Brigitte Hobmeier "Man muss die Hosen runterlassen"

Derbes Bairisch ist im "Räuber Kneißl" zu hören, dem neuen Film mit Schauspielerin Brigitte Hobmeier. Die Münchnerin über ihre Heimat und Eigensinn.

Interview: G. Herpell

Brigitte Hobmeier, ganz in Schwarz gekleidet, dazu Sonnenhut und Sonnenbrille, kommt mit dem Fahrrad ins Münchner Lenbachhaus. Die Schauspielerin, die Christian Stückl vom Volkstheater als "Theaterviech" bezeichnet, lacht viel, laut und unbändig, nimmt sich Zeit für ihre Antworten und spricht Hochdeutsch mit nur ganz leichtem bairischen Einschlag. Im neuen Film von Marcus H. Rosenmüller hingegen, dem "Räuber Kneißl", ist das Bairisch ihrer Mathilde, die einem fast das Herz bricht, derb wie das eines Pferdekutschers. Weil es so heiß ist, bestellt sie das Getränk, das man diesen Sommer trinkt: Hollersirup mit Sprudel und Minzeblatt.

Süddeutsche Zeitung: Frau Hobmeier, ich hoffe, Sie verzeihen mir meine erste Frage.

Brigitte Hobmeier: Da bin ich mal gespannt.

SZ: Okay: Sie sehen ungewöhnlich aus. Mit Ihren langen roten Locken, dem blassen Teint, dem Herzchenmund erinnern Sie an ein Schönheitsideal vergangener Epochen. Hat Ihr Gesicht Sie dazu verführt, Theaterschauspielerin zu werden?

Hobmeier: Ich habe mir über mein Aussehen ganz lang keine Gedanken gemacht. Aber vielleicht haben sie mich an der Schauspielschule genommen, weil ich so aussehe. Muss ich mal nachfragen.

SZ: Sprechen Sie nicht gern über Ihr Aussehen?

Hobmeier: Nein. Wissen Sie, einer sagt, du siehst so bodenständig aus, dann sagt ein anderer, du siehst so blass und elegisch aus - das sind Register, die kann ich mir nur anhören. Ich will mich nicht damit verbinden, das widerspricht ja jeglichem Eigensinn. Eine Kollegin hat einmal zu mir gesagt: Du hast es leicht - jedes Haus braucht mindestens eine Rothaarige. Und ich weiß, dass wir Schauspielerinnen natürlich über das Aussehen ausgesucht werden; dass wir Damen, anders als die männlichen Schauspieler, erst in zweiter Linie über unser Können definiert werden. Aber ich will gar nicht akzeptieren, dass meine Arbeit so sehr von Jugend und Schönheit abhängt.

SZ: Eigensinn gilt als sehr bayerische Tugend. "Wenn man ihn zu sehr bevormundet, regt sich beim Bayern der Widerspruchsgeist", heißt es im Presseheft vom "Räuber Kneißl", in dem Sie die weibliche Hauptrolle spielen. Dabei bevormundet der Bayer wie kein anderer.

Hobmeier: Ja?

SZ: Wenn man mit dem Fahrrad über den Viktualienmarkt fährt, wird man am Gepäckträger festgehalten und beschimpft.

Hobmeier: Das haben Sie sich getraut? Sind Sie lebensmüde? Solche Szenen kenne ich natürlich auch. Als ich zurückkam aus dem Ruhrgebiet, bin ich auf der Rolltreppe linker Hand gestanden und nicht rechter Hand. Ich glaube, die ganze Rolltreppe hat mich ausgeschimpft. Da habe ich mir zu Hause ein paar saftige Kraftausdrücke zurechtgelegt, die ich beim nächsten Mal zurückplärren wollte. Denn ich kann meistens doch lauter und bösartiger bairisch sprechen als die anderen. Probieren Sie das doch mal.

SZ: Das würde peinlich, ich bin nicht aus Bayern. Im "Räuber Kneißl" wird übrigens so derb Bairisch gesprochen, dass der Film für Menschen wie mich eine Herausforderung ist.

Hobmeier: Ist das so derb? Ich habe schon gehört, dass der bayerische Film jetzt - kaum dass es ihn wieder gibt - schon kritisiert wird. Aber der Kneißl muss doch Dialekt sprechen, alles andere wäre unglaubwürdig. Ein Amerikaner bekommt einen Oscar dafür, dass er einen Typen aus Ohio so detailgenau zu verkörpern vermag. Das ist doch nur konsequent vom Rosenmüller.

SZ: Schön eigensinnig halt, oder? Sind Sie von Herzen Bayerin?

Hobmeier: Hm.

SZ: Was mögen Sie an Bayern?

Hobmeier: Meine Familie, meine Sprache. Der Boden hier tut mir gut. Unsere Landschaften mag ich, bei denen ich mir manchmal denke, verdammt, wer hat das verdient, hier zu leben - im Chiemgau zum Beispiel. Das Grantige mag ich, das Treue. Das Obrigkeitshörige nicht, das Leidenschaftliche schon. Das kann in Bayern alles nebeneinanderstehen. Mein Lebensgefährte kommt aus München, und als ich den mal mitgenommen habe nach Niederbayern in mein Dorf, da hat er danach gesagt, jetzt sei er zum ersten Mal in seinem Leben diskriminiert worden. In Niederbayern. Als Münchner!

SZ: Warum Niederbayern? Sie kommen doch aus Ismaning bei München.

Hobmeier: Meine Eltern leben in Ismaning, aber sie stammen aus einem klitzekleinen Dorf in Niederbayern in der Nähe von Vilsbiburg. Es fällt mir schwer, so darüber zu reden, weil ich das eigentlich überhaupt nicht mag: Wir sind so und ihr seid so. Aber dieser Ausspruch meines Mannes hat mir schon zu denken gegeben.

SZ: Herbert Achternbusch hat mal über Bayern gesagt: Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe, bis man ihr das anmerkt.

Hobmeier: Toller Satz. Super, wunderschön, ich kann keinen klügeren Satz darunter schreiben - das ist gemein.

SZ: Vor sechs Jahren mussten Sie eine große Karriere-Entscheidung treffen: das Düsseldorfer Schauspielhaus oder das Volkstheater in München. Sie haben sich für die Heimat entschieden.

Hobmeier: Da habe ich mich ganz auf mein Herz verlassen. Ich hatte das Bedürfnis nach Hause zu gehen, auszuschnaufen. Ich hatte sechs Jahre aus dem Koffer gelebt, war dauernd umgezogen, vom Ruhrgebiet nach Hannover, nach Berlin, nach Wien, und wieder zurück ins Ruhrgebiet. Ich war einfach ein bisschen verloren und wollte nach Hause.

SZ: Sie stammen aus einer Arbeiterfamilie, und die Schauspielerei ist in den Augen hart arbeitender Menschen meistens ein halbseidener Beruf.

Hobmeier: Für mich war es natürlich völlig absurd zu denken, ich würde eines Tages Schauspielerin werden. Ich war in der Theater-AG in der Schule und wir haben "Andorra" gespielt, wie an jeder Schule. Da kam eine Lehrerin zu mir und fragte, ob ich das beruflich machen wollte. Ob ich an eine Schauspielschule gehen wollte. Und ich sagte: nein, das geht nicht. Der Beruf ist zum Brotverdienen da, kann nicht Selbstverwirklichung sein. Die findet im Hobby statt, in der Freizeit, aber nicht in der Arbeit. Ich wusste nicht, dass etwas, das mir so gut gefällt, meine Arbeit sein könnte. Aber vielleicht hat diese Lehrerin in mir ausgelöst, dass ich später den Gedanken an die Schauspielerei zugelassen habe. Dass die Unfähigkeit, diesen Gedanken überhaupt zu denken, aufgehört hat.

SZ: Und nun? Fühlt es sich seltsam an, Schauspielerin zu sein? Eine Kollegin von Ihnen sagte mal: Wer die ersten fünf Jahre überlebt, der ist Schauspieler.

Hobmeier: Die ersten fünf Jahre? Ah - die habe ich hinter mir! Wieder so ein kluger Satz. Ja, man glaubt erst kaum, dass man diesen Beruf jetzt einfach ausüben darf. Eine verzweifelte, angstgeplagte Mutter kam mal nach einer Vorstellung auf mich zu und sagte, ihre Tochter würde Schauspielerin werden wollen und wie man das schaffen könnte. Ich kannte die Tochter natürlich gar nicht. Wie sollte ich antworten? Aber ich konnte ihre Sorgen verstehen, dachte an die Hochs und Tiefs, an die ganzen Unsicherheiten: Wird man verlängert oder nicht, kommt ein neuer Intendant, was passiert dann? Kommt ein Film oder nicht? Das geht an die Nerven, das muss man schon aushalten können.

SZ: Sind Sie ehrgeizig?

Hobmeier: Ich könnte nicht unvorbereitet oder mit halber Kraft in eine Arbeit hineingehen. Ich fände das fahrlässig und nicht meiner Aufgabe entsprechend. Wenn das Ehrgeiz ist?

SZ: Das klingt eher nach Disziplin.

Hobmeier: Wenn ich sage: Ich will so gut sein wie möglich, und ich muss diszipliniert sein, um das zu erreichen, dann kommt schon mal: Ach, ist die ehrgeizig! Aber ich kann nicht halb spielen.

SZ: Kann man in der Schauspielerei fortlaufend besser werden? So wie im Tennis? Im Tennis klettert man die Weltrangliste immer weiter hoch.

Hobmeier: Aber dann geht es wieder runter - und nicht mehr hoch. Das ist in der Schauspielerei anders. Wenn wir alle mit den Jahren immer besser werden würden, hätten wir ja eine unglaubliche Theaterlandschaft! Nein, da muss man Scham überwinden, da muss man alle möglichen Peinlichkeiten überwinden, da muss man die Hose runterlassen, und das wird mit dem Alter vielleicht nicht leichter. Da kann man sich auf nichts ausruhen, egal, ob man 20 ist oder 50. Jetzt sage ich mal einen klugen Satz, den habe ich in einem Interview mit Sepp Bierbichler gelesen. Er sagt, er müsse jedes Mal ganz von vorn anfangen, er würde nur mittlerweile vielleicht weniger Umwege gehen. Das hat mich zutiefst erleichtert. Gott sei Dank fängt der auch immer wieder von vorne an.

SZ: Wenn man eine Rolle spielt, die schon tausendmal gespielt wurde, kann man sich vergleichen, wird man verglichen. Ist das hinderlich oder spornt das zu Höchstleistungen an?

Hobmeier: Ich finde das ganz wunderbar. Ich mag es auch, dass hier in München Stücke manchmal parallel an drei Häusern gespielt werden. Man merkt, wie jede Rolle durch einen anderen Schauspieler und einen anderen Regisseur völlig verändert wird. Sichtweisen, die der eine hat, fallen dem anderen gar nicht ein. Ich schaue mir die anderen immer gerne an. Es ist für mich sehr bereichernd, jemandem beim Arbeiten zuzusehen. Ich lerne daraus.

SZ: Und worauf achten Sie?

Hobmeier: Als ich bei Peter Stein mein erstes Engagement hatte, saß ich immer da mit meinem Reclam-Faust und habe mir Striche rein gemacht: Wo Bruno Ganz betont, wie er einen Satz zieht, wie er den Faust spielt. So habe ich versucht, ihm draufzukommen. Aber des Pudels Kern, den Zauber, konnte ich mit meinen Strichen nicht herauskritzeln.

SZ: Also das Handwerk als Basis?

Hobmeier: Ja - und dann beginnt die eigentliche Arbeit.

SZ: Sie sind vor zwei Jahren vom Volkstheater, wo Sie viele Hauptrollen spielten, zu den Kammerspielen gegangen. Tschechows "Kirschgarten" war Ihr erstes Stück, und Sie spielten Nina, zu der Tschechow anmerkte: Sie ist eine so unwichtige Figur, mir ist ganz egal, wer sie spielt.

Hobmeier: Das war gemein von dem Kerl. Damit hat er es mir nicht leichtgemacht. Aber natürlich brauchte er seine Nina, sonst hätte er sie nicht reingeschrieben. Auf jeden Fall habe ich die Pflicht, demütig meiner Arbeit zu begegnen. Und es ist falsch zu denken, eine kleine Rolle wäre unwichtig. Ich wage fast zu behaupten, nachdem ich große und kleine Rollen gespielt habe, dass es leichter ist, große Rollen zu spielen als kleine. Es ist schwer, überhaupt einen Fuß auf den Boden zu kriegen bei kleinen Rollen.

SZ: Weil man sich selbst die Beachtung verschaffen muss?

Hobmeier: Ja, die Beachtung, die einer Hauptfigur selbstverständlich gegeben ist - vom Autor, vom Regisseur und vom Publikum. Und da dachte ich mir, na, dann muss ich diese kleine Nina ernst nehmen.

SZ: Gibt es Figuren, die einem nahezu das Herz brechen?

Hobmeier: Ganz viele. Wenn sie Schlachten mit dem Leben auszufechten haben, jede!

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Hobmeier mit Live-Pannen im Theater umgeht.