Anonyme Postings Sind Blogger gefährlich?

Die möglichen Folgen einer solchen Ausleuchtung noch der intimsten Winkel der Privatsphäre debattiert nun der Journalist Michael Arrington in seinem Blog "TechCrunch": "Wann werden wir den ersten Valleywag-Selbstmord zu verzeichnen haben", fragt er nach der Wales-Marsden-Exhibition. Und gibt sich selbst die Antwort: "Es ist keine Frage mehr, ob es geschieht - nur noch, wann es eintritt." Auch Arringtons Beitrag wurde längst in die dampfende Gerüchte-Nährlösung des Valleywag eingerührt. Und sofort höhnisch kommentiert. Arrington wird als "fragile Seele" verunglimpft, die eben nicht verstanden habe, dass Valleywag nicht Wales' "großen Tod" suche, sondern seinen "kleinen" - hier verstanden als "La petite mort", eine Umschreibung für den Orgasmus.

Ungeachtet der inzwischen ebenfalls in Blogs geäußerten Vermutung, dass die Schlammschlacht in digitalem Cinemascope auch nur ein weiteres PR-Manöver von selbstverliebten Bewohnern des Silicon Valley sei, weil "sie es eben so mögen", ungeachtet also dieser Vermutung hat Arringtons Frage nach dem Selbstmord, in den die ungefilterte Hetze der anonymen Blog-Postings einen Verzweifelten treiben könne, zu Wochenbeginn an Verve gewonnen.

Ich liebe es

Die New York Times rollt in einem Bericht von Bob Tedeschi den Selbstmord Paul Tilleys noch einmal auf. Tilley, Führungsmitglied der Werbe-Agentur DDB in Chicago, die unter anderem für die McDonalds-Kampagne "Ich liebe es" verantwortlich zeichnet, hatte sich im Februar aus einem Hotelfenster gestürzt. Das sei nicht von ungefähr geschehen, mutmaßt die Times und überlegt, ob ihn die offenen Beleidigungen aus anonymen, offensiv gegen Tilley gerichteten Blogs in den Tod getrieben haben könnten. So seien in zwei Fach-Blogs, die Tilley heftig angefeindet hätten, kurz nach dessen Selbstmord Einträge erschienen, die offen Schuldzuweisung betrieben: "Ihr solltet euch alle schämen! Ihr habt zu seinem Tod beigetragen." "Ja nun", räumt der Betreiber eines der beiden in den Fokus geratenen Blogs, AdScam, ein: "die Atmosphäre hier ist schon ein bisschen säurehaltiger", doch, so fügt er kaltschnäuzig hinzu, so seien nunmal die Bedingungen in diesem Geschäft.

Ganz anders sieht das die New Yorker Werbe-Kollegin Nina DiSea in ihrem Video-Beitrag: "Sind Blogger gefährlich", der gerade von der anderen, nun inkriminierten Blogseite AgencySpy gezeigt wird. "Ich denke, Blogs können jemandem wirklich Schaden zufügen," äußert sie darin, "wenn sie gemein, brutal und vor allem anonym über Andere berichten." AgencySpy galt als eine der schärfsten Tilley-Kritikerseiten, die ihre anonymen Insider-Postings bis heute damit rechtfertigt, dass eben nur in der Anonymität wahrhaft und auf Augenhöhe über die so "säurehaltige" Werbe-Branche und ihre Verfehlungen berichtet werden könne. Dieses Blog versuche doch nur "den Vorhang vor den inneren Vorgängen einer Branche zu lüften, die sehr lange in einem Schrank versteckt waren."

Gleichwohl räumt der Betreiber von AgencySpy gegenüber der Times nun ein, dass persönlich beleidigende und vernichtende Beiträge eigentlich nicht länger anonym erfolgen dürften. Die Times zitiert dazu auch einen Psychologen der Universität von Pennsylvania, der festhält, dass die Online-Beschimpfungen, anders als alle anderen Formen der öffentlichen Beleidigungen, womöglich niemals verschwinden und in allerschönster Ewigkeit die digitale Runde zu machen. Das Netz vergisst eben nichts.

"Viele Menschen da draußen wollen zwar ihre Namen nicht unter die furchtbaren Dinge setzen, die sie über andere Menschen in Umlauf bringen", hat Nina DiSesa in ihrem Videobeitrag formuliert. "Doch wenn jemand nicht dem Mumm hat, seinen Namen unter einen Kommentar zu setzen, dann sollte er auch nicht die öffentliche Plattform erhalten, sich so destruktiv über andere zu äußern."

Eine Selbstverständlichkeit und ein wirksames Mittel gegen schlechten Stil, sollte man meinen. Doch auf AgencySpy ist der (anonyme) Kommentar zu diesem Statement immer noch mit einem ignoranten "Nina DiSesa hasst dich, mich und alle, die Blogs mögen" überschrieben.