Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja Im Deutschen noch minderjährig

Klug, eindringlich, beinahe leichthändig erzählt Katja Petrowskaja von der Erschießung ihrer jüdischen Urgroßmutter 1941 in Kiew - und gewinnt damit den Ingeborg-Bachmann-Preis. Über sich selbst spricht die Ukrainerin ungern. Sie sei nicht interessant genug.

Von Jens Bisky

"Bleibt ein Ort derselbe Ort, wenn man an diesem Ort mordet, verscharrt, sprengt, aushebt, verbrennt, mahlt, streut, schweigt, bepflanzt, lügt, Müll ablagert, flutet, ausbetoniert, wieder schweigt, absperrt, Tausende verhaftet, später zehn Mahnmale errichtet, der eigenen Opfer einmal pro Jahr gedenkt oder meint, man habe damit nichts zu tun?". Mit dieser Frage begann Katja Petrowskaja 2011 ihre Reportage "Spaziergang in Babij Jar".

In der "Weiberschlucht" bei Kiew hatten Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Menschen umgebracht. Siebzig Jahre danach erinnerte sich Petrowskaja, wie sie mit ihren Eltern an den Ort gefahren war, und dass sie damals nicht wusste, ob dieser Ort etwas mit ihrer Familie zu tun habe.

Mit einem Auszug aus ihrem Roman "Vielleicht Esther" hat Katja Petrowskaja am Sonntag den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Der Text, den sie vorlas, erzählt klug, eindringlich und beinahe leichthändig von der Erschießung ihrer jüdischen Urgroßmutter 1941 in Kiew. Er erzählt vom Versuch der Nachgeborenen, den Mord erzählend hinauszuschieben.

Katja Petrowskaja kam 1970 in Kiew zur Welt. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl beschlossen ihre Eltern, das Land zu verlassen und gingen nach Deutschland. Mit sechzehn Jahren begann sie, die fremde Sprache zu lernen, sie sei, sagt sie heute, im Deutschen "noch immer minderjährig".

"Wieso soll ich sagen, wer ich bin"

Im estnischen Tartu studierte sie Literaturwissenschaften, bekam ein Stipendium für Stanford und die Columbia University. 1998 schloss sie in Moskau ihre Promotion ab und zog dann wie so viele der jungen, weltläufigen Osteuropäer nach Berlin. Aus Deutschland berichtete sie für das Moskauer Magazin Snob; für den Sammelband "Odessa Transfer", der 2009 im Suhrkamp Verlag erschien, schrieb sie den furiosen Text "Die Kinder von Orljonok". Seit 2011 ist sie Kolumnisten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ihre Kolumne "Die west-östliche Diva" spielt mit Identitäten, Zuschreibungen. Wirkliches und Mögliches. Erlebnisse und Vorstellungen werden gleich wichtig genommen und miteinander verquickt.

Wer sie sei, wurde Petrowskaja für das Klagenfurter Vorstellungsvideo gefragt: "Wieso soll ich sagen, wer ich bin. Also das ist mir überhaupt nicht interessant." Sie habe, so viel verrät sie, Angst vor der russischen Sprache, die für sie die Sprache der Autoritäten war. Russisch wecke ein Gefühl von big brother.

Mit dem Auszug aus ihrem Roman, der im Suhrkamp Verlag erscheinen soll, hat sie das Publikum in Klagenfurt begeistert. Seit ihrem Auftritt am Freitag galt sie als Favoritin. 2011 hatte die auch slowenisch dichtende Maja Haderlap gewonnen, 2012 Olga Martynowa, die in Leningrad aufwuchs. In diesem Jahr schwärmte der Jury-Vorsitzende Burkhard Spinnen von einer "Öffnung des deutschen Sprachraums", womit der Bachmann-Preis aufs schönste gerechtfertigt wäre.