Amoklauf in den Medien "Liebe Presse, ich weiß doch auch nichts"

Focus-Reporter fast am Ziel: Wie sich deutsche Medien am Tag des Amoklaufs in der globalen Gerüchteküche von Twitter verliefen.

Von Bernd Graff

Inzwischen hat sich das eingebürgert: Bei Großereignissen wird getwittert. Das heißt, es wird sowieso immer getwittert, rund um den Globus. Befindlichkeiten, Belanglosigkeiten und Banalitäten werden in den Kurzmitteilungen von maximal 140 Zeichen bei Twitter veröffentlicht, die größtenteils unter den Teppich der Aufmerksamkeit gekehrt gehörten. Doch bei Großereignissen verfallen Medien, alte wie neue, auf die Idee, den Microblogdienst Twitter als Informationskanal zu nutzen. Und zwar als Sender von Schnipseln, die es kaum wert sind, Nachricht genannt zu werden, wie auch als Empfänger von mutmaßlichen Augenzeugenmitteilungen.

Ratlosigkeit auch bei Twitter.

(Foto: Foto: Screenshot: twitter.com)

Am Tag des Amoklaufs von Winnenden suchten nahezu alle Online-Dienste Twitter auf, um schnellstens an Informationen aus erster Hand zu kommen. Und weil es tatsächlich eine Nutzerin mit Namen "tontaube" gab, die sehr früh twitterte ("ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!"), fühlten sich fast alle bestätigt, diesen Dienst als legitime Quelle zu nutzen. Eine Quelle, die er aber gar nicht sein kann, weil hier alles, jede Mutmaßung getwittert werden kann.

Angeblich sind am Mittwoch über 50 Meldungen pro Minute von unterschiedlichsten "Zeugen" immer unter dem Signet "#winnenden #amok" eingelaufen. Der Tagesspiegel sprach in seiner Online-Ausgabe vom "Ersten Twitter-Ereignis in Deutschland". "Tontaube" jedenfalls muss von Journalisten derart bedrängt worden sein, dass sie nicht einmal anderthalb Stunden nach ihrer Erstmeldung entnervt twitterte: "Liebe Presse: ich weiß doch auch nichts von dem Verrückten." Andere Medien verbreiteten ein Absurditätenstakkato: Der Täter sei gestellt, gefasst und/oder getötet worden. Die Polizei kam mit dem Dementieren kaum hinterher.

Nun ist es eins, eine unverlässliche Quelle zur Grundlage seiner Berichterstattung zu machen. Ein anderes ist es, sie selbst zur Verlautbarung zu nutzen. Auch das geschah. So twitterte Focus online die Erlebnisse eines Reporterteams auf dem Weg nach Winnenden, quasi auf dem Weg zur Arbeit, und anschließend vor Ort.

Bis die Reporter an den Schreckensort gelangten, sonderten sie Wasserstandsmeldungen zur eigenen Befindlichkeit ab: "Offenbar verwirrende Lage in #Winnenden. Focus-Reporter fast am Ziel, um sich selbst ein Bild zu machen.", - "Hubschrauber kreist über Kreuz Wendlingen auf der A8", - "Großaufgebot der Polizei vor #Winnenden. - "Focus-Reporter passieren erste Straßenkontrolle" - " Mehrere Einsatzwagen schießen an Focus-Online-Reportern vorbei. #Amokläufer in #Wendlingen getötet. Drehen ab nach Wendlingen!" All das ergab auch in der Summe kein konsistentes, journalistisch zu rechtfertigendes Bild, sondern nur heiße, mit ungeprüften Falschmeldungen gefüllte Luft.

Die netzeitung wiederum rieb sich auf ihrer Twitterseite an der Focus-Berichterstattung. Genauer: am Namen des Twitter-Accounts: "Wie pervers ist das denn? Focus Online twittert unter @amoklauf! Die schrecken ja vor nichts mehr zurück." Focus Online, die sich zu Beginn ihrer Horrortour noch veröffentlicht gefragt hatten: "Ist es verwerflich über Amokläufe zu twittern?" ersetzte den Namen später mit "Focuslive".

Nils Minkmar, Feuilletonist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und derzeit Vertretungsblogger von Stefan Niggemeier, griff die Frage nach der Verwerflichkeit auf und antwortete: Ja, das sei "in jeder Hinsicht unangemessen." (Korrektur des Autors: Sorry, es war Stefan Niggemeier selbst). Er, Niggemeier (nicht wie zunächst gemeldet Minkmar), finde es falsch, "die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter zu lenken." Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen.

Und die Botschaft kam an. Jochen Wegner, Chefredakteur von Focus Online, antwortete auf der Bloggerseite: "Wir werden einen Weg finden, Twitter und andere soziale Netzwerke so zu nutzen, dass sie beidem gerecht werden - den Netzwerken selbst und den journalistischen Standards."

Auf SZ-Anfrage, wie und ob man überhaupt Twitter unter Beibehaltung von journalistischen Standards nutzen könne, antwortete Wegner: "Nach langen Debatten haben wir uns entschlossen, einen von der Redaktion aktiv genutzten Account einzurichten. Die Herausforderung dabei: Twitter ist eben kein klassischer Medienkanal, sondern ein soziales Netzwerk - und wer sich an Neues wagt, macht hin und wieder Fehler. Die Standards lassen sich vorab nicht beliebig fein definieren."

Fragt sich nur, wie grob definiert Standards nur noch sein können, wenn das eigene Ethos als nicht mehr "beliebig fein" justierbar bezeichnet wird.