All diesen ergebensten Vertrauensbeweisen nun, das ist die andere Seite des neuen Umgangs mit dem Adel, entspricht dieser seinerseits mit einer offensiveren Herausstellung seiner begnadeten Pflichterfüllung in der Öffentlichkeit. Obgleich zu sie gut zu leben, zu speisen und sich zu kleiden wissen, setzen diese jungen Adligen sich doch ab von der anderen Traditionslinie der Aristokratie, nämlich von jener der hedonistischen Verantwortungslosigkeit. Sie folgen also nicht dem Typus des adligen Exzentrikers, der seinen Charakter einst aus Tanzschritten und bunten Gewändern, aus Genuss und Nichtstun gewann, demjenigen Typus mithin, der sich in der Champagner-und-Party-Fraktion des welfischen Pinkel-Prinzen zum Prolligen hin entwickelt hat.
Anzeige
In Friedenszeiten etwas Besonderes
Vielmehr kultivieren Figuren wie Guttenberg ihren Leistungswillen und ihre schöpferische, gestaltende Opferbereitschaft. Und sie sind geneigt, diese Eigenschaften viel lauter, als man es seit langem vernommen hat, nicht etwa mit ihrer individuellen Ausbildung und Befähigung zu begründen, sondern mit der "Verpflichtung" gegenüber ihrer Familiengeschichte. Ihre ererbte Tatkraft und Eloquenz, so die Botschaft, setzen sie nicht für hohles Palaver ein, sondern für eine neue Ernsthaftigkeit desjenigen, der zum Nutzen der Gemeinschaft etwas aus seinem Leben macht. So sagte Florian Henckel von Donnersmarck, der Regisseur von "Das Leben der Anderen", allen Ernstes kurz vor jener Oscar-Verleihung, in der er eine Trophäe gewann, zum Tagesspiegel: "Wann hat man schon die Möglichkeit, in Friedenszeiten etwas Besonderes für sein Land zu tun?"
Dieser bezeichnende Zusatz "in Friedenszeiten" verweist auf einen Mythos adligen Heldentums, dem zufolge der deutsche Wohlgeborene im Grunde immer honorige Absichten hat, allenfalls tragischen Missverständnissen unterliegt, aber in jedem Fall Rückgrat bewahrt, auch wenn gerade mal keine Friedenszeiten herrschen. Und so gerät die überraschend positive Aufnahme des adligen Wirtschaftsministers als eines Adligen in diesen Tagen in den Sog dessen, was man den Stauffenberg-Effekt nennen könnte.
Stil-Wechsel im Familienerbe
Die permanente Präsenz des Hitler-Attentäters Stauffenberg in jüngster Zeit hat nämlich dafür gesorgt, dass viele fälschlich denken, weil es einen adligen Widerstand gegeben hat, folge daraus auch der Umkehrschluss, dass die gesamte deutsche Aristokratie gegen die Nazis gekämpft und ihre Ehre behalten habe. Und weil heute die jüngeren Adligen persönlich als unbelastet auftreten können, gelingt es ihnen auch, den allgemeinen Makel des Versagens in der Nazizeit teils durch diesen Stauffenberg-Effekt, teils durch die Beschwörung einer viel weiter zurückreichenden, jahrhundertealten Ehrbarkeit und Anständigkeit zu entfernen. "Keine Macht vermag, dem Enkel zu nehmen, dass seine Vorfahren etwas gewesen sind", heißt es in einer (sonst durchaus kritischen) Schrift "Über den deutschen Adel" aus dem Jahre 1803, geschrieben von dem konservativen Reformer August Wilhelm Rehberg.
An der demonstrativen Berufung aufs Familienerbe lässt sich also ein Generationen- und Stil-Wechsel ablesen. Man schaue sich einmal zum Vergleich an, wie viel Aufhebens ein anderer adliger Wirtschaftspolitiker, Herrmann Otto Solms (eigentlich: Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich), um seine Herkunft gemacht hat: nämlich gar keines. Oder blicke auf den jungen neuen Wirtschaftsminister von Niedersachsen, der den Weg zu selbstloser Leistung und Opferbereitschaft in der Wirtschaftskrise gar als vietnamesisches Adoptivkind beschritten hat.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Minister Guttenberg: Falscher Vorname Die Welt als Wilhelm und Vorstellung 11.02.2009
- Opposition über Guttenberg "Den Schaden trägt das Land" 09.02.2009
- Guttenberg über Steinbrück "Vom Oberlehrer zum Referendar" 11.12.2008
- Debatte um Stauffenberg Die Entlarvung des 20. Juli 30.01.2009
- Streit um Stauffenberg Die Moderne und die Reaktionäre 03.02.2009
(SZ vom 19.02.2009/holz)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Ständig lese ich von 'Fürstinnen' und 'Adeligen'
Leider ignoriert man noch immer, dass es in Deutschland
so etwas seit 1920 nicht mehr gibt.
Die einzigen, in Deutschland noch gültigen Titel sind nicht
vererbbar: Dr. und Prof.
'Adelige' sind ganz abgeschafft.
Wer's nicht glaubt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Adelstitel#Deutschland
Grüsse
"...beleben den Glauben an die genetische Überlegenheit des Adels neu." - bei wem??! Anscheinend beim Verfasser dieses Artikels. ;-)
...dessen Freunde auch gleich mitgenannt werden.
M.E. ist es ein dicker schwarzer Fleck auf der weißen (?) Weste des Ministers mit den vielen Vornamen, dass Tom Cruise zu seinem Freundeskreis zählt.
Bei so einer Freundschaft müsste vielleicht erst einmal geprüft werden, ob nun nicht unsere Regierung von einem Scientology-Mitglied unterwandert ist.
Es wäre ein Skandal, wenn diese Überprüfung nicht stattgefunden hat.
Herr Johann von Schloeman klingt doch richtig gut und wäre eine angemessene Belohnung für die Mühe, den Fakten solche Sprünge beizubringen. Der deutsche Adel ist schon eine ganz außergewöhnliche Klasse. Da hatten wir doch vor kurzem noch diesen Fürst mit einer reizenden blonden (?) Begleiterin.
Erst jetzt entdeckt, der Guttenberg Effekt.
Wollt ihr uns verkackeiern, SZ? Oder den Wechsel der Eliten einleuten. Vom Geldadel zurück zum real feudalism? Sollen wir den 1 Euro Prinzen jetzt zum Kandesbunzler machen? Und den Prügelprinzen zu seinem Außen?
Darauf erst einmal nen Kaffee
Paging