Doppelter Ego-Trip: Wenn Martin Scorseses Rolling-Stones-Film so öde sein sollte wie seine letzten Band-Porträts, dann sind schnarchende Stunden garantiert. Eine nüchterne Mutmaßung über den Berlinale-Eröffnungsfilm.
Godzilla versus Spacegodzilla oder gegen Sauriermutanten oder gleich gegen eine Höllenbrut oder Teufelsmonster: Wenn ein Fabelwesen erfolgreich ist, so scheint eine alte Kinoregel zu lauten, dann sind zwei oder drei oder ganz viele Fabelwesen noch erfolgreicher.
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Volle Kontrolle: Die Stones behielten beim Dreh die Fäden in der Hand. (© Foto: AP)
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Jetzt hat die große Leinwand wieder zwei unkaputtbare Monster für uns parat, die gemeinsam durch die Multiplex-Paläste des Planeten stapfen sollen: Martin Scorsese, Regisseur von "Good Fellas" oder "Casino", und Mick Jagger, Mastermind der Rolling Stones. Ihre Zusammenarbeit "Shine a Light" ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale. Noch Fragen? Scorsese, größter Regisseur westlich des Himalaja? Die Stones, beste Band der Welt?
Machen wir uns einen Song daraus. Das eben Gelesene war das Intro. Jetzt die erste Strophe (im Hintergrund wird primitivistisch getrommelt, und Falsettstimmen seufzen "huuh-huuuh"): Die Stones kokettieren seit Beginn ihrer Karriere im schwingenden London der sechziger Jahre mit dem Kino, denn die Kamera liebt die lechzenden Lippen des Sängers, seine unkontrolliert scheinenden Zuckungen, sie liebt den Blick ins Gesicht des dandyesken Brian Jones und auf das rotzlöffelhafte Gitarrengeflegel von Keith Richards.
Wo die Beatles auf Richard Lester und Klamauk und Unterhaltung für die ganze Familie setzen, halten sich Jagger, Richards und Jones aber an experimentelle Filmemacher wie Peter Whitehead, Jean-Luc Godard und schließlich gar Kenneth Anger. Mit "Rock and Roll Circus" wird auf eigene Rechnung ein Spektakel abgefilmt, das erst 2004 als DVD erscheint. Jagger erwägt gar eine ernsthafte Schauspielkarriere und riskiert seine Lippen in den Filmen "Ned Kelly" und "Performance" - mit eher mattem Erfolg. Eine Zusammenarbeit mit Werner Herzog wird abgebrochen.
Scorsese langweilt in den Schlaf
"Gimme Shelter", der dokumentarische Film zur ebenso erfolgreichen wie desaströsen Amerika-Tournee von 1969, setzt schließlich Maßstäbe für alle anderen Rockkonzertfilme nach ihm: Mit schmerzhafter Unmittelbarkeit tauchen die Bilder ein in eine nach dem Woodstock-Spektakel enthemmte neue Welt aus Drogen, Gewalt und lauter Musik bis hin zur gefilmten Ermordung des Konzertbesuchers Meredith Hunter durch die mit Ordnungsdiensten beauftragten Hells Angels. Man ist verkommen und steht dazu, scheint die Botschaft zu sein. Danach folgt eine schier endlose Reihe von abgefilmten Konzerten und Videos, die in den unterschiedlichsten Kombinationen als DVD erhältlich sind. Refrain und wieder: huuh-huuuh.
Zweite Strophe: Rockmusik geistert durch Martin Scorseses Filme wie Filmzitate durch die Texte ungezählter Popsongs. Robbie Robertson, Neil Young und Peter Gabriel haben für Scorsese Filmmusiken geschrieben, und seine Zusammenarbeit mit Bernard Herrmann in "Taxi Driver" hat ausgestrahlt weit in die Popmusik hinein.
Doch Scorseses eigentlicher Ruhm als Musikfilmer beginnt 1977 mit "The Last Waltz", dem konzertanten Abschiedsgeschenk von The Band an ihre Fans: Mit der schlichten Abfolge von kulinarisch abgefilmten Auftritten berühmter Musiker, im Endeffekt wenig aufschlussreichen Gesprächsfetzen und fake-dokumentarischen Bildern als Trennmaterial schafft er die Blaupause für den Musikfilm, wie er seit drei Jahrzehnten das Publikum in Spätvorstellungen auf der ganzen Welt in den Schlaf langweilt. Scorsese selbst ist in Musikfilmen seiner einfachen Bilderstrickweise derart verfallen, dass seine Blues-Dokumentation oder das von der Kritik hochgejubelte Dylan-Stück "No Direction Home" von 2005 in seiner ganzen über dreistündigen Einfalt jede durchschnittliche ARD-Doku als Experimentalfilm erstrahlen lässt.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Autor seine pessimistische Sicht auf das Stones-Porträt begründet.
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Ein sehr guter Beitrag, der sich gegen die Strukturen stellt, die hinter der beschriebenen Dokumentation (zu) stehen (scheinen)... Um die Art & Weise, auf die ein "Produkt" zustande kommt, zu kritisieren, muss man in der Tat das Produkt selbst nicht kennen, insofern liegen Sie, sikkaby, mit Ihrem Kommentar falsch.
Ich persönlich bin ein großer Bewunderer der Arbeit von Martin Scorsese, kann mir aber genau deshalb beim besten Willen nicht erklären, aus welchem (küntlerischen) Antrieb er eine Doku über die unprogressivste, langweiligste Band der Welt hätte drehen wollen... Der Artikel hat mir eine -zugebenermaßen einfache- und einleuchtende Antwort darauf gegeben...
Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde: Einen Verriss zu schreiben über einen Film, den man noch nicht gesehen hat, oder ihn zu veröffentlichen. Beides hat für mich relativ wenig mit Seriosität, geschweige denn mit seriösem Journalismus zu tun. Bin ziemlich enttäuscht von meiner bisherigen Lieblingszeitung, sorry ...