Benefizkonzert in Berlin "Es gibt keine Partitur für den Nahen Osten"

Musizieren in Zeiten des Krieges - Daniel Barenboim, Dirigent des israelisch-arabischen Orchesters, im Gespräch mit Sonja Zekri

Barenboim betritt eine Nicht-Raucher-Suite im Kölner Hotel Maritim und zündet sich als Erstes eine Zigarre an. Er ist müde und hat Kopfschmerzen, er kommt gerade aus Paris, am Abend spielt er in Köln und dies mit einem Orchester, das noch nie so unter Druck stand wie jetzt: mit dem israelisch-arabischen "West-Eastern Divan Orchestra". Am Sonntag geben die Musiker aus Jordanien, Ägypten, Israel und Palästina in Berlin ein Benefizkonzert. Ein Gespräch über Musik in Zeiten des Krieges.

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Daniel Barenboim dirigiert das israelisch-arabische Orchester in Istanbul

(Foto: Foto: AP)

SZ: Die ersten Bomben im Libanon fielen kurz vor Probenbeginn.

Barenboim: Ja. Daraufhin versuchten die libanesischen Musiker, einen Konsens als Gruppe zu finden. Logistisch hätten sie kommen können, haben sich aber dagegen entschieden. Ob sie von ihrer Regierung beeinflusst wurden, weiß ich nicht. Aus Solidarität blieben auch die Syrer fort. Also fehlten 13 Musiker.

SZ: Das Orchester hat eine Erklärung zum Krieg abgegeben.

Barenboim: Der Krieg steht allem entgegen, woran wir glauben. Deswegen konnten wir nicht schweigen. Die Erklärung hält fest, dass es keine militärische Lösung geben kann. Außerdem haben wir die Grausamkeit des Krieges auf beiden Seiten kritisiert. Bis auf sechs Musiker haben alle 97 unterschrieben.

SZ: Sie haben erst ein Konzert in der arabischen Welt gegeben, in Ramallah.

Barenboim: Nach dem Konzert in Ramallah, hatten wir geplant, in diesem Jahr in Gaza zu spielen. Damals schien das möglich, aber nach dem Wahlsieg der Hamas nicht mehr. Dann wollten wir in Kairo spielen. Unsere Mitarbeiter sind sogar hingeflogen, um die Akustik bei den Pyramiden zu prüfen. Dann wurde es abgesagt - wegen der angespannten Sicherheitslage.

SZ: Folgt denn nun ein Auftritt in Beirut?

Barenboim: Das möchten wir im nächsten Jahr. Es gibt zwar noch keine konkreten Pläne, aber wir sind im Gespräch.

SZ: Sie haben nie in Israel gespielt.

Barenboim: Das wird später kommen. Die Israelis hätten nichts dagegen. Aber die Libanesen und Syrer würden nicht mitmachen. Eigentlich dürften die Syrer nicht mal mit Israelis außerhalb Israels spielen, aber darüber sieht man hinweg.

SZ: Verglichen mit diesen Spannungen scheint das Konzert in Ramallah im vergangenen Jahr fast harmlos .

Barenboim: Das Konzert in Ramallah war ein Statement der Solidarität mit den Palästinensern. Glauben Sie, darüber war jeder israelische Musiker glücklich? Und es gab Stimmen unter den Paläs-tinensern, die gesagt haben, wie können wir hier zusammen musizieren, wenn israelische Panzer vor Ramallah stehen?

SZ: Wie waren die Proben während des Krieges?

Barenboim: Das hat das Musizieren nicht beeinträchtigt.

SZ: Schwer zu glauben.

Barenboim: Das ist der Zauber der Musik. Sie ist gleichzeitig ein Instrument, um die Welt zu vergessen und um sie zu verstehen. Natürlich war dieser Krieg die größte Prüfung für das Orchester. Andererseits: Ohne den Konflikt wäre es ja gar nicht notwendig. Das Orchester bringt keinen Frieden, aber es bietet ein Forum. Warum können israelische und palästinensische Musiker zusammen musizieren, aber nicht zusammen leben?

Weil die Realität keine Partitur hat. In der Musik muss man sich ausdrücken - und zugleich aufeinander hören. Alle diese Gesetze gelten nicht in der Realität, aber bei uns: Wir sind eine eigene kleine Republik. Wir haben auf dieser Reise zum Beispiel Wagner gespielt, Vorspiel und Liebestod aus "Tristan und Isolde". Ein israelisches Orchester würde nie wagen, außerhalb Israels Wagner zu spielen, aber wir können es. Und es waren die Israelis, die Wagner spielen wollten.

SZ: Wo reicht die Wirkung über Ihre kleine Republik hinaus?

Barenboim: Einer unserer Musiker ist bei den Berliner Philharmonikern, der andere bei den Israelischen Philharmonikern, ein Ägypter ist Konzertmeister der Cairo Opera, sechs sind beim Damascus Symphony Orchestra. Wenn man die musikalische Wirkung auf die Region betrachtet, ist es sehr erfolgreich.

SZ: Wenn man das Orchester als Symbol, vielleicht sogar als Modell betrachtet: Bedeutet die neue Zuspitzung nicht, dass es gescheitert ist - an der Unveränderbarkeit dieses Konfliktes?

Barenboim: Ich glaube nicht, dass der Konflikt unveränderbar ist. Das kann ich nicht, denn es wäre Selbstmord für alle. Unsere ursprüngliche Idee für dieses Projekt bestand ja in zwei Überlegungen: Dass es keine militärische Lösung des Konfliktes gibt und dass das Schicksal von Palästinensern und Israelis untrennbar miteinander verbunden ist. Wenn sie beides akzeptieren, muss es irgendwann zu einer Lösung kommen.

SZ: Aber sie akzeptieren es ja nicht.

Barenboim: Nein, das ist die Tragik.