Arabische Rhythmen Rechtsradikalen den Marsch blasen

Im Juni 2015 fuhren die Musiker der Banda nach Freital und spielten für die Flüchtlinge.

(Foto: Andreas Hilger)

Ein Sound für alle, wild, frei und schön: Die "Banda Internationale" integriert Flüchtlinge und und heizt ordentlich ein

Von Christian Jooß-Bernau

Es war im vergangenen Sommer auf dem Heimatsound-Festival in Oberammergau, als die Chefin des Münchner Plattenlabels Trikont Eva Mair-Holmes zum ersten Mal die Banda Internationale hörte. Ein Moment hat sich ihr eingebrannt: Gitarrist und Sänger Ezé Wendtoin einsam am Mikro. Er sang "Wann wird's mal wieder richtig Sommer". Ein Lied aus einem anderen Deutschland. Im Internet kann man die Szene sehen. Sie ist mitreißend, sie ist komisch und anrührend. Weil man ahnt, dass Wendtoin, der aus Burkina Faso kommt, in seinem Leben bis jetzt andere Probleme hatte, als fehlenden Sonnenschein "von Juli bis September".

Wendtoin ist einer von mehr als 20 Mitgliedern der Banda Internationale, eines Kollektivs, das auch von einer gewissen Fluktuation lebt. 2001 wurde die Gruppe als Banda Comunale in Dresden gegründet, um den Nazis, die am 13. Februar durch die Straßen liefen, Musik entgegenzusetzen. Den Kern der Band bildeten Studenten der Musikhochschule. Andere politische Termine kamen hinzu. Und dann begannen die Fans von Pegida ihre Verachtung für andere Menschen und Meinungen auf ihre aggressiv-wehleidige Art spazierenzutragen, und die Banda blies ihnen den Marsch. Es ging ihnen darum, den öffentlichen Raum nicht den Rechtsradikalen zu überlassen. "Dann hat es uns irgendwann nicht mehr gereicht, dagegen zu sein", sagt Richard Ebert. Er ist Saxofonist und Querflötist der Gruppe.

Sie begannen, in Flüchtlingseinrichtungen zu spielen. Und fuhren im Juni 2015 nach Freital, wo der Mob tobte, weil ein ehemaliges Hotel zum Flüchtlingsheim geworden war. Ebert wirkt im Gespräch wie einer, den man nicht so leicht aufregt: "Es wird einem schon mulmig", sagt er rückblickend, "aber man hat nicht wirklich Angst um sein Leben". Aus deutscher Sicht war Freital ein verheerender Tiefpunkt der Zivilgesellschaft. Für die meisten Flüchtlinge sei die Horde Nazis aber gar nicht mal so schlimm gewesen, sagt Ebert: "Die hatten ganz andere Sachen durchgemacht." Die Musiker wollten Zukunft formen und sich nicht mit der deprimierenden Situation in Sachsen abfinden. Sie nahmen geflüchtete Künstler auf und wurden zur Banda Internationale.

Ihr jetzt bei Trikont erschienenes Album "Kimlik" zeigt, dass die Band kein Sozialarbeiterprojekt mit gut gemeinter Amateurmusik ist. Etwa 60 Auftritte hat die Banda im vergangenen Jahr gespielt. Das merkt man. 15 Nummern ziehen nach vorne, tanzen mit nie versiegender Brassband-Kraft durch die arabische Welt, wagen den Blick nach Brasilien und kennen die Jazz-Skalen, die das äthiopische Nachtleben in den Siebzigern ordentlich anheizte. Der Sound der Banda Internationale ist wild, frei und schön.

Akram war Cellist im Symphonieorchester in Bagdad. Sich mit seinem Instrument auf der Straße zu zeigen, war lebensgefährlich. Gitarrist Hamid kommt auch aus dem Irak. Seine Liebe zum Heavy Metal brachte ihn ins Gefängnis. Für beide hat die Banda musikalisch Platz. Hamid ist Atheist. Neben ihm spielen Muslime und Christen. Gemeinsam trat man auch bei den Jüdischen Kulturtagen in Erfurt auf. Das Bandleben ist nicht frei von Spannungen. Unvermeidlich, dass es bei langen Fahrten zu "hitzigen Diskussionen" kommt, wie Ebert es nennt. Auch die aber liefen im Kern freundschaftlich ab. Es scheint auch weniger ein Streit zwischen den Kulturen zu sein, der hier ausgefochten wird, als eher das Aufeinandertreffen ganz unterschiedlicher Bildungsschichten.

Cellist Akram bewirbt sich gerade an der Musikhochschule, Oud-Spieler Thabet setzt sein Medizin-Studium fort. Sie spielen mit Musikern, die nicht lange eine Schule besucht haben. Und haben doch gemeinsam eine Aufgabe. Seit Anfang des Jahres gibt es ein Musikprojekt mit minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen. Die Banda Internationale gibt Workshops in Schulen. Am 8. Mai marschierten AfD und Pegida durch Dresden. 2015 lag der Ausländeranteil in Sachsen bei nur 3,9 Prozent. Die Banda Internationale wird gebraucht.

Banda Internationale spielt auf dem Festival Milla Walky Talky, Samstag, 27. Mai, 21.30 Uhr, Milla