Ausstellung im Porzellanikon Delikat

"Rosenthal - ein Mythos" würdigt die Arbeit von Vater und Sohn, die aus Gebrauchsgegenständen Kunst machten

Von Sabine Reithmaier, Selb/ Hohenberg

Vielleicht die Mokkatasse aus dem allerersten Brand vom 1. März 1891. Oder doch der zierliche Brieföffner. Petra Werner überlegt, welche ihrer jüngsten Entdeckungen im Rosenthal-Archiv ihr am meisten Freude bereitete. Oder das bisher unbekannte Besteck? Seit 25 Jahren ist sie Kuratorin am Porzellanikon in Selb, gilt als Spezialistin für die Rosenthal-Produktgeschichte. Erst jetzt aber ist es ihr gelungen, sämtliche Kisten des Archivs zu sichten. Was sie alles gefunden hat, packte sie in eine sehenswerte Ausstellung, die an drei Schauplätzen das unternehmerische Wirken von Vater und Sohn Rosenthal würdigt. Und elegant nebenbei ein wichtiges Stück Kulturgeschichte aufarbeitet.

Allein die stilistischen Veränderungen des Porzellans machen anschaulich klar, wie sich unsere Tischkultur verändert hat. Wichtigster Schauplatz für diese Erfahrung ist das alte Brennhaus. Ein sehr geeigneter Ort, denn die alte Fabrik, die heute das Landesmuseum beherbergt, zählte einst zum Besitz Philipp Rosenthals. 1917 hatte er sie dem Porzellanunternehmer Jakob Zeitler abgekauft, der während des Ersten Weltkriegs in finanzielle Nöte geraten war.

Die Ausstellung ist der spektakulären Architektur des alten Gemäuers wegen bewusst nicht homogen gestaltet. In zwei Medienstationen lernt man erst den eleganten Vater, der als Tellerwäscher in Amerika begonnen hatte, und den sportlichen Sohn näher kennen. Gemeinsamkeiten gibt es viele: Beide waren innovativ, dachten strategisch, schätzten die Kunst und verstanden es, sich selbst hervorragend zu inszenieren. Auf großen ovalen Tischen erinnern ausgewählte Geschirrteile an ihre Neuentwicklungen, fast immer Meilensteine der Porzellankultur. Die Firmengeschichte dagegen wird als Wandinstallation präsentiert, ein gut gemachter Wechsel aus Fotos, Objekten und Texten.

Im einzigen noch erhaltenen Rundofen ist "Maria" inszeniert, jenes polygonale Geschirr, dem der Firmengründer 1916 nach der Geburt des Sohnes den Namen seiner Frau gab. Begonnen hatte Rosenthal senior bescheiden mit einer Porzellanmalerei im nahe gelegenen Schloss Erkersreuth. Sein erster Verkaufsschlager war 1886 eine Aschenschale mit der Aufschrift "Ruheplätzchen für brennende Zigaretten". Doch als die Fabriken in der Nachbarschaft es nicht schafften, genügend weißes Porzellan zu liefern, produzierte er es von 1891 an selbst. Von Anfang an setzte er auf Qualität, erntete für sein Kunstporzellan schon 1900 viel Anerkennung. 1910 gründet er sogar eine eigene Kunstabteilung für Ziergefäße und Figuren, setzte sich damit bewusst von Konkurrenten ab und lockte den dänischen Porzellanmaler Julius-Vilhelm Guldbrandsen als künstlerischen Leiter nach Selb.

100 Jahre

ist es her, dass Philipp Rosenthal das Geschirr "Maria Weiß" auf den Markt brachte. Er benannte das Service, das sich schnell zum absoluten Renner entwickelte und bis heute zu kaufen ist, nach seiner Frau Maria, die eben Sohn Philip geboren hatte.

Die dunklen "Archivschränke" in der Ausstellung sind für die Kunst reserviert. In beleuchteten Sichtfenstern tauchen einzelne Figuren auf. Ausführlicher erfahrbar sind die Kunstporzellane von Rosenthal senior in der Hohenberger Ausstellung. Dort in der ehemaligen Direktorenvilla des Familienunternehmens C. M. Hutschenreuther, dem eigentlichen Stammhaus des 1982 gegründeten Porzellanikons, kann man bewundern, wie leistungsfähig die Kunstabteilungen damals waren, künstlerisch, aber auch technisch.

Die "Kunst" des Sohnes dagegen steht im vierten Stock des Porzellanikons in Selb im Mittelpunkt. Philip junior veränderte das Image der Marke in vielerlei Hinsicht, schon allein weil er die Vision hatte, Kunst auf den Tisch zu bringen und zudem Gläser und Besteck passend zum Geschirr zu produzieren. Berühmtes Beispiel ist die vom Finnen Timo Sarpaneva 1976 entworfene Suomi-Kaffeekanne, deren Dekor verschiedene Künstler gestalteten, neben Salvador Dali auch Otto Piene oder Hap Grieshaber. Design-Entscheidungen traf Philip nicht allein, sondern überließ es einer siebenköpfigen externen Jury, Ästhetik und Funktion zu bewerten.

Dies galt nicht für die Kunstobjekte, die nur in minimalen Auflagen produziert wurden. Arnold Bode, der Gründer der Documenta, hatte Rosenthal 1964 vorgeschlagen, Kunst in Porzellan zu fabrizieren. Der griff die Idee auf, doch anfangs war es nicht leicht, Künstler für das ungewohnte Material zu begeistern. Erst nachdem Henry Moore Objekte und Reliefs verwirklicht hatte, verloren sich die Berührungsängste, erinnert sich Wolfgang Faßbender, ein erfahrener Rosenthal-Ausstellungsgestalter, der seit 1967 bei Rosenthal arbeitete. Als langjähriger "Markenbildberater" hatte er sich darum zu kümmern, das die "Rosenthal-Studio-Linie" richtig präsentiert wurde. Wehe, ein Studiohausbetreiber wagte in der irrigen Meinung, Rosenthal sei Rosenthal, "Maria Weiß" neben avantgardistisches Design zu stellen. "Da konnte er unangenehm werden."

Philips Tochter Shealagh des Beurges-Rosenthal, war sich übrigens ganz sicher, dass ihr Vater die Zukunft der arg gebeutelten Porzellanindustrie optimistisch sehen würde. "Denn die liegt im Kunstbereich", sagte sie. Und da sei noch lange nicht alles ausgeschöpft.

Rosenthal - ein Mythos. Zwei Männer schreiben Geschichte, bis 13. 11., Porzellanikon Selb und Hohenberg