ARD-Sommerinterview mit Lafontaine Im Menschenzoo

TV-Journalisten machen außerhalb ihrer natürlichen Umgebung eine noch schlechtere Figur als Politiker. Erst recht, wenn sie mit einem Bäh-Linken wie Oskar Lafontaine sprechen müssen.

Von Georg Diez

Das große Sommerinterview von ARD und ZDF ist im Grunde ein zoologisches Experiment, und so wird es auch inszeniert. Es zeigt Politiker in ihrem natürlichen Habitat.

Erwin Huber etwa schwebt hoch über dem Passauer Dom, Reinhard Bütikofer kauert auf einer irischen Mole (grüne Insel, hm!?!), Kurt Beck kumpelt in einer Schlosskneipe an der Mosel, nur Angela Merkel, so scheint es, verlässt selbst bei 30 Grad das Kanzleramt nur ungern - dabei hat doch das Sommerinterview als Institution weniger politischen Wert denn Beweischarakter:

Ja, es gibt diese Menschen wirklich; nein, sie leben nicht nur in Berliner Restaurants oder Fernsehstudios; ja, sie haben eine Vergangenheit und manchmal sogar Vergnügen an ihrem Job, jedenfalls im Sommer, fern von Berlin.

Das Problem ist, dass man das von den Leuten, die sie zum Interview treffen müssen, nicht immer sagen kann. Fernsehjournalisten außerhalb ihrer bekannten Umgebung - das kann man mal festhalten - machen meistens keine so gute Figur. Ist ja aber auch komisch, da sieht man sich in Berlin jeden guten Tag, und nun soll man auf einmal ganz anders miteinander reden, ganz ehrlich reden, nun soll man sich das sagen, was man sich in der Hauptstadt nicht zu sagen traut?

Meistens charmiert man also aneinander vorbei - es sei denn, man trifft sich mit Oskar Lafontaine, wie am vergangenen Sonntag. Das ist dann der Ernstfall für die kritische Intelligenz und fast so schlimm, wie die Eröffnungsfeier aus dem totalitären China kommentieren zu müssen. Arme Sandra Maischberger.

Dieses Mal hatte es von der ARD den Chefredakteur Ulrich Deppendorf erwischt und seinen Stellvertreter Joachim Wagner. Beide sahen sie so aus, als seien sie aus der Kulisse ihres Studios geschnitten und mit einem Laster quer durch die Republik gekarrt worden - nur um hier nun ausgerechnet auf diesen "Demagogen" zu treffen, dieses Wort fiel so oft in den knapp 20 Minuten, dass man sich irgendwann fragte, was die beiden eigentlich damit meinen und wie sie die anderen Politiker bezeichnen, denen sie so begegnen, und ob diese ganze unbeholfene Inszenierung nicht nur vor allem wieder eines zeigt: Wie schwer sich die meisten Medien tun mit diesen Bäh-Linken.

Bereit zum Tanz, meine Herren?

Es begann schon mit dem ersten Kameraschwenk über die schöne Saarschleife, noch bevor man Oskar Lafontaine selbst begrüßt hatte; und in diesem ungastlichen Stil ging es weiter. Lafontaine saß da, rentnerbeige gekleidet und braun gebrannt, bester Laune und bereit zum Tanz der Gedanken, bereit, die beiden steifen Herren wie tapsige Bären durch die Manege zu führen - und weil die wohl schon ahnten, was auf sie zukommen würde, hatten sie zum Schutz nicht nur ihre officeblauen Anzüge dabei und die Krawatten fest um den Hals gebunden, sie hielten sich nicht nur an den Karten fest, auf die sie ihre Fragen geschrieben hatten, und starrten meistens nach unten, als müssten sie es eben über sich ergehen lassen, was dieser Menschenmanipulator da wieder fabulieren durfte: Nein, besser noch, sie hatten es sich besonders gut überlegt und waren in ihrem Auftreten so wadenbeißerisch und bulldogenhaft, als sei das nun ihre Chance, dem Mann die Maske vom Gesicht zu reißen.

Oskar Lafontaine ist zugegebenermaßen nicht der sympathischste deutsche Politiker, aber da ist er in guter Gesellschaft. Und an diesem Abend, auf der steinernen Terrasse hoch über dem Fluss, im schwindenden Tageslicht, war er besonders guter Laune. "Na, Sie haben Ideen", so bürstete er die Frage nach seiner Frau ab und ob die in einer Lafontaine-Regierung im Saarland ein Ministeramt bekommen könnte.

Hartz IV, Afghanistan, das Turbo-Abitur, die Reichen und die Umverteilung, nein, die Umfinanzierung, so nannte er das: Es war das ganze Programm in aller Klarheit, am Schluss wiederholte er sogar netterweise noch mal, dass er George Bush tatsächlich für einen Terroristen halte und Barack Obama natürlich auch, wenn er die Truppen in Afghanistan und im Irak lasse.

Dem Mann ist schwer beizukommen, besonders wenn er so selbstzufrieden seine Intelligenz spazierenführt und mit den Milliarden jongliert, dass Deppendorf und Wagner kaum mit dem Kopfrechnen hinterherkamen.

Groteske Simulation von kritischem Journalimus

"Nennen Sie eine Zahl", fuhr ihn Deppendorf da an - und als Lafontaine einfach weiterredete, stach Deppendorf noch zweimal mit seiner Karte in die milde Abendluft, "was kostet das", zischte er, und bekam als Antwort ein Lächeln und eine Zahl.

Bevor das Ganze endgültig ins Kabaretthafte kippte und Lafontaine wie auf einer Polit-Butterfahrt demjenigen eine goldene Uhr versprach, der alles besser weiß als er, schien doch noch etwas wie eine Erkenntnis auf, und sie verdankt sich genau dieser teflonartigen Freundlichkeit Lafontaines: Denn das Lächerlichste an dieser Vorführung war nicht er, es waren diese Rituale des Kritischen, wie sie Deppendorf und Wagner durchziehen wollten.

"Sie schweigen dazu, warum?!", fauchte Deppendorf, als er nach der Haltung der Linken zur kolumbianischen Farc fragte. Lafontaine schwieg natürlich nicht, sondern antwortete brav. Dann kam die Stelle mit dem völkerrechtswidrigen Irak-Krieg, worauf Deppendorf nur keuchte: "hr, äh, Taliban"; und Wagner ihm sekundierte: "äh, hr, das ist eine demagogische Verfälschung."

So still, wie Lafontaine da in sich hineinlächelte, kann man nur vermuten, dass er sich gerade überlegte, wie viele Wählerstimmen ihm diese groteske Simulation von kritischem Journalismus wieder gebracht hat. Er wurde dann noch nach der Internet-Zensur in China gefragt, als ob die Linke ein Ableger der KP sei, und am Ende durfte Lafontaine über sein Parteipersonal sprechen und endete mit dem Satz: "Wenn Sie jetzt fragen, wer, dann kann ich Ihnen keine Antwort geben."

Aber Deppendorf und Wagner, die eh keine Fragen hatten, weil sie schon alles wussten, waren zufrieden. "Vielen Dank", wurde Lafontaine von Joachim Wagner angebellt, der sichtbar froh war, diese persönliche Zumutung überstanden zu haben und weiter gab an die Lindenstraße. Ein anderer, ein freundlicherer Menschenzoo.