Angeklagt: Andrej Jerofejew Verbotene Kunst

Küssende Polizisten und Lenin am Kreuz: Sein mutiges Kunstverständnis wurde Andrej Jerofejew zum Verhängnis. Der russische Kurator steht ab Freitag vor Gericht.

Von Sonja Zekri

Die Solidarität unter den Künstlern ist groß, die Anklage grotesk, aber Andrej Jerofejew ist trotzdem sicher, dass er verliert: "In Russland gewinnt man keinen Prozess gegen die Regierung", sagt er. Jerofejew, Bruder des Schriftstellers Viktor Jerofejew, war bis zum Sommer Kurator der Tretjakow-Galerie und hat Ausstellungen entworfen, die den russischen Kunstbegriff auf die Probe stellten. Eine von ihnen war "Verbotene Kunst 2006" im Sacharow-Zentrum. Sie zeigte Werke von Künstlern wie Ilja Kabakow, darunter Jesus als Micky Maus und Lenin am Kreuz, versteckt hinter Wänden, sichtbar nur durch kleine Löcher. Nun sind Andrej Jerofejew und der inzwischen abgesetzte Leiter des Sacharow-Zentrums, Jurij Samodurow, angeklagt, religiösen Hass geschürt zu haben. "Man wirft uns sogar die Bildung einer kriminellen Organisation zum Zwecke der Zerstörung der geistigen Werte Russlands vor", sagt Jerofejew.

An diesem Freitag beginnt der Prozess in Moskau, wahrscheinlich wieder begleitet von Protesten russischer Künstler, die fürchten, sie könnten als nächste ins Visier rechtsextremer Saubermänner geraten. Diese stecken hinter der Klage in Gestalt eines nationalistisch-fundamentalistischen Grüppchens namens "Narodnyj Sobor", Volkskonzil, und haben, so Jerofejew, enge Beziehungen zum rechten Rand der orthodoxen Kirche und zum Kulturministerium.

"Michail Lermontow ist Mitglied des Volkskonzils und zugleich Berater des Kulturministers", so Jerofejew. "Es ist also nicht nur ein Prozess der orthodoxen Kirche gegen die moderne Kunst, dahinter stecken mächtige Leute in der Regierung." Auf Anfrage erklärt das Ministerium, Lermontow sei nicht mehr in der Behörde tätig. Jerofejew aber findet das ganze Verfahren skandalös: "Aus den Befragungsprotokollen weiß ich, dass die meisten Zeugen die Ausstellung nicht mal gesehen haben! Damit ist die ganze Sache doch gar nicht gerichtsfähig."

Bei einer Verurteilung droht Jerofejew eine Geld- oder Bewährungsstrafe, Samodurow aber bis zu fünf Jahren Haft. Er war schon einmal verurteilt worden, wegen der Vorgänger-Ausstellung "Vorsicht Religion".