanz geräumt. Die Passanten haben sich verdrückt, während die Premieren-Gäste des Festivals "Dance" erst einmal das Hühner-Curry verdrücken, bevor sie selbst ihrer Tanzlust im Club Ampere nachgeben. Eine Frau fragt danach, ob das Curry denn auch koscher sei. Aha, die Israelis sind offenbar schon angekommen auf dem Festival "Dance". Dabei ist ihre erste Vorstellung erst an diesem Sonntag.

Dann nämlich beziehen Niv Sheinfeld und Oren Laor im Schwere Reiter ihr "Two Room Apartment". Sie hatten nur mal als Paar alleine auf der Bühne sein wollen und deshalb Liat Drors und Nir Ben Gals international mit Preisen bedachtes Erfolgsduett nach 20 Jahren nach ihren Bedürfnissen neu möbliert. Ein Stück über Grenzen zwischen Zimmern, Ländern, Menschen, das nach einhelliger Meinung den israelischen Tanz veränderte und für den vom Theater kommenden Laor wie für den Tänzer und Choreografen Sheinfeld "eine Bestätigung unserer eigenen Überzeugungen war". Fasziniert von minimalistischen, scheinbar kunstlosen Bewegungen, fanden die beiden einen Schlüssel zu dieser historisch bedeutsamen Zweiraumwohnung. "Während Dror und Ben Gal damals in ihren Zwanzigern waren, haben wir die Vierzig bereits überschritten und sind seit fast 13 Jahren ein Paar." So wurde die erotische Komponente zurückgefahren - und die politische hoch: Denn in Israel ist laut Laor ein schwules Paar auf der Bühne bereits ein Statement.

Sharon Eyal, 18 Jahre lang eine der tänzerischen Säulen der Batsheva Dance Company und Muse von Ohad Naharin, deren Leiter, hat eine Vorliebe für enge Ganzkörpertrikots in Nude-Tönen. Sie ganz allein hypnotisiert das Publikum von "House" in schwarzglänzendem Latex. Die 2013 von Eyal und dem tief im Tel Aviver Nachtleben verwurzelten DJ und Party-Produzenten Gai Behar gegründete Company L-E-V (hebräisch: "Herz") zeigt in "House" ein Stück, das Eyal bereits für Batsheva entwickelt hat - mit selbstversunkenen Bewegungen, die auf einer eigenen geschwindigkeitsgedrosselten Spur neben Ori Lichtigs Techno-Soundtrack herlaufen.

Die Zeitschrift Tanz attestierte diesem 2013 in Tel Aviv uraufgeführten 35-Minüter "beißenden Humor und gesellschaftspolitischen Scharfsinn" ohnegleichen. Allein der Titel dürfte in Israel eine Provokation sein. Doch obwohl "We Love Arabs" dort vor Zuschauern unterschiedlicher Herkunft gezeigt wurde, erntete es laut Kogan außer vielen Lachern höchstens die Anmerkung, er hätte dem arabischen Tänzer mehr Raum geben können, "um Widerstand zu leisten". Der heißt Adi Boutros und ist ein ehemaliger Schüler Kogans. Er spielt im Stück sich selbst - unter der Fuchtel eines israelischen Choreografen, dessen Rolle wiederum Kogan tanzt - ein Duett über das Selbst und den Anderen in dem kein Befindlichkeitsfettnäpfchen ausgelassen wird.

Two Room Apartment, 10. und 11. Mai, Schwere Reiter; "House" 12. und 13. Mai, Carl-Orff-Saal, Gasteig; "We Love Arabs", 15. bis 17.5., Schauburg