Auftakt in Venedig Frauen, die Hölle und Woody Allen

Das Filmfest von Venedig ist eröffnet. Am Programm der diesjährigen Mostra-Ausgabe gibt es nichts zu meckern. Und Woody Allen erläutert im Eröffnungsfilm, wie er einen Dreier mit Marilyn Monroe und Sophia Loren hinbekommt.

Von RAINER GANSERA

"Filme? Was sind Filme?" Berlusconi rutscht nervös auf seinem Regierungsstuhl hin und her und fragt seine Staatssekretäre noch einmal achselzuckend: "Was sind eigentlich Filme?" Da sucht ihn die Erleuchtung heim: "Ach ja, ich erinnere mich, Filme sind das Füllmaterial zwischen den Werbeblöcken meiner Fernsehsender."

Schon im vorigen Jahr erzählte man sich diesen Scherz am Lido und verknüpfte damit die Hoffnung, dass Berlusconi die Mostra unbehelligt lassen möge: aus Desinteresse oder Unkenntnis oder Respekt vor ihrem internationalen Ansehen. Misstrauisch beäugte man den neu berufenen Festivalchef Moritz de Hadeln (der zuvor zwanzig Jahre lang Berlinale-Chef war), nahm ihm prinzipiell übel, dass er sich überhaupt der Berlusconi-Administration zur Verfügung stellte, musste ihm aber am Ende der 59. Mostra attestieren, dass er seinen Job unabhängig und gut gemacht hatte. Sein Vertrag wurde um ein Jahr verlängert.

Am Programm der diesjährigen Mostra-Ausgabe gibt es nichts zu meckern. Moritz de Hadeln hat - während sich Berlusconi vorerst nur um das Schlagerfestival von Sanremo kümmert - diese Mischung aus Glamour und Experiment, aus Hollywood-Stars und kompromisslosem Autorenkino hinbekommen, die bester Mostra-Tradition gerecht wird. Glück gehabt hat er auch: "Mit dem Film ist es wie mit dem Wein, es gibt gute und weniger gute Jahrgänge. Dieses Jahr ist ein guter!"

Zur selten unterbrochenen Mostra-Tradition gehört die Uraufführung des neuesten Woody-Allen-Films. Und auch hier hat de Hadeln Glück: so witzig, so komisch-traurig und ätzend brillant, so newyorkverliebt und lässig erzählt war schon lang keine Arbeit des mittlerweile 68-Jährigen mehr. Es gelingt Woody Allen motivisch und stilistisch bei seinen ersten großen Erfolgen anzuknüpfen. Bei "Annie Hall" vor allem, auch ganz bewusst. Dieselben Obsessionen, Variationen derselben Motive, lange Spaziergänge durch den Central Park. Woody heißt hier Frank Dobel, ist mal wieder Gagschreiber für Fernsehshows und Standup-Comedians, ringt mit Schreibhemmungen und spielt den Mentor für seinen 40 Jahre jüngeren Kollegen Jerry Falk. Sagte er in "Annie Hall" noch: "Hey, sag nichts gegen Masturbation! Das ist nämlich Sex mit jemanden, den ich mag", klärt er jetzt Jerry darüber auf, warum er, der an "hyperaktiver Imaginationspotenz" Leidende, Masturbation dem real thing vorziehe: Wie sonst wäre ein Dreier mit Marilyn Monroe und Sophia Loren zugleich möglich?

Noch nie hat Woody Allen eine derart bitterböse Frauenfigur gezeichnet wie hier: Amanda (gespielt von der prächtigen Christina Ricci) ist nicht einfach die verzickte Egozentrikerin, die mit Migränen und Launen nervt, aber durchaus sympathische Aspekte haben kann, nein, Amanda ist ein veritabler Ego-Albtraum. Sie demütigt Jerry, der sie wahrhaft und hingebungsvoll liebt, tanzt ihm auf der Nase herum und terrorisiert ihn in einem sadistisch-monströsen Ausmaß.

"Kunstwerke dürfen keine Abrechnungen sein", lässt Truffaut seinen Helden Antoine Doinel einmal sagen. Irgendwann im Verlauf der immer böser sich zuspitzenden "Anything Else"-Story steigt die Vermutung auf : dies ist ein Film, der abrechnet. Vielleicht begibt sich der Film so der Möglichkeit, ein Kunstwerk zu sein. Aber das Bedauern darüber ist nicht besonders groß, denn seine Abrechnung ist mit einer Heftigkeit und Schärfe in Szene gesetzt, die zur Qualität wird. Was immer an Selbstgerechtigkeit, Hypochondrie und Verfolgungswahn in Woody Allen am Werk war, als er diese Amanda entwarf - er macht solche Defekte und Überempfindlichkeiten produktiv.

Nicht um rückhaltlose Selbsterforschung und Ich-Wahrhaftigkeit geht es im Kino Woody Allens, sondern um die Ausfaltung und auch Auskostung seines Angst-Universums. Allerdings: Früher hatten seine Kindfrauen Unschuld, sogar lebenskluge Überlegenheit, und die tyrannische Mutter in seiner New-York-Episode ("Oedipus Wrecks") war nervtötend grotesk und doch sympathisch. Diesmal sind Kindfrau Amanda und deren Mutter (Stockard Channing) schlichtweg Ausgeburten der Hölle. Jerry merkt es nicht, wie er nach Strich und Faden betrogen wird, und deswegen muss David ihm gnadenlos die Augen öffnen.

So spektakulär gelungen wie Woody Allens Streich fällt der Eröffnungsfilm der Controcorrente-Reihe, Raoul Ruiz' "Une place parmi les vivants", leider nicht aus. Auch er erzählt von Schriftstellern, die Schreibhemmung haben, von Frauen mit Doppelleben, spielt auch in einer wunderbaren Stadt, im Paris der fünfziger Jahre, entspinnt einen Kriminalplot mit jeder Menge schöner Leichen (allesamt Blondinen, die sich in einem Softpornoblättchen haben ablichten lassen), balanciert auf der Grenze zwischen Fiktion und Realität, ist amüsant, virtuos in Szene gesetzt mit ausgebleichten Farben und hübschen Genre-Zitaten - und doch bleibt das Ganze in merkwürdiger Belanglosigkeit hängen. Eine Stilübung, ein stilistisches Glasperlenspiel.

Raoul Ruiz, 1941 in Chile geboren, war Berater der Allende-Regierung in Filmfragen und floh kurz vor dem Pinochet-Putsch ins Exil nach Paris. Seine Filme zelebrieren gern diese Übergänge vom Reich der Lebenden ins Reich der Toten und vice versa, rufen Geister und Gespenster herauf und gehen mit ihnen in Parks spazieren. Parks, die natürlich Borges-Labyrinthe sind und den linearen Gang der Geschehnisse konterkarieren. Wo Ruiz mit seinen Vorlieben und Obsessionen auf Stoffe trifft, die diese Versteinerung-Beseelung-Szenarien brauchen, da wird er - wie in seinem Proust-Film "Le temps retrouvé" - zum großartigen Magier labyrintischen Erzählens. Ansonsten aber sind seine Filme in Gefahr, sich unverbindlicher Tändelei hinzugeben: Surrealismus light mit Schattenspielen. In "Une place parmi les vivants" kommentiert Ruiz Roland Barthes' Theorie, wonach die Enterotisierung des Körpers Zweck und Ziel des Striptease sei. Und er tischt eine Variante der alten Surrealisten-Parole auf, wonach das Verbrechen eine revolutionäre Geste beinhalten könne.