Buch: "Drecksbagage" Eindeutiges Ja zum Nein

Tief in den gesellschaftlichen Sumpf gestoßen: Gerhard Polt poltert in "Drecksbagage" über Gott und die vornehmlich bayerische Welt.

Von Thomas Thieringer

"Wenn der Kormoran sich an keine Vereinbarung hält, dann sage ich heute: Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen." Starker Tobak. Aber Satire darf alles, und wenn sie besonders scharfsichtig ist, schlägt sie verbal schon auf das ein, was sich erst zusammenbraut.

Polternder Polt.

(Foto: Foto: ddp)

Dass Gerhard Polt dafür ein ganz besonderes Gespür hat, zeigt er erneut in dem neuen, schmalen Büchlein mit dem krassen Titel "Drecksbagage". Darin hat er 14 Texte versammelt, eben auch den, der mit "Der Kormoran" überschrieben ist. Da liefert er auf seine unnachahmliche Art einen Kommentar zu dem wieder ganz frisch aufgebrochenen Streit um den Kormoran, den bayerische Vogelschützer und Fischereivereine gegeneinander führen.

Alle "Anwürfe, Unterstellungen, aber auch Ehrabschneidungen", so der Untertitel des Bandes, sind Monologe in Polts bewährter Manier: Der Leser wird ohne viel Federlesen tief in den gesellschaftlichen Sumpf gestoßen. Die Mannsbilder, die auf den knapp 120 Seiten über Gott oder die Welt schwadronieren, sind von der Richtigkeit ihrer Lebenseinstellung und der sie stützenden Argumente beseelt: Polt spielt sie auf der Bühne in sarkastisch kräftiger Überzeichnung, als Männer, die sich im Drang zum Bier am eigenen Redeschwall ergötzen - als bajuwarisierte Dix- und Deix-Nummern!

Im Büchlein sind die Monologe unschwer pfiffigen Vertretern Bayerns zu zuordnen, denn zwischen die 14 Szenen sind Zeichnungen Reiner Zimniks gestreut, die einen im Trachtenjanker äußerlich als harmlos charakterisierten Zeitgenossen zeigen - mit einem gläsernen Maßkrug in der Hand: Ein Mensch, "fast wia im richtigen Leben" - so hieß vor Jahren eine Satiren-Reihe mit Gerhard Polt im Bayerischen Fernsehen. Im Buch heute wie in den Spielszenen damals werden Gratwanderung unternommen zwischen peinigender Alltäglichkeit und sich dahinter verbergenden menschlichen Abgründen.

Man lacht über die Banalität des Bösen, darüber, dass das ewig Gestrige, das Grantige so ungeniert auf die allgemeine Zustimmung baut. In Polts Satiren entlarvt sich der Mensch immer dann, wenn er meint, schlau den allgemeinen Konsens zu suchen.

Lieblingsschweinshaxen

Der markigen Einsicht etwa, dass eine positive Einstellung doch größere Lebensqualität bedeute, folgt umgehend die Anwendung: Man möge doch, bitte, "eindeutig Ja zum Nein zu Europa" sagen. Und dann stürzt sich der Poltsche Mann in eine wundersam vertrackte Aufarbeitung der europäischen (Schlachten-) Geschichte. Da es nun fast schon ein einiges Europa gäbe, wären doch alle, die sich früher bekriegten, immerzu an gemeinsamen Sieggedenkfeiern beteiligt. Dieser Logik folgend schließt der Mann: "Europäisch betrachtet, haben wir Deutschen in dieser Normandie doch gemeinsam mit den Alliierten die Nazis besiegt, oder?"

Das Kriegsgeschrei übrigens geht diesen Mannen leicht über die Lippen. Im Fall des Vogelschutzes am Beispiel des Kormoran argumentiert der Vertreter der Fischereivereine, dass mit den Bildern vom Irakkrieg im Fernsehen nur ablenkt werden soll von dem "Gemetzel", das die Kormorane am Chiemsee anrichten. Polt schärft heftig an, was unter seinem eigentlich ja wohlwollend gestimmten Blick in die gemeine (bayerische) Volksseele auffällig wird.

So erinnert er wie nebenbei in einer Nummer über einen schrulligen "CSU-Sammler" (der stolzer Besitzer des "Knochens von der Lieblingsschweinshaxen vom Franz Josef Strauß" ist) an einige der größten Skandale in dieser als staatstragend einzustufenden Partei. So hat er, obwohl da eigentlich nichts zum Lachen ist, dennoch wieder die Lacher auf seiner Seite.

Gerhard Polts System der indirekten Attacke funktioniert prächtig. Am schönsten in der Beschreibung der Karriere Bertis, dem es von Kindesbeinen an vor nix gegraust hat, der sich so ganz nach oben arbeitete und, 2,4 Promille im Blut, mit seinem Luxusauto im Straßengraben endete: Anlass, seine "Genie"-Taten zu rekapitulieren. Damit ist alles gesagt. Auf dem letzten der 14 Zimnik-Bilder steht der leere Bierkrug auf einem Wirtshausstuhl - der philosophierende Trinker ist weg. Der Rest ist Schweigen.

GERHARD POLT: Drecksbagage. Mit Illustrationen von Reiner Zimnik. Verlag Kein & Aber, Zürich 2008. 120 Seiten, 12,90 Euro