Von Anke Sterneborg

Dieter Kosslick, Sonnyboy und Chef der Berlinale, spricht über Filminhalte, die Qualität deutscher Wettbewerbsbeiträge und die Zukunft des berühmten Festivals.

Dieter Kosslick ist der Sonnyboy unter den großen Festivaldirektoren, ein Mann, der zu jedem Showeffekt bereit ist. Das macht seinen Erfolg aus, egal, wo er sich betätigt, als Büroleiter des Bürgermeisters in Hamburg, in der Filmstiftung NRW, nun, als Berlinale-Chef, auch im sechsten Jahr weiter auf Erfolgskurs.

Kosslick Berlinale

Vom deutschen Film überzeugt: Dieter Kosslick. (© Foto: afp)

Anzeige

SZ: Alle wollen offensichtlich nun auf die Berlinale ... In diesem Jahr gab es mehr Einreichungen denn je. Warum?

Dieter Kosslick: Wir hatten allein über 1000 Einreichungen für den Wettbewerb, was dann schon zu einem organisatorischen Albtraum wird. Das hat sicher damit zu tun, dass es ein größeres Vertrauen in die Berlinale gibt, aber auch mit dem expandierenden Markt: Etwa 75 Prozent der dort eingereichten Filme sind Weltpremieren und kommen damit auch für den Wettbewerb in Frage - manch einer hofft vielleicht, sich die Marktvorführung zu sparen ...

SZ: Im Kino gibt es eine wachsende Tendenz zur Politisierung, ist das auch im Wettbewerb zu spüren?

Dieter Kosslick: Das ist nach wie vor so - aber es geht jetzt weniger um die schmutzigen Systeme, wie in klassischen politischen Filmen à la ,,Syriana'' oder ,,Road to Guantanamo''. Stattdessen wird verstärkt aus der Perspektive der Menschen erzählt, die unter dem Krieg, der Globalisierung, den wirtschaftlichen Problemen, dem Fallen von Grenzen leiden. Grausam kann man das bei Clint Eastwood sehen, in der doppelten Perspektive seiner Pazifikkriegs-Filme ,,Flags of our Fathers'' und ,,Letters from Iwo Jima'': Wie auch im israelischen Beitrag ,,Beaufort'' von Joseph Cedar geht es darum, wie sich der Krieg auf die Soldaten auswirkt und nicht, ob die ,,gute'' oder die ,,böse'' Seite gewinnt.

SZ: Sie kommen aus der Politik, inwieweit machen Sie auch mit dem Programm der Berlinale Politik?

Dieter Kosslick: Jeder Mensch, der etwas auswählt, muss eine Haltung haben. Wie es dem einzelnen Menschen in dieser Welt geht, ist für mich ein wichtiges Thema. Da sehe ich mich in der Tradition der Berlinale, die unter ihren unterschiedlichen Direktoren seit 1951 immer politisch war, auch wenn ich es heute nicht mehr mit der Mauer oder verbotenen Filmen aus dem Osten zu tun habe.

SZ: Der letzte Jahrgang des deutschen Kinos war außerordentlich stark. Hält sich das Niveau und die Vielfalt?

Dieter Kosslick: Auch wenn wir rein mengenmäßig im Wettbewerb nicht ganz so stark vertreten sind, kann der deutsche Film qualitativ in jedem Fall mithalten. Er ist in allen Sektionen, insbesondere im Forum sehr stark präsent. Und wenn man die großartigen Filme der Perspektive Deutsches Kino sieht, dann ist die Zukunft für den deutschen Film auf der Berlinale in den nächsten Jahren gesichert. Ein bisschen bin ich auch erleichtert, dass wir mit zwei Wettbewerbsbeiträgen jetzt in die Normalphase eintreten. Über 60 deutsche Filme laufen hier insgesamt.

SZ: Auf manchen Festivals wird mit dem Eröffnungsfilm ein nationales Zeichen gesetzt - scheuen Sie davor zurück?

Dieter Kosslick: Weil wir mit einem französischen Film eröffnen? Für mich ist ,,La vie en rose'' der ideale Eröffnungsfilm. Edith Piaf repräsentiert das alte Europa, und zugleich hat sie eine internationale Dimension. Das ist endlich die europäische Antwort auf den anderen großartigen Eröffnungsfilm ,,Chicago''. Bei der Eröffnung im Berlinale-Palast werden alle entweder mitsingen oder mitheulen.

SZ: Haben Sie sich im Laufe des vergangenen Jahres nicht bisweilen geärgert, dass Sie sich ,,Das Leben der Anderen'' durch die Lappen gehen ließen - immerhin der europäische Film des Jahres?

Dieter Kosslick: Geärgert hat mich eher, dass es immer heißt, der Kosslick hat den besten deutschen Film verpasst. So war es ja nicht. Wir hatten vier Filme im Wettbewerb, ein fünfter kam nicht in Frage. Wir hätten einen ersetzen können, aber ich finde nach wie vor, dass das eine großartige Auswahl war, auch wenn wir jetzt im Nachhinein sicher als die größeren Helden dastehen würden. Wir hätten ihn gerne im Panorama gezeigt, aber ich konnte verstehen, dass sie das abgelehnt haben. Schade ist es natürlich jetzt schon. Das hätte sich in der Geschichte der letzten fünf Jahre gut gemacht. Jetzt drücken wir die Daumen.

SZ: Mit welchen Tricks haben Sie Téchiné und Rivette nach Berlin gelockt?

Dieter Kosslick: In diesem Jahr standen uns erstaunlich viele Filme aus Frankreich zur Verfügung, da hat es nur eines sehr kleinen Tricks bedurft, den ich aber nicht verraten kann. Die Franzosen haben wohl in den letzten Jahren gesehen, dass sie hier sehr gut aufgehoben sind. Sicher hat es auch mit der Internationalisierung der World Sales Companies zu tun, die sehr viel präziseren Einfluss auf die Festivalauftritte nehmen und in ihren Entscheidungen Unternehmensstrategien folgen. Das wiederum ist auch im Zusammenhang mit dem immer wichtiger werdenden Filmmarkt zu sehen, der noch größer ist als im vergangenen Jahr.

Lesen Sie auf der nächsten Seite was Kosslick über die Zukunft der Berlinale sagt.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Tricks und Sinnlichkeit
  2. Tricks und Sinnlichkeit
Leser empfehlen