"Crash" Hier berührt dich niemand!

Was passiert, wenn aller Dreck aus den Köpfen der Menschen ungefiltert nach draußen kommt? Paul Haggis baut daraus in seinem Film "L.A. Crash" eine emotionale Massenkarambolage.

Von Tobias Kniebe

Ein Mann kauft eine Waffe, das könnte die Urszene des ganzen Übels sein. Hier ist es Farhad (Shaun Toub), ein starrsinniger iranischer Ladenbesitzer, begleitet von seiner erwachsenen Tochter.

Thandie Newton als Christine Thayer und Matt Dillon als Officer John Ryan in dem Spielfilm "L.A. Crash" von Paul Haggis.

(Foto: Foto: Universum)

Farhad fühlt sich bedroht in Los Angeles, die Tochter hält ihn für paranoid, und der Verkäufer des Waffengeschäfts hat ganz eigene Probleme.

"Plan den Dschihad in deiner Freizeit, Osama", bricht es aus ihm heraus. Misstrauen, Terrorverdacht, Rassismus stehen im Raum, der Streit eskaliert, aber Geschäft ist Geschäft: Die Tochter nimmt schließlich doch eine Pistole und Munition mit, und danach sind alle drei noch erheblich gereizter als zuvor.

Die Szene ist, in der Metaphorik von "L. A. Crash" gesprochen, noch kein wirklicher Zusammenstoß, eher ein Touchieren mit leichtem emotionalem Blechschaden. Aber es bleibt eine gärende Wut zurück, ein Potenzial an Aggression, das die nächste Karambolage bereits unausweichlich macht.

Kollision von Autos und Charakteren

Mehr als ein Dutzend Personen aller Rassen und Schichten führt der Filmemacher Paul Haggis, zuletzt erfolgreich als Autor von Eastwoods "Million Dollar Baby", auf diese Weise ein: Vignetten aus jener unüberschaubaren Betonwüste, die man als "Greater Los Angeles" bezeichnet, obwohl sie viele ganz eigenständige Städte umfasst.

Alles geschieht in schneller Folge, und es dauert immer nur kurze Zeit, bis sich aufgestaute Ressentiments, Vorurteile oder blanker Rassismus entladen.

Manchmal hat das wirklich mit Autounfällen zu tun, meistens aber nicht - dann geht es eher um die Kollision von Charakteren, die schon ein explosives Potenzial in sich tragen.

Der schwarze Police Detective Graham (Don Cheadle), der am Anfang in einen Auffahrunfall verwickelt ist und auch später derjenige sein wird, der am meisten versteht und dennoch nichts ändern kann, bringt es sofort auf einen philosophischen Nenner: "In L. A. berührt dich nie jemand", sagt er, "wir müssen schon kollidieren, um überhaupt noch etwas zu spüren."

Ein Land lässt die Maske fallen

So sehr der Film auf die ohnehin überreizten Nerven des amerikanischen Publikums zielt - in diesem Satz schwingt schon die Ahnung mit, dass ein Crash nicht immer nur etwas Negatives sein muss.

Hübsch ist es natürlich trotzdem nicht, wenn ein Land sozusagen kollektiv die Maske fallen lässt, wenn die Menschen den Dreck, der durch ihre Köpfe spukt, einmal ungefiltert nach draußen lassen. Es hat aber, gerade angesichts der in Korrektheit erstarrten Hollywood-Konventionen, auch etwas Zwangsläufiges und seltsam Faszinierendes.

Fast jeder in diesem Film nimmt irgendwann die falsche Abzweigung, überreißt das Steuer, schaut einen Moment in die verkehrte Richtung - und gerät dabei auf eine Bahn, die ihn direkt in diese metaphorische Massenkarambolage schlittern lässt.

Am besten beschreibt man die Faszination des Films, wenn man sich eine Menge Autos vorstellt, die in Superzeitlupe ineinanderrasen: Man sieht die Kollisionslinien, die Bewegungskurven, die Schnittpunkte schon lange vor dem Aufschlag; alles entfaltet sich mit der Zwangsläufigkeit der Physik, nach den Gesetzen von Masse, Energie und Beschleunigung; und doch gibt jeder Aufprall den Beteiligten auch wieder einen neuen, unerwarteten Drall und Effet - bis zum nächsten Zusammenprall.

Kollektiv den Atem anhalten

Haggis' Könnerschaft besteht darin, dass er diese Art von Zwangsläufigkeit vollständig in den Emotionen erzeugt: Der rassistische weiße Cop (Matt Dillon), der ein unschuldiges schwarzes Paar aus dem Auto holt und so perfide erniedrigt, dass die Ehe der beiden aus dem Gefühl von Scham und Ohnmacht beinah zerbricht; die schwarzen Autodiebe (Chris "Ludacris" Bridges und Larenz Tate), die ihre Position in dieser ungleichen Gesellschaft sehr genau und kritisch reflektieren - und doch mit ihren Überfällen alle Klischees gleich wieder bestätigen; die reiche Frau des Bezirksstaatsanwalts (Sandra Bullock), die eines ihrer Opfer wird und danach in einer Privathölle aus Wut, Ohnmacht und Vorurteilen schmort; oder der rechtschaffene mexikanische Schlosser (Michael Peña), der in einer Konfrontation mit dem bewaffneten iranischen Ladenbesitzer nur durch den Glauben seiner Tochter gerettet wird.

In solchen Momenten spürt man, wie die Zuschauer kollektiv den Atem anhalten, weil wieder einmal das Unausweichliche droht - aber Haggis ist Optimist genug, um wenigstens ein paar seiner Helden ein überraschendes Davonkommen zu erlauben, oder einen unerwarteten Impuls von Mut und Menschlichkeit.

Fast scheint es, als sei die Vignettenform der Geschichte durch die Topographie von Greater Los Angeles selbst bedingt: Wenn es um diesen in die Breite gewalzten Moloch geht, wo das Wort "nebenan" bereits eine Viertelstunde im Auto impliziert, landen die Filmemacher immer wieder bei dieser Form - Lawrence Kasdan ("Grand Canyon), Robert Altman ("Short Cuts"), Paul Thomas Anderson ("Magnolia"): als würde die Erzählung nur eines Milieus hier gar nichts mehr erklären, die reale Isolation der Lebenswelten lediglich verdoppeln.

Dies jedoch ist ein Missverständnis: Gerade die Vignettenform ist immer Konstrukt, schon deshalb, weil sich die meisten Figuren real in dieser Stadt kein zweites Mal begegnen würden. Wenn man "L. A. Crash" also mit dem Gefühl verlässt, seit langem wieder einmal das echte Amerika erblickt zu haben - dann ist das auch ein fast paradoxer Triumph für die unerschrockene und kompromisslose Künstlichkeit dieses Films.

CRASH, USA 2005 - Regie: Paul Haggis. Buch: P. Haggis, Bobby Moresco. Kamera: J. Michael Muro. Schnitt: Hughes Winborne. Musik: Mark Isham. Mit: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Jennifer Esposito, Brendan Fraser, Thandie Newton. Universum, 107 Minuten.