Ausstellung in Kaufbeuren Das Licht als Maler

Gabriella Gerosa überlässt nichts dem Zufall. Die Videokünstlerin recherchierte für ihre "Impressionistischen Landvermessungen" jahrelang, um die besten Aufnahme-Bedingungen zu notieren

Von Sabine Reithmaier

Geduld und Konzentration sind auf jeden Fall erforderlich. Denn in den Videoarbeiten von Gabriella Gerosa scheint sich nichts zu bewegen. Aber plötzlich huschen Lichtflecken über einen Pfirsich, lassen dessen Haut wie aus sich selbst heraus erstrahlen. Oder sie treffen eine Blüte, die einen Moment intensiv erglüht, um danach unvermittelt ganz fahl zu werden. Winzige Veränderungen, kaum wahrnehmbar, aber sehr faszinierend. "Des Künstlers Garten" nennt die Schweizer Videokünstlerin die Stillleben und Porträts, die sie, eingeladen vom Autorenfilmfestival Filmzeit, im Kunsthaus Kaufbeuren zeigt.

Festival und Kunsthaus kooperieren bereits zum zweiten Mal und werden, so Jan T. Wilms, Direktor des Kunsthauses, diese Zusammenarbeit auch fortsetzen. Im Vorjahr war Christoph Brech zu Gast, dieses Mal ist es Gabriella Gerosa, die sich in ihren Arbeiten mit ganz klassischen Bildgattungen auseinandersetzt. Den großen Ausstellungsraum dominiert eine große dreiteilige Arbeit. Eine Wiese mit Blumen, die, unscharf eingefangen, wie konturlose Farbflecken wirken. Wenn Licht darauf fällt, zerfließen die Farben. Das Triptychon erinnert an Monets Experimente mit Licht und Schatten, nur bricht Gerosa sie mit minimalen Bewegungen auf. Die Assoziation ist beabsichtigt. "Impressionistische Landvermessung" nennt Gerosa ihre Arbeitsweise, in der Malerei und Film verschmelzen. Gerosa gelingt es meisterhaft, jene flüchtigen Momente einzufangen, in denen das Licht zum Maler wird.

Dem Zufall überlässt sie nichts, sie konstruiert ihre Bildräume und Kompositionen exakt. "Ich arrangiere alles, wirklich alles", sagt sie und lacht. Das beginnt mit der Suche nach dem geeigneten Ort - "ich finde die Plätze oft bei Wanderungen". Ist der Drehort gefunden, beobachtet sie ihn oft monatelang. Wochenlang studiert sie den Lauf der Sonne, den Lichteinfall, mögliche Bewegungen.

"Wenn ich nicht Künstlerin geworden wäre, hätte ich mich für die Naturwissenschaften entschieden", sagt sie. Seitenweise schreibt sie Notizbücher voll, skizziert alle Ideen. Das liest sich dann so: "8.25 Uhr, wenig Flecken, klein; 9.30 Uhr: Lichtflecken noch etwas rasterförmig hart, aber gut verteilt; 11.08 Uhr: für Teichaufnahme beste Zeit." Einige Arbeitsblätter sind in dem kleinen Katalog abgedruckt und dokumentieren den langsamen Verdichtungsprozess, der an einem bestimmten Moment in die Filmaufnahme mündet. Von der ersten Idee bis zur Verwirklichung kann es schon mal bis zu zwei Jahre dauern.

Trotzdem: Licht bleibt unberechenbar. Daher entscheidet sich erst im Moment des Drehens, ob die Aufnahmen glücken, ob es gelingt, die ganz spezifische Stimmung eines Augenblicks einzufangen. "Das Scheitern gehört dazu." Gerosa wiederholt eine Aufnahme höchstens ein einziges Mal, wenn der erste Versuch scheitert. Oft aber bricht sie ein Projekt dann auch ab, wartet einige Jahre und versucht dann eine erneute Annäherung. Das ewig gleiche Sujet langweilt sie nicht. "Ich schaue gern immer auf dasselbe Motiv." Zumal es sich ja ständig verändert.

Meist filmt sie mit einer Hochgeschwindigkeitskamera und nutzt die Möglichkeit, die Aufnahmen verlangsamt wiederzugeben. Geschnitten wird nicht, gefilmt ausschließlich bei Tageslicht. Im Herzen sei sie aber Malerin, sagt die 1964 im Tessin geborene Künstlerin, die an der Schule für Gestaltung in Basel Bildhauerei und Videokunst studiert hat. Vermutlich hat sie deshalb auch begonnen, Videostills mit Pastellkreiden zu übermalen. Einige wenige sind davon auch in Kaufbeuren zu sehen, doch der Großteil der Arbeiten sind Videos. Seit Ende der Neunzigerjahre widmet sie sich überwiegend diesem Medium.

Die Unschärfe hat sie erst vor kurzem für sich entdeckt. Vielleicht auch als Gegenentwurf zu den gestochen scharfen Fotos und Filmen, mit denen die Menschen heute "bombardiert" (Gerosa) werden. "Dabei gibt es keine Wahrheit durch Schärfe." Ihren Übergang ins impressionistisch Unscharfe markiert in der Ausstellung das "Gläschen": Auf einem Tisch steht ein volles Wasserglas, in das immer wieder ein Tropfen fällt und in dessen Glas sich mit grünen Strichen der Garten spiegelt. Einen Namen gemacht hat sich Gerosa aber auch durch ihre Video-Porträts. Es dauerte sicher ziemlich lang, bis sich "Julchen" so entspannt eine halbe Stunde von der Kamera fixieren ließ. Mit den Porträts, die an alte holländische Meister des 17. Jahrhunderts erinnern, verdient Gerosa übrigens inzwischen Geld. Denn es gibt anscheinend nicht wenige Familien, die sich inzwischen auf diese Art verewigen lassen und auf die Dienste eines Malers verzichten. Es sei angenehm, so ein abgestecktes Feld zu haben, sagt Gerosa. Bei der Umsetzung ihrer eigenen Ideen habe sie dagegen manchmal das Gefühl, sich im freien Fall zu befinden.

Skrupel befielen sie auch bei dem "Hirschkäfer", den sie ebenfalls filmte. Dessen Larve benötigt bis zu acht Jahre für ihre Entwicklung, die Lebenszeit des Käfers umfasst nur drei bis acht Wochen. "Und ich habe ihm drei Tage seines Lebens geraubt." Das Ergebnis ist aber sehenswert. Der Käfer verharrt schier endlos ohne Bewegung in seiner Lauerstellung, bevor er dann ganz sacht mit den Fühlern zuckt und irgendwann wie ein Tänzer beginnt, seine Beine fast rhythmisch zu heben.

Gabriella Gerosa, Des Künstlers Garten, aus dem Videozyklus "Impressionistische Landvermessungen", bis 25.10., Kunsthaus Kaufbeuren, Spitaltor 2. Zur Ausstellung ist ein kleiner Katalog erschienen.