Autoren zum Klimawandel Quellen des Streits

Wenn das Lebenselixier auf der anderen Seite des Zauns fließt: Der Nahostkonflikt ist vor allem ein Konflikt um das wenige Wasser in der Region.

Von Fred Pearce

Zu den größten Ängsten hinsichtlich des Klimawandels gehört die Furcht vor Wasserkriegen. Die UN warnen, der Wassermangel werde aufgrund der Erwärmung und der Bevölkerungsexplosion schon bald die Weltpolitik bestimmen, vielleicht werde es gar Kriege um das Trinkwasser geben. Solche Konflikte aber gibt es längst - zumindest interpretiert der Umweltjournalist Fred Pearce den Israel-Palästina-Konflikt als jahrzehntelangen Kampf ums Wasser.

Ahmad Qot ist ein palästinensischer Bauer. Drei Stunden braucht er jeden Tag, um mit dem Esel Wasser zu holen, für seine neun Kinder und die Tiere. Ich traf ihn an einem alten Tunnel, der das Wasser aus den Hügeln über Madama, seinem Dorf im Westjordanland, kanalisiert. Immer wieder ließ er seinen Eimer hinunter in den Tunnel und füllte so eine Reihe von Plastikkanistern. "Ich komme dreimal am Tag hierher", erzählte Ahmad, dem weniger als ein Hektar Land gehören. Der Tunnel ist Teil eines alten unterirdischen Wasserleitsystems im Westjordanland, von dem selbst viele Palästinenser nichts wissen.

Viele Tunnel sind ausgetrocknet, aber der bei Madama führt das ganze Jahr Wasser. Ahmad und ein paar der Ärmsten im Dorf nutzen ihn immer noch, um ihre Tiere zu tränken. Das Tunnelwasser, erzählte Ahmad, sei aber immer stärker verschmutzt, er könne es seiner Familie nicht mehr geben. Meist muss er also einen anderen, längeren Weg auf sich nehmen und einen Militär-Checkpoint passieren, um zu einem Brunnen im Nachbardorf zu gelangen. Für die Strecke braucht er drei Stunden - vorausgesetzt, die Soldaten halten ihn nicht auf oder schicken ihn zurück.

Die Hilfsorganisation Oxfam hat hier in Madama ein Wasseraufbereitungssystem errichtet für die Dorfschule. Trotz solcher Projekte fühlen die Dorfbewohner sich eingeengt - von den unbekannten Siedlern auf dem Hügel, die angeblich Rasensprenger und Pools haben; und von den Soldaten an der Straße mit ihren Checkpoints, die den Weg ins fünf Kilometer entfernte Nablus in eine zwölfstündige Odyssee verwandeln können.

Wasser. Im Westjordanland geht es letzten Endes immer ums Wasser. Es gibt keine permanenten Flüsse, aber die Hügel sind durchzogen mit Höhlen und Spalten, in denen sich das Regenwasser sammelt. Diese unterirdischen Vorräte sind praktisch die einzige Wasserquelle für die Palästinenser - und sie liegen im Mittelpunkt des Konflikts mit Israel.

In den fünfziger Jahren, als die Palästinenser hier unter jordanischer Führung lebten, schien die Region reich an Wasser. Damals fiel mehr Regen, als die Bewohner benötigten. Das überschüssige Wasser sprudelte aus den Brunnen an der Grenze zu Israel. Als die isrealische Bevölkerung wuchs, begann sie, die Quellen anzuzapfen. In den frühen sechziger Jahren, sagen israelische Wasserexperten, wurden von israelischer Seite 300 Millionen Kubikmeter aus der unterirdischen Wasserschicht abgeleitet, während die Palästinenser nur 20 Millionen Kubikmeter verbrauchten. Das Grundwasservorkommen wurde bis zur Kapazitätsgrenze abgepumpt, vielleicht sogar darüber hinaus. Als Israel 1967, nach dem Sechs-Tage-Krieg, die militärische Kontrolle im Westjordanland übernahm, durften dort keine weiteren Brunnen oder Bohrlöcher mehr gegraben wurden.

Seitdem hat sich nicht viel geändert. Im Westjordanland ist es den Palästinensern größtenteils verboten, neue Brunnen zu errichten, nur selten erhalten sie die Erlaubnis, alte zu ersetzen. So verfällt die palästinensische Wasserversorgung. Bevor Israel die Kontrolle übernahm, sagt Clemens Messerschmid, ein deutscher Hydrologe, der für die palästinensische Wasserbehörde arbeitet, habe es 774 Brunnen in der West Bank gegeben. Heute funktionieren noch 300 davon. Viele weitere sind in diesem Sommer ausgetrocknet, nachdem eine Dürre den Grundwasserspiegel abgesenkt hatte. "Israel kontrolliert unsere Wasserversorgung - in diesem Jahr ist es noch schlimmer", sagt Shaddad Attili von der Wasserbehörde in Palästina.

Hydrologische Unruhe

"Wir können ihnen nicht erlauben, überall, wo sie wollen, zu bohren", sagt der Sprecher der isrealischen Wasserbehörde, Uri Shore. Das einzige Zugeständnis, das Israel macht, ist den Dorfbewohnern, die Zugang zu einem Leitungssystem haben, Wasser zu verkaufen. Das ist aber nur eine Minderheit, und sie lebt in der Angst, ihnen könnte der Hahn zugedreht werden. Zunehmend kaufen Palästinenser Wasser von ihren Landsleuten, die es in Lastwagen von den Quellen heranbefördern, die noch in Betrieb sind. Im Juli begann das Rote Kreuz in die trockensten Teile des Westjordanlandes Hilfsgüter zu transportieren. Noch vor der Hitzewelle warnte die WHO, dass die schlechte Wasserversorgung dafür verantwortlich sei, dass immer mehr Palästinenser an durch Trinkwasser übertragenen Krankheiten leiden.

Das 1995 von beiden Seiten unterzeichnete Abkommen von Oslo zementierte die ungleiche Verteilung der Wasservorräte im Westjordanland. Palästinensern wurden 57 Kubikmeter Wasser pro Person und Jahr zugestanden, den Israelis 264 Kubikmeter. Eine Ungleichheit, die der israelische Sicherheitszaun verdeutlicht, durch den viele palästinensische Dörfer von ihren Quellen abgeschnitten werden. Offiziell folgt der Zaun der international anerkannten Grenze zwischen Israel und Palästina. Aber er folgt dieser Grenze nicht immer. In Wirklichkeit ist der "Zaun" ein komplexer cordon sanitaire aus Gräben, Stacheldraht, Elektrozäunen, Türmen. Bis zu 100 Metern breit, steht er gänzlich auf der palästinensischen Seite der Grenze. An manchen Stellen ragt er zehn Kilometer weit in palästinensisches Gebiet hinein, damit israelische Siedlungen auf israelischer Seite liegen. So fanden viele palästinensische Gemeinden ihre Quellen plötzlich auf der anderen Seite des Zauns wieder.

Der Zaun sei konstruiert, bekundet Israel, um zu verhindern, dass Selbstmordattentäter in isrealische Ortschaften gelangen. Das mag sein, doch hydrologisch hätte er nicht mehr Unruhe stiften können. Durch die Mauer seien die Palästinenser von vielen ihrer ertragreichsten Quellen abgeschnitten, sagt Messerschmid. Fünf Millionen Kubikmeter Wasser würden ihnen nun jedes Jahr fehlen.

50-Prozent-Hürde

Der Konflikt hat noch andere Auswirkungen auf die Wasserversorgung, die langfristig für beide Seiten in einer Katastrophe enden könnten. Entlang der Grenze scheren sich auf beiden Seiten die wenigsten, was mit ihrem Abfall und den Abwässern geschieht. Siedler und Palästinenser schütten ihren Müll in alte Steinbrüche oder an die Ufer der Wadis - von wo aus er direkt ins Grundwasser gelangt. Während die Bohrlöcher der Israelis tief sind und von der Verschmutzung verschont bleiben, sind viele Brunnen und Quellen der Palästinenser verschmutzt und werden stillgelegt.

Ein israelischer Beauftragter für die Wasserversorgung des Westjordanlandes, der einst jene Verordnungen erließ, die den Palästinensern das Graben neuer Quellen verboten, glaubt heute, Israel mache einen zu großen Aufstand um das Wasser im Westjordanland. "Was die Araber abpumpen, ist nur ein Bruchteil dessen, was die Israelis nutzen", sagte er. "Selbst wenn sie ihren Konsum verdoppeln würden, wäre das marginal. Sie sollten mehr bekommen." Arie Issar, ein anderer israelischer Hydrologe, sagt, man müsste den palästinensischen Anteil am Wasser auf 50 Prozent erhöhen.

Aber bisher weigert sich die Regierung Israels, solche Ideen zu unterstützen. Die Politiker betrachten die Wasservorkommen als so etwas wie ihre hydrologischen Kronjuwelen. Sie würden gerne die schwierige Kontrolle über das Westjordanland zurückgeben, wenn nur sichergestellt wäre, dass sie den Großteil des Wassers behalten könnten.

Schaut man sich die Politik im Mittleren Osten genauer an, so scheint es sich eher um einen Kampf um Wasser zu handeln als um Land. Man nehme nur die Geschichte des Flusses Jordan, der einzigen echten Quelle von Oberflächenwasser in der Region. Jahrtausende lang floss der Jordan aus den Golanhöhen in den See Genezareth und weiter das Tal hinab ins Tote Meer. 1964 bauten isrealische Ingenieure einen Damm, der verhindert, dass das Wasser den See Genezareth wieder verlässt. Seither wird das Wasser aus dem See in eine drei Meter breite Pipeline gepumpt, die ins Innere Israels führt.

Über den Jordan

Durch die Pipeline fließen eine halbe Milliarde Kubikmeter jährlich, sie ist Israels wichtigste Wasserquelle, mit deren Hilfe die Felder von Haifa bis fast zur ägyptischen Grenze bewässert und die Wasserleitungen von Tel Aviv bis nach Jerusalem und den Siedlungen im Westjordanland gefüllt werden. Das Stauen des Jordans mag eine Meisterleistung der Ingenieure gewesen sein, aber es war geopolitisch ein Erdbeben. Es geschah weder mit Zustimmung Syriens, zu dem damals die Ostküste des Sees Genezareth gehörte, noch mit der Jordaniens, durch das der Fluss in Richtung Totes Meer fließt.

Drei Jahre später bestärkte Israel seine hydrologischen Ansprüche im Sechs-Tage-Krieg. Vor dem Krieg war weniger als ein Zehntel des Jordan-Tals innerhalb der isrealischen Grenzen, am Ende des Krieges wurde das Tal fast völlig von Israel kontrolliert. Jordanien verlor sein gesamtes Gebiet westlich des Flusses und Syrien die Golanhöhen, in denen die Oberläufe des Jordans liegen.

Ariel Sharon, damals Kommandant bei den isrealischen Streitkräften, gibt in seiner Biographie Israels hydrologische Motive in diesem Krieg offen zu, auch wenn er die andere Seite für den Ausbruch verantwortlich macht. In den frühen sechziger Jahren, sagt er, versuchte Syrien in den Golanhöhen einen Kanal zu graben, der die Oberläufe des Jordans ableiten sollte. "Der Sechs-Tage-Krieg begann an jenem Tag, als Israel beschloss, etwas gegen die Umlenkung des Jordan zu unternehmen. Die Grenzauseinandersetzungen waren von großer Bedeutung, bei der Wasserfrage ging es aber um Leben und Tod."

So betrachtet war der Sechs-Tage-Krieg der erste moderne Krieg um Wasser. Israels Sieg und die Inbesitznahme des Jordan, seiner Ufer und Oberläufe, bleibt ein wichtiger Hintergrund für die heutigen Konflikte. Ein Rückzug aus diesen Gebieten, so ist Israels strategische Überlegung, würde ihnen die Möglichkeit nehmen, zu verhindern, dass die Nachbarstaaten Israel von den Wasservorräten abschneiden. Angesichts dieser Gefahr kämpft Israel verbissener um das Wasser als um das Land.

Im düsteren Schacht

Oft klingt es so, als sei Krieg unausweichlich und als sei Wasser so knapp, dass Frieden in Bezug auf diese lebensnotwendige Ressource unmöglich ist. Aber das stimmt nicht; und das Wasser ist in Wirklichkeit gar nicht so knapp.

Seit einigen Jahren baut Israel Entsalzungsanlagen, um Trinkwasser aus dem Meer zu gewinnen. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll die Hälfte des landesweit benötigten Wassers aus solchen Anlagen stammen. Selbst dann jedoch, behaupten Offizielle, wird der Verbrauch so stark steigen, dass den Palästinensern keine Wasserreserven zur Verfügung gestellt werden können. Viele israelische Wasserexperten bestreiten dies aber. Zwei Drittel des Wassers werden für die Bewässerung von Anbaupflanzen wie Orangen und Tomaten genutzt - Erzeugnisse, die bei der Gründung Israels wichtige wirtschaftliche Grundlagen waren, aber heute kaum noch zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen.

"Die Leute reden über Wasserkriege, aber Wasser kann auch die Grundlage für Frieden sein", sagt Issar. "Wir verbrauchen zu viel Trinkwasser für Bewässerung, wir verwandeln Frischwasser in Orangen , um diese dann zu exportieren. Die Araber brauchen dieses Wasser. Sie sollten es bekommen." Das Wasser der Entsalzungsanlagen könnte doppelt genutzt werden, indem geklärtes Abwasser auf den Feldern wiederverwendet wird.

Bis das passiert, wird Ahmad Qot weiter seinen Eimer in den verschmutzen Madama-Schacht hinunterlassen - und die Aussichten für Frieden im Westjordanland eher düster scheinen.

Fred Pearce lebt als Umweltjournalist und Autor in London. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt bei Kunstmann "Wenn die Flüsse versiegen ".

Deutsch von Lars Weisbrod