50 Cent-Interview "Eminem hat ein Heidengeld mit mir gemacht"

... aber wenn es einer verdient hat, dann er. der Rapper 50 Cent spricht im Interview über seinen Aufstieg aus dem Ghetto, die Angst davor, erschossen zu werden, den Spaß am Geldverdienen und seinen Film "Get Rich or Die Tryin'"

Interview von Tobias Kniebe

Sein Leben ist schon fast eine urbane Legende der Popmusik: Der Drogendealer und Rapper, der einen Mordversuch mit neun Kugeln im Körper überlebt, wenig später vom Kollegen Eminem entdeckt wird und mit "Get Rich or Die Tryin'" eines der bestverkauften Debütalben aller Zeiten macht. Um diesen märchenhaften Aufstieg des Curtis "50 Cent" Jackson geht es nun auch in seiner gleichnamigen Filmbiographie, die diese Woche in die Kinos kommt - inszeniert von dem irischen Regisseur Jim Sheridan, mit ihm selbst in der Hauptrolle. Aber so sehr Gewalt und Ghettoleben noch Teil seines Mythos sind, so sehr bemüht er sich im Gespräch, diese Erwartungen auch zu unterwandern: Seine Stimme ist sanft, sein Auftreten freundlich und jovial, und unerwartete Eloquenz unterstreicht sein neues Selbstbild als smarter Hip-Hop-Geschäftsmann. Nur die auffällige Einschussnarbe in der Nähe seiner Unterlippe erinnert jederzeit an die Realität seiner Geschichte.

SZ: Mr. Jackson, im wirklichen Leben sind Sie im Ghetto aufgewachsen, ohne das Geringste von ihrem Vater zu wissen - das zeigt auch der Film. Gegen Ende aber gibt es eine Szene, die das Geheimnis lüftet: Der mächtigste Drogenboss des Viertels, ein alter, beinahe weiser Mann, der im Gefängnis sitzt, bezeichnet Sie als seinen Sohn.

50 Cent: Yeah, aber das ist der fiktionale Teil der Geschichte - eine Begegnung, die der Drehbuchautor Terence Winter erfunden hat. In Wirklichkeit weiß ich bis heute nichts von meinem Vater, und inzwischen bin ich an einem Punkt meines Lebens angelangt, wo ich auch nichts mehr von ihm wissen will. Sicher, es gab Zeiten, da hätte ich ihm gerne ein paar Fragen gestellt. Wenn er da gewesen wäre, als ich acht Jahre alt war und meine Mutter ermordet wurde ... oder als ich mit zwölf mit dem Drogendealen anfing, das wäre eine andere Geschichte. Da hätte er sicher verhindern können, dass ich eine falsche Richtung einschlage, dazu sind Eltern da. Heute nach meinem Vater zu suchen, das hieße dagegen nur nach mir selbst zu suchen. Heute muss ich selbst ein Mann und ein Vater sein.

SZ: Eine interessante Phantasie: Der Wunsch nach einer mächtigen Instanz im Hintergrund, die Vorstellung, dass Sie als Sohn eines Paten die Gangster-Gene praktisch geerbt haben

50 Cent: Auf jeden Fall. Dass mein Vater ein Gangster gewesen ist, wo doch sogar meine Mutter mit Drogen gedealt hat, liegt auf der Hand. Aber dafür, dass er ein Gangster ist, ist er im Film auch eine halbwegs positive Figur: Er repräsentiert eine Art Ordnung des Ghettos, sein Wort ist Gesetz, wo die Gesetze des Staates nicht mehr hinreichen. In der Situation, in der ich damals war, wäre er nicht die schlechteste Lösung gewesen ...

SZ: Wie haben Sie als Neuling die Arbeit vor der Kamera erlebt?

50 Cent: Als ein großes Geschenk! Ich war von wunderbar talentierten Menschen umgeben, und ich habe gelernt, was echte Hingabe an ein Handwerk bedeutet. Als wir die Szene drehten, wo ich Bill Duke, der meinen Vater spielt, im Gefängnis gegenübersitze, hat er zum Beispiel kein einziges Mal geblinzelt. Er wusste, dass Jim Sheridan zwischen ihm und mir hin- und herschneiden würde, und er wollte nicht, dass sein Blinzeln beim Schnitt stört. Die Kamera ist also auf ihm, ich sitze ihm gegenüber, er spricht seinen Teil des Dialogs, mindestens zwei Minuten lang - und er blinzelt kein einziges Mal. Mir tränten schon beim Zuschauen die Augen...

SZ: Glaubt man dem Film, dann sind die Grenzen zwischen Gangster- und Hip-Hop-Kreisen fließend.

50 Cent: Allerdings. Bevor ich Erfolg im Mainstream hatte, habe ich etliche Tracks im so genannten "Mixtape Circuit" veröffentlicht, das sind Zusammenstellungen von neuen Künstlern, die auf der Straße verkauft werden. Bald hatte ich einen gewaltigen Ruf im Untergrund, weil ich bestimmte Namen ausgesprochen habe und bestimmte Dinge so dargestellt habe, wie sie nun mal waren. Und die Menschen hatten sehr berechtigte Angst vor den Leuten, die ich da genannt habe. Ich galt als Verrückter, weil ich es wagte, über solche Dinge zu rappen. Wer diese Namen in den Mund nimmt, spielt schon mit seinem Leben. Als ich damit auch noch Erfolg hatte, ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten. Viele der Leute, die ich von früher kenne, leben immer noch in dieser Welt, in der ein Toter mehr oder weniger keinen Unterschied macht. Das erklärt das Attentat auf mich, auf meine Management-Firma, die ganzen Schießereien. Deswegen muss ich auf der Hut sein.

SZ: Als Leiter einer "Crew" von Drogenverkäufern war wohl auch mit Ihnen nicht zu spaßen. Wie wird man die mörderischen Aggressionen los, die einem auf der Straße das Überleben sichern?

50 Cent: Mann, dass ist die erste und größte Herausforderung, wenn du bekannt wirst. Du bringst ein, zwei gute Tracks in den Circuit, und plötzlich reden alle von dir, du gehörst allen, jeder darf über dich sagen, was er will. Auch die übelsten Sachen. Was früher ein Grund für eine Schießerei gewesen wäre. Aber du darfst das alles nicht mehr erst nehmen, musst dich auf deine Musik und deine Karriere konzentrieren, musst alles andere hinter dir lassen. Ich kann nur sagen: Manchen gelingt das, manchen gelingt es nicht. Und nur die Leute, mit denen du angefangen hast und die zu dir stehen, können dir dabei helfen.

SZ: Im Film lernt man Sie als eine Art natürlichen Anführer kennen. Sie halten ihre Crew zusammen, behalten einen kühlen Kopf, ziehen die anderen mit ...

50 Cent: Ja, so ist das wohl. Ich bin immer noch der Anführer meiner musikalischen Crew, der G-Unit. Das sind Jungs, die ich teilweise schon ewig kenne, wie Tony Yayo oder Lloyd Banks. Ich habe sie mitgezogen, sie haben inzwischen selbst Platten für Millionen Dollars verkauft, und eigentlich habe ich ihnen nichts mehr zu sagen. Aber irgendwie haben sie sich wohl daran gewöhnt, dass ich vorangehe. Mir ist es recht. Es gibt so viele neue Geschäftsfelder zu erobern - ich weiß es zu schätzen, dass ich jetzt mit den Großen am Tisch sitze und über Millionendeals rede. Der Weg dorthin war weit, ich werde meine Hausaufgaben gemacht haben, an jedem verdammten Tag, an dem ich das Spiel spiele. Das Risiko ist groß, aber die Chancen sind größer.

SZ: Das hat sicher auch Eminem gesagt, als er Sie unter Vertrag nahm.

50 Cent: Nein, ich glaube nicht. Er wusste nicht so genau, was auf ihn zukommt, er hat sich nur für die Musik interessiert - das ist das Coole an ihm. In New York wollte mir keiner einen Plattenvertrag geben, weil sie die Leute kannten, die in meinen Texten vorkamen, und die Hosen gestrichen voll hatten. Eminem kommt aus Detroit, er kannte die Lage nicht, er fand die Tracks einfach gut. Also nahm er mich unter Vertrag und spornte mich an, neues Material zu liefern. Das Material war nie ein Problem für mich - das Problem waren immer nur die Fehden, die Schießereien, der ganze Mist aus meiner Vergangenheit. Als dann eine Scheiße nach der anderen passiert ist, hat er zu mir gehalten und gesagt: Konzentrieren wir uns auf die Musik und vergessen den Rest. Das haben wir getan: Was man nicht kontrollieren kann, muss man verdrängen. Angst bringt mir nichts. Aber wer durchhält und sich nicht beirren lässt, kann in dieser Welt unglaubliche Belohnungen kassieren. Eminem hat, wie jeder weiß, inzwischen ein Heidengeld mit mir gemacht - aber wenn es einer verdient hat, dann er.

Interview: Tobias Kniebe